"Eine Geschichte aus einem anderen Land" – eine Geschichte von Hanna Balmer - Young Circle

«Eine Geschichte aus einem anderen Land» – eine Geschichte von Hanna Balmer

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«Eine Geschichte aus einem anderen Land» – eine Geschichte von Hanna Balmer

Im hohen Norden, zwischen den Bergen Clara und Atra, gibt es ein anderes Land. Dieses Land hat eine Königin. Den Tag über ist sie ernst und pflichtbewusst, steif und streng. Wie eine Königin so sein muss.

Nebelschwaden umwaberten die Spitzen der Herbstburg und das Wasser im Burggraben floss ruhig vor sich hin. Die Sonne war noch nicht zu sehen, die Gegend noch kalt. Ein sanfter Wind wehte, vom Norden her und brachte die goldigen Blätter zum Rascheln. Er erzählte jedoch noch nichts von einer Geschichte aus einem anderen Land.

Die Dächer der Häuser im Dorf, das schlummernd zu Füssen der Burg lag, waren von königlichem Dunkelrot und bedeckten die gelbgrüne Grasebene wie ein friedliches Kissen, das Geborgenheit versprach.

Das Dorf roch nach Schlaf, und so auch die Burg, abgesehen von einem einzelnen Zimmer im Nordturm. Es leuchtete wie der Morgenstern am Himmel, hell und durchdringend. Ebendieses Zimmer sollte die besagte Geschichte aus einem anderen Land zuerst erreichen.

An einem anderen Ort, in einem Wald voller Schatten, galoppierte eine Gestalt auf einem rabenschwarzen Pferd zeitgleich und fast so schnell wie der Wind in Richtung Süden. Man erkannte nicht viel von der Gestalt, was an der Dunkelheit lag, die sie anzog, nur die Augen, die weiss leuchteten, hell und durchdringend wie das Zimmer der Burg.

Die Gestalt trug etwas bei sich, eine Geschichte aus einem anderen Land, bereit, sie mit jemandem zu teilen.

Sie ritt weiter, die Gestalt, aus dem finsteren Wald, doch die Schwärze um sie herum blieb und das Leuchten der Augen wurde stärker. Neben ihr tauchte ein Fluss auf, wie eine glitzernde Schlange, und die ersten Sonnenstrahlen brachen durch die Wolkendecke. Es wurde wärmer. Ohne Halt und ohne sein Tempo zu drosseln trug das Pferd seinen Reiter weiter.

Auch die Burg und das Dorf wurden von den Sonnenstrahlen erreicht. Langsam färbte das Licht die Dächer feuerrot und Menschen begannen im Dorf herumzuwuseln, ebenso in der Burg. Hektik erfüllte die Gegend, nicht jedoch erfüllte sie das eine Zimmer im Nordturm. Dieses Zimmer strahlte nämlich Gelassenheit aus, es wartete auf eine Geschichte aus einem anderen Land.

Grund dafür, dass es so hell strahlte, war, dass es auch in diesem Zimmer eine Gestalt gab, ähnlich jener, die auf dem rabenschwarzen Pferd nach Süden ritt. Auch von der Gestalt im Zimmer konnte man nicht viel erkennen, ausser den Augen, die bei dieser Gestalt allerdings in einem kühlen Schwarz schimmerten, da sie keine Finsternis anzog, sondern das Licht, und in jenem lodernd hell leuchtete. Sie hockte auf dem Fenstersims und schaute nach Norden, den Horizont absuchend. Starr sass sie da, bewegte sich nicht.

Doch dann erblickte sie einen Reiter, umwogen von Dunkelheit. Er ritt schnell, fast so schnell wie der Wind und steuerte die Burg an. Die Gestalt am Fenster gab ein Zeichen und daraufhin wurde es still in der Burg. Nur die Wächter am Tor liessen die Zugbrücke mit einem lauten Knarzen auf den Burggraben hinunter.

Der schwarze Reiter kam immer näher, noch zügelte er sein Pferd nicht. Mit voller Geschwindigkeit ritt er über die Brücke in die Burg und kam dann ganz plötzlich im Burghof zum Stehen.

Elegant stieg er von seinem Reittier hinunter und steuerte mit langen Schritten auf die Treppe zu. Die Leute, an denen er vorbeikam, starrten ihm mit offenem Mund hinterher. Immer zwei Treppenstufen auf einmal nehmend stieg er anmutig die Treppe zum Nordturm hinauf.

Als er am oberen Ende der Treppe angekommen war, war er keineswegs ausser Atem. Er stand nun vor einer Tür aus Nussbaumholz, verziert mit unglaublich vielen Szenen, die für immer in diesem Holz festgehalten wurden. Direkt über dem Türknauf sah man ein zauberhaftes Schloss. Er klopfte an und trat ein.

«Sei gegrüsst, Bruder», tönte ihm eine helle, melodische Stimme entgegen. «Welche Geschichte wirst du mir heute erzählen?» Er räusperte sich und erwiderte dann: «Sei auch du gegrüsst, Schwesterherz. Heute erzähle ich dir eine Geschichte aus einem anderen Land.» Er setzte sich in den smaragdgrünen Sessel, gegenüber seiner Schwester auf dem Fenstersims, holte tief Luft und begann mit seiner tiefen, angenehmen Stimme zu erzählen.

«Im hohen Norden, zwischen den Bergen Clara und Atra, gibt es ein anderes Land. Dieses Land hat eine Königin. Den Tag über ist sie ernst und pflichtbewusst, steif und streng. Wie eine Königin so sein muss. Sie sitzt aufrecht auf ihrem Thron und hört ihrem Volk zu. Sie ist nicht zu unmenschlich vor ihren Leuten, dafür aber hart mit ihren Feinden. Das Urteil über jene, die die Gesetze und somit auch den Frieden verletzen, spricht sie mit fester Stimme, manchmal weist sie ihnen auch den Weg zum Tod. Sie versucht fair zu sein und immer im Recht, denn wenn sie das nicht ist und falsche Entscheidungen trifft, plagt sie das meist wochenlang.

Doch wenn ihre politische Verfügbarkeit mit dem Untergang der Sonne zu Ende ist, wenn ihr letzter Minister sich vor ihr verbeugt und den Thronsaal verlassen hat, wenn die Fackeln, die den ganzen, langen Tag über gebrannt haben sich langsam dem Ende zuneigen und es immer dunkler im Saal wird, beginnt sie sich zu entspannen. Sie lockert ihre Schultern und setzt sich seitwärts auf ihren Thron, so, dass sie den Mond durch das Fenster hinter ihr sehen kann. Dann lässt sie los. Sie lässt ihren Ideen freien Lauf, sie beginnt zu träumen. Sie nutzt all die Fantasie, die sie den Tag über nicht nutzen konnte. Sie erfindet die Monster, die in den dunklen Ecken sitzen, mit all ihren Vorlieben und Abneigungen. Sie belebt Drachen, manchmal ein Eisdrache, der mit seinem klirrekalten Atem so gut wie jedes Lebewesen zum Erstarren bringen kann, manchmal ein Lichtdrache, dessen Schönheit einen erblinden lässt. Sie erschafft aber auch friedliche Wesen, Vögel, die aus dem Mondlicht auferstehen und mit dem Beginn des Morgens zerfallen und Pferde, die von den Wogen des Meeres geboren werden und zusammen mit dem Wind die Ozeane bestreiten. All diese Geschöpfe und noch viele mehr entspringen des Nachts ihren Gedanken und werden belebt durch ihre Fantasie.

Und weisst du, weshalb ich dir diese Geschichte erzählt habe? Weil wir selbst durch die Hand ebendieser Königin erschaffen worden sind, durch ihre Fantasie haben unsere Herzen zu schlagen begonnen. Trage nun du, Schwesterherz, ebendiese Geschichte in deinem Herzen, diese Geschichte aus einem anderen Land.»

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