"Zwischen Kaffee und Regen" - Eine Geschichte von Jusra Najafie - Young Circle

«Zwischen Kaffee und Regen» – Eine Geschichte von Jusra Najafie

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«Zwischen Kaffee und Regen» – Eine Geschichte von Jusra Najafie

Iris versucht, ihr chaotisches Leben zwischen Schule, Arbeit im Café und der Alkoholabhängigkeit ihrer Mutter irgendwie zusammenzuhalten. Als der geheimnisvolle Damian plötzlich in ihr Leben tritt, bringt er unerwartet Hoffnung in ihren Alltag. Doch hinter seiner ruhigen Fassade verbirgt auch er tiefe Wunden. Als sich ihre Wege erneut kreuzen, erkennen beide, dass sie einander genau in den Momenten brauchen, in denen sie selbst glauben, nicht mehr stark genug zu sein.

Iris’ Leben fühlte sich oft wie ein Albtraum an. Nach der Schule arbeitete sie im Café, um wenigstens etwas Kontrolle über ihren Alltag zu behalten. Der Duft von Kaffee, das Klappern von Tassen und das Summen der Kaffeemaschinen waren verlässlich, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die nach dem Tod ihres Vaters immer tiefer im Alkohol versank, und den Lehrern, die jede kleine Unaufmerksamkeit mit Enttäuschung und Minuspunkten bestraften. Nebenbei war das Geld zuhause knapp geworden, gerade genug, um über die Runden zu kommen.

An diesem Nachmittag lag eine ungewöhnliche Ruhe über dem Café. Regen prasselte gegen die Scheiben. Iris kritzelte in ihren Block und versuchte eine kleine Blume zu zeichnen. Doch die Linien waren schief und das Bild wollte sich einfach nicht zusammenfügen.

Plötzlich sah sie aus dem Augenwinkel, wie etwas neben ihren Füssen zu Boden fiel.

Ein Blatt Papier.

Verwundert hob sie es auf. Darauf war eine detaillierte Zeichnung. Perfekt, mit feinen Linien und Schattierungen. Viel schöner, als sie selbst es je hätte zeichnen können. Sie war so vertieft ins Zeichnen gewesen, dass sie das Eintreten des Mannes überhörte.

„Oh … gehört das dir?“, fragte sie neugierig.

„Vielleicht.“ antwortete ihr eine tiefe und ruhige Stimme.

Iris blickte auf. Vor ihr stand ein junger Mann mit dunklen Haaren und einem schiefen Lächeln, das gleichzeitig Humor und etwas Geheimnisvolles ausstrahlte.

„Ich glaube, ich hab’s fallen lassen“, sagte er. „Für jemanden, die ein bisschen Hoffnung braucht.“

Iris spürte, wie ihre Wangen warm wurden. „Danke … es ist wirklich schön.“

Ohne zu lächeln, stellte er sich vor. „Damian.“

„Iris.“

Damian kam später öfter ins Café, immer an denselben Tisch. Er zeichnete oft, sprach wenig, lachte aber trocken über ihre Kommentare. Iris versuchte immer wieder, ihn über sein Leben auszufragen, doch Damian wich den Fragen aus. Trotzdem spürte sie, dass er hinter seiner kühlen Fassade etwas versteckte, das nur sie bemerkte.

Nach der Schicht begleitete Damian sie, da sie spätabends das Café verliess. Damian meinte, das sei zufällig auch sein Nachhauseweg. Anfangs sprachen sie kaum, doch langsam wurden die Gespräche länger. Damian hatte eine Art, seine dunkle Aura mit Humor zu mischen, die Iris gleichzeitig anzog und einschüchterte.

„Abends ist es wirklich kalt, vorhin war’s doch warm?“ dachte Iris und fröstelte.

Ohne ein Wort zu sagen zog Damian seine Jacke aus und legte sie ihr über die Schultern.

„Du musst nicht-“

„Doch“, sagte er schlicht.

Damian stand hinter ihr, als sie ihre Wohnung betreten wollte. Sie öffnete die Tür und ihr Herz blieb stehen. Heute Abend sollte wie jeder Abend sein. Mutter lag auf dem Boden, die Vodkaflasche neben ihr. Das, was sie am meisten fürchtete, war passiert. Panik schoss durch Iris wie ein eisiger Griff, der ihr die Kehle zuschnürte.

„Mom …!“

 Das kann ihre Mutter nicht machen. Nicht jetzt. Sie kann nicht noch ein Elternteil verlieren.

„MOM!“

Damian war sofort neben der Frau. Er kniete sich hin, prüfte ihren Puls und beobachtete ihren Atem.

„Sie lebt noch“, sagte er ruhig und griff nach seinem Handy, um den Notruf zu wählen.

Iris konnte kaum atmen. Ihre Hände zitterten unkontrolliert. Damian bemerkte es sofort und zog sie sanft an sich.

„Hey…ich hab dich, atme, konzentriere dich auf mich.“ flüsterte er Iris zu.

Sie klammerte sich an ihn, roch seinen vertrauten Duft nach Kaffee und Seife und lauschte dem Geräusch von Regen. Minuten später hörte sie endlich die Sirenen des Krankenwagens.

Im Krankenhaus blieb Damian die ganze Nacht bei ihr. Schliesslich kam eine Krankenschwester aus dem Zimmer und erklärte, dass Iris’ Mutter stabil sei und Ruhe brauche.

Langsam fiel die Anspannung von Iris ab. Sie lehnte ihren Kopf gegen Damians Schulter, bis ihre

Augen zufielen. Erst als ihr Atem ruhiger wurde, legte Damian vorsichtig seine Jacke über sie, stand auf und verschwand leise gegen Morgengrauen.

Wochen vergingen. Damian kam nicht mehr ins Café.

Iris fühlte sich verwirrt und verletzt. Sie verstand nicht, warum er einfach verschwunden war.

Eines Abends ging sie nach der Arbeit durch die nassen Strassen. Die Strassenlichter spiegelten sich im Asphalt. Vor einer kleinen Bar hatte sich eine Menschenmenge gebildet.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Iris vorsichtig.

„Ein Junge ist eben zusammengebrochen“, antwortete jemand.

Iris’ Blick fiel auf die Person am Boden und ihr Herz setzte aus.

„Damian!“

Sie drängte sich durch die Leute und kniete sich neben ihn. Sein Gesicht war blass, seine Augen halb geschlossen. Neben ihm lag eine leere Flasche, und Alkohol hing in der Luft.

„Damian … hörst du mich?“

Langsam öffnete er die Augen.

„Iris …?“

Die Umstehenden zerstreuten sich langsam, als sie sahen, dass sich jemand um ihn kümmerte. Die Nacht war kalt, und diesmal legte sie ihre eigene Jacke um ihn. Iris half ihm vorsichtig aufzusetzen und stützte seinen Arm über ihre Schultern.

„Du zitterst“, sagte sie leise.

Seine Knie gaben nach und er sank gegen sie.

„Iris … ich weiss nicht, wie ich das alles tragen soll“, flüsterte er.

Zum ersten Mal öffnete er sich.

„Meine Mutter… sie hat mich verlassen, als ich klein war. Mein Vater… er war nie da, nur seine Erwartungen, die ich nie erfüllen konnte… ich dachte, vielleicht bin ich nicht genug… für irgendjemanden. Dass ich wieder jemanden verletzen werde.“

Iris hielt ihn fest, die Stirn an seiner Brust, spürte, wie seine ganze Anspannung sich in ihm sammelte. Er hob den Kopf, Augen voller Schmerz.

„Hör auf, mich so anzusehen“, murmelte er. „Als wäre ich jemand, der geliebt werden kann.“

Iris nahm sein Gesicht in ihre Hände.

„Damian“, sagte sie sanft. „Hör auf, dich selbst zu hassen. Ich sehe dich, jeden gebrochenen Teil, jede Angst. Und ich liebe dich trotzdem. Ich bleibe bei dir, selbst wenn du dich nicht mehr halten kannst.“

Dann zog Iris ihn in eine feste Umarmung, als wollte sie all die Last von seinen Schultern nehmen. Tränen liefen über ihr Gesicht, diesmal nicht aus Verzweiflung, sondern aus Wärme und Hoffnung.

Schliesslich half sie ihm auf die Beine.

Er hielt ihre Hand fest und liess sie nicht mehr los. Er trat in ihr Leben.

Und er blieb.

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