"Zwischen Melodien und Kaffeegeschmack" - Eine Geschichte von Laura Spartà - Young Circle

«Zwischen Melodien und Kaffeegeschmack» – Eine Geschichte von Laura Spartà

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«Zwischen Melodien und Kaffeegeschmack» – Eine Geschichte von Laura Spartà

Und plötzlich verstand ich, was Lia vorher meinte. Musik lebte von Gefühlen. Auch wenn die Songzeilen jemand anderes geschrieben hatte, kamen sie aus meinem Herzen. Nahmen meine Nervosität mit, verliessen meinen Mund und füllten den Raum voller neuer Energie.

«Chiara, kannst du mir bitte die Milch reichen?», rief Emilia mir über das Summen der Kaffeemaschine hinweg zu. Ich stellte den Törtchenteller auf den Tresen, wischte mir die Hände an der Schürze ab und eilte zu ihr. «Hier.» «Wir würden gern zahlen!» «Komme», rief ich dem winkenden Kunden zu und nahm auf dem Vorbeiweg das Zahlungsgerät mit. Nachdem ich dem Mann die Quittung in die Hand drückte und Tisch vier noch einen Zitronenkuchen brachte, atmete ich tief durch. «Viel los heute, was?», meinte Emilia lachend. «Was du nicht sagst.»

Ich liess den Blick über das Café streifen. Leise Musik untermalte die Gespräche der Leute. Jeder Tisch war besetzt und wir mussten sogar noch zwei Stühle aus dem Lager holen. «Darf ich noch ein Getränk bestellen?», fragte die Frau mit den Kindern vor uns. «Ich geh schon», meinte Emilia und nahm die Bestellung auf, während ich mich den Arbeiten hinter der Theke zuwandte.

***

Drei Stunden später war das Café leer. Emilia hatte sich heute schon früher verabschiedet, da sie noch verabredet war, und ich räumte alleine auf. Draussen wurde es bereits dunkel, während ich das restliche Geschirr in die Spülmaschine einräumte und mir dann den Besen schnappte. Leise summte ich eine Melodie, die schon seit Tagen in meinem Kopf war, und wischte entspannt den Boden.

«Kann ich noch einen Kaffee bestellen?» Mit einem Schrei fuhr ich herum und liess den Besen scheppernd zu Boden fallen. Vor mir stand ein junger Mann, dessen braune Augen sich amüsiert in meine bohrten. «Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.» Ich räusperte mich verlegen. «Alles gut, ich habe die Klingel wohl überhört. Wir haben schon geschlossen, Sie können gerne morgen ab neun Uhr wieder kommen.»

Er blieb stehen und schaute mich weiter an. «Was war das für ein Lied?», fragte er. Ich brauchte einen Moment um zu realisieren, dass er mein Summen meinte. «Ach, das war nichts Bestimmtes, nur eine Melodie in meinem Kopf.» Während ich abwinkte, betrachtete er mich noch einen Moment länger, ehe er sich dem Ausgang zuwandte. «Einen schönen Abend noch.» «Danke gleichfalls», murmelte ich und hob den Besen auf, um dort weiterzumachen, wo ich unterbrochen wurde.

***

«Guten Morg- ah, Sie sind’s». Ich lächelte dem Mann zu, der gemeinsam mit dem leisen Klingeln das Café betrat. «Da bin ich wieder», meinte er schmunzelnd. «Dann hätte ich jetzt gerne einen Kaffee.» «Kommt sofort.» Ich drehte mich zur Kaffeemaschine und tippte anschliessend die Bestellung in die Kasse.

«Da ist es wieder.» Verwundert drehte ich mich um. «Bitte?» «Diese Melodie. Die gleiche wie gestern, richtig?» Überrascht hob ich die Brauen. Hatte ich etwa wieder gesummt? «Ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten, aber ich spiele mit ein paar Freunden in einer Band und uns fehlt noch eine Sängerin.» Er griff in seine Jeansjacke und legte einen Flyer auf den Tresen. «Irgendwie habe ich das Gefühl, Sie würden gut zu uns passen.» Völlig überrumpelt blickte ich auf das Foto, das drei junge Erwachsene zeigte. Einen Mann hinter dem Schlagzeug, eine Frau am Keyboard und den Mann vor mir mit einer Gitarre umgebunden.

«Entschuldigt, dass ich mich einmische, aber Sie haben eine Band?» Emilia trat plötzlich neben mich. Der Mann, dessen Namen ich nicht kannte, nickte und deutete auf den Flyer. «Seit neustem, ja.» Emilia gab einen begeisterten Laut von sich. «Oh, das Schicksal hat Sie gerufen! Wir haben am Samstag einen Gig hier im Café, aber die Band hat kurzfristig abgesagt. Können Sie sich vorstellen, hier zu spielen?» Ruckartig wandte ich den Blick zu meiner Arbeitskollegin. «Die Band hat abgesagt?!» Na grossartig, wir hatten den Abend schon so gross beworben. «Das wäre eine grosse Ehre», stimmte er zu, was Emilia laut jubeln liess. «Allerdings brauchen wir eine Sängerin.» Und plötzlich lagen beide Blicke auf mir.

«Ich… singe nicht.» Naja, ausser unter der Dusche, aber das zählte nicht. «Oh komm schon Chiara, dein Gesumme klingt immer so schön und du würdest den ganzen Abend retten. Bittebittebitte.» Emilia faltete die Hände flehend zusammen, während ich verwirrt darüber nachdachte, ob ich wirklich so oft unbewusst summte. «Okay», willigte ich schliesslich ein und fragte mich noch in derselben Sekunde, ob ich das später bereuen würde.

***

«Sind das viele Leute», murmelte ich Angelo zu, der sich gerade seine Gitarre umband. Nachdem er vor drei Tagen im Café aufgetaucht war, hatte er mir seine Nummer gegeben und mir die Songs geschickt, die ich daraufhin rauf und runter gesungen hatte. Aber ob das für einen Auftritt reichte…

«Das wird schon.» Ermutigend klopfte er mir auf die Schulter. Ich schluckte und blickte mich im Café um. Es waren bestimmt um die fünfzig Leute da, wir hatten alle Tische zur Seite geschoben und das Licht gedimmt. «Bist du nervös?», fragte mich Lia, die Keyboardspielerin. Ich nickte und war mir beinahe sicher, dass sie mein wildklopfendes Herz hören konnte. «Das ist gut. Musik lebt von Gefühlen. Mach was damit.» Sie zwinkerte mir zu.

«Ladies and Gentleman, bitte einen Applaus für unsere Band!», kündete Emilia uns an, was unser Stichwort war, die Bühne zu betreten. Ein Wunder, dass ich nicht umkippte, mit meinen wackeligen Beinen. Mateo gab mit seinen Drumsticks den Beat an, dann begannen sie zu spielen. Ich atmete tief ein und schloss die Augen. Umfasste den Mikrofonständer und begann zu singen. Erst ganz leise, die geschlossenen Augen halfen mir, den Rest auszublenden und mich alleine auf die Musik zu konzentrieren.

Mit jedem Ton, jedem gesungenen Wort, wurde meine Stimme ein kleines bisschen fester, ein kleines bisschen lauter. Und plötzlich verstand ich, was Lia vorher meinte. Musik lebte von Gefühlen. Auch wenn die Songzeilen jemand anderes geschrieben hatte, kamen sie aus meinem Herzen. Nahmen meine Nervosität mit, verliessen meinen Mund und füllten den Raum voller neuer Energie. Erst nachdem das Lied endete, öffnete ich die Augen. Sah zuerst zu den Bandmitgliedern, die mir begeistert zunickten. Dann in die Menschenmenge, die in einen tosenden Applaus verfiel. In dem Moment wusste ich, dass ich nicht zum letzten Mal auf der Bühne stand. 


                                     

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