Schon seit einer halben Ewigkeit bin ich in seinen azurblauen Augen versunken. Die Sonne prickelt auf meiner goldbraunen Haut. Ein leichter Wind fährt durch meine nussbraunen gelockten Haare. Plötzlich werde ich aus meiner starren Position gerissen. Die azurblauen Augen wenden sich ab. Ich blinzle und verändere meine Position. «Hey, bist du noch da?» Der Typ mit den azurblauen Augen wedelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. Ich blinzle verdutzt. Mein Freund – Marvel, er sitzt im Schneidersitz vor mir und lächelt mich an. «Du solltest dich konzentrieren, nicht mich anstarren» Ich spüre, wie mir die röte ins Gesicht schiesst. «Entschuldige» sage ich verschämt. Er wirft sein Haar zurück. Angeberisch sagt er: «Ich weiss, ich bin eben einfach umwerfend.» Ich boxe ihm in die Seite. Er lacht, es hört sich aber so an, als würde Luft aus einem Ballon entweichen. Ich stimme in das Gelächter ein. «Okay, okay. Jetzt müssen wir aber weitermachen. In zwei Tagen ist doch die Prüfung für die Aufnahme an der Akademie für Telekinese» Wir holen tief Luft und fangen gleich wieder an zu lachen. Er drückt mir einen zarten Kuss auf die Lippen und sagt: «So, jetzt aber wirklich.» Ich schliesse die Augen. Ich höre den Lärm der Stadt in der Ferne. Das leise Rauschen eines Baches. Die Geräusche des Waldes. Das Pochen meines Herzens. Ich spüre den leichten Luftzug seines Atems. Der Geruch von Lavendel und Kiefernnadeln steigt mir in die Nase. Ich atme ein und aus, konzentriere mich auf den Krug, der zwischen uns steht. Auf einmal gleite ich gedanklich in ein dunkles Nichts. Nur noch ich, und der Krug vor mir. Ich spüre, wie sich die Energie meines Geistes bündelt. Ich forme die gebündelte Energie zu einer Hand. Ich strecke sie aus. Vor meinen Augen beginnt es zu flimmern. Plötzlich werde ich durch ein Dröhnen aus meiner Konzentration gerissen. Jemand schreit mich an. Ich werde aus dem Nichts gezogen, bevor ich den Krug greifen kann. Ich öffne die Augen. Ein schwarzer Nebel fliesst durch den Wald. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinunter. Im Nebel sind Umrisse von Gestalten zu erkennen. Marvel packt mich an den Schultern und sagt mit erhobener Stimme: «Kaida, vertrau mir, du musst jetzt rennen, egal was passiert» In der unendlichen Stille widerhallen seine Worte. Meine Instinkte übernehmen die Oberhand. Ich renne so schnell ich kann.
Marvel ist direkt hinter mir. Der Nebel breitet sich immer schneller aus. Ich schaue nicht nach hinten, als Marvels Schrei ertönt. Ich renne. Heisse Tränen laufen mir über die Wangen. Die Stille trägt ein leichtes «ich liebe dich» zu mir. Ein leises Wimmern entfährt mir. Meine Lunge brennt. Doch ich renne weiter. Ich sehe die Weide, die zu unserem Haus führt. Zuhause angekommen atme ich keuchend ein und aus. Meine Mutter eilt bestürzt die Treppe hinunter. Durch das Fenster sieht sie den Nebel, der langsam aus dem Wald fliesst. Ich wage es zurückzuschauen. Er ist nicht hier. Er ist im Nebel verschwunden.
In meinem Hinterkopf schwirren die leisen Worte «Ich liebe dich» immer und immer wieder. «Ich liebe dich auch», hauche ich über meine Lippen, bevor mir schwarz vor Augen wird.
Langsam wache ich auf. Ich möchte nicht aus diesem geborgenen Nichts gezogen werden. Doch die Realität holt mich ein. Ich höre den Schrei von Marvel, das «ich liebe dich», ich spüre seine Lippen auf meinen. Ich öffne die Augen. Meine Mutter schaut mich an. Um uns herum sind alle Fenster verbarrikadiert. Ich schliesse die Augen, versuche zurück in die Dunkelheit zu gelangen. Doch ich schaffe es nicht. Nach ein paar Minuten gebe ich auf. Ich setze mich auf. Meine Mutter reicht mir ein Glas Wasser. Ich nehme es dankend an und trinke es in einem Zug leer. «Kaida, bist du mit dem Nebel in Berührung geraten?» Ich schüttle den Kopf. Ich blicke ihr in die Augen. Tränen bilden sich in meinen. Krächzend sage ich: «Marvel, wo ist er?» Meine Mutter schüttelt den Kopf. Hinter meiner Mutter streckt eine kleine Kinderhand ein Stofftier hoch. Ich sehe meinen Bruder an und nehme das Stofftier entgegen. Ich drehe mich auf die Seite, das Stofftier fest umschlungen. Die Müdigkeit überrollt mich. Ich gleite zurück in die geborgene Dunkelheit.
Als ich die Augen öffne, scheint die Sonne in mein Gesicht. Ich weiss nicht, wie lange ich geschlafen habe. Ich stehe auf, laufe zum Fenster und blicke hinaus. Der Nebel hat sich zurückgezogen, soweit das es nur noch den Wald umhüllt. Ich wende mich vom Fenster ab und laufe in das Zimmer meines Bruders. Es ist leer. «Mom, Mom, hast du Kayo gesehen? Er ist nicht in seinem Zimmer!» «Bist du sicher, dass er nicht in seinem Zimmer ist?» «Ja!» Jetzt wird auch meine Mutter Nervös. «Du suchst im Haus nach ihm, ich gehe in die Stadt.» Sie zieht sich schnell die Schuhe über und rennt aus dem Haus. Ich beginne auf dem Dachboden mit der Suche und arbeite mich langsam nach unten. Als ich schlussendlich in jedem Quadratzentimeter des Hauses alles abgesucht habe, stehe ich wieder am Fenster und schaue hinaus. Dort steht er; auf der Weide, zu nahe am Wald, zu nahe am Nebel. Ich reisse die Tür auf, und renne los. Ich spüre den Boden unter meinen Füssen. Bevor ich zu ihm komme, ist es zu spät. Er macht einen Schritt nach vorne, und verschwindet im Nebel. Ich renne schneller. Vor dem Nebel bleibe ich stehen und zögere. Ich berühre den Nebel mit den Fingerspitzen. Er fühlt sich kühl auf meiner Haut an. Ich atme tief ein und dann, trete ich ein. Nicht weit vom Waldrand entfernt, liegt mein Bruder am Boden. Ein Schrei entfährt mir. Er atmet schwer. Schwarze Adern zieren seine Haut. Ich sinke auf die Knie. In der Ferne sehe ich eine umhüllte Gestalt auf mich zukommen, bis sie vor mir stehen bleibt. Unter der Kapuze blitzen azurblaue Augen auf. «Marvel», flüstere ich. Er streckt seine Hand nach mir aus. Doch seine Augen werden schwarz. Alles wird Schwarz.
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