"Zwischen den Zeilen des Sturms" - Eine Geschichte von Cheyenne Zaugg - Young Circle

«Zwischen den Zeilen des Sturms» – Eine Geschichte von Cheyenne Zaugg

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«Zwischen den Zeilen des Sturms» – Eine Geschichte von Cheyenne Zaugg

Als ein plötzliches Unwetter den letzten Zug streicht, bleibt Lina am Bahnhof gestrandet. Ein Fremder namens Noah bietet an, gemeinsam Schutz vor dem Sturm zu suchen. In einem kleinen Café entdecken sie, dass manche Begegnungen genau dann passieren, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Der Sturm kam schneller als angekündigt.
Lina stand am Bahnhof, als die Anzeigetafel flackerte und schließlich erlosch. Der letzte Zug war gestrichen. Der Wind fuhr ihr durch die Haare, Regen prasselte gegen das Glasdach, und für einen Moment fühlte sie sich seltsam verloren.
„Du steckst auch fest?“
Sie drehte sich um. Vor ihr stand ein Junge mit dunkler Jacke und einem halb durchnässten Rucksack. Seine Stimme war ruhig, fast gelassen, obwohl der Sturm um sie herumtobte.
„Sieht so aus“, antwortete Lina.
„Ich bin Noah.“
„Lina.“
Ein Blitz zuckte über den Himmel, so hell, dass für Sekunden alles in grelles Licht getaucht wurde. Als es wieder dunkler wurde, lächelte Noah sie an – nicht aufdringlich, sondern vorsichtig, als würde er fragen, ob dieses Lächeln erlaubt sei.

Plötzlich ertönten die Lautsprecher «Der Bahnhof wurde evakuiert. Zu unsicher,» sagten die Lautsprecher. Die wenigen Wartenden verteilten sich in alle Richtungen. Lina hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollte. Ihr Handy zeigte kaum noch Akku.
„Ich kenne ein altes Café zwei Straßen weiter“, sagte Noah. „Es hat Notstrom. Zumindest hoffe ich das.“
normalerweise wäre Lina nicht mit einem Fremden gegangen. Aber irgendetwas an Noah war anders. Vielleicht die Art, wie er Abstand hielt. Vielleicht der Blick, der nicht forderte, sondern fragte.
Sie liefen nebeneinander durch den Regen. Der Wind drückte gegen ihre Schritte, und mehr als einmal griff Noah nach ihrer Hand – nicht um sie festzuhalten, sondern um sicherzugehen, dass sie nicht ausrutschte. Jedes Mal ließ er sie sofort wieder los.
Das Café war tatsächlich geöffnet. Warmes Licht fiel durch die Fenster, und das leise Summen eines Generators war zu hören. Drinnen war es ruhig. Ein paar Kerzen flackerten auf den Tischen.
Sie setzten sich ans Fenster. Draußen heulte der Sturm, drinnen war es still.
„Magst du Gewitter?“, fragte Noah.
Lina schüttelte den Kopf. „Früher schon. Bis…“ Sie stockte.
„Bis?“
„Bis ich bei einem Sturm allein war und dachte, niemand kommt zurück.“
Noah sagte nichts. Er sah sie nur an. Nicht neugierig. Nicht drängend. Einfach da.
„Ich war damals am Meer“, fuhr sie fort. „Meine Eltern waren noch draußen, als das Wetter umschlug. Ich habe stundenlang gewartet.“
„Sind sie zurückgekommen?“
„Ja“, sagte sie leise. „Aber das Warten war schlimmer als alles andere.“
Ein weiterer Blitz erhellte den Raum. Für einen Moment sah sie Noahs Gesicht klarer      

„Ich weiß, wie sich Warten anfühlt“, sagte er schließlich. „Mein Bruder ist vor zwei Jahren einfach gegangen. Ohne Erklärung.“
Die Worte hingen zwischen ihnen, wie der Sturm draußen. Lina spürte, dass hinter seiner ruhigen Stimme etwas Unausgesprochenes lag. Eine Spannung, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte.
Plötzlich flackerte das Licht. Der Generator stotterte.
Das Café wurde dunkler.
Ein lautes Krachen hallte durch die Straße. Beide fuhren zusammen. Für einen Moment war nur das Tosen des Windes zu hören.
Lina merkte, dass ihre Hand die Tischkante umklammerte. Noah beugte sich ein Stück näher. „Hey“, sagte er leise. „Wir sind hier drin. Es ist nur der Sturm.“
„Und wenn er stärker wird?“
„Dann warten wir zusammen.“
Diese drei Worte trafen sie unerwartet tief.
Das Licht ging kurz ganz aus. Dunkelheit umgab sie. Lina hörte nur ihren Atem – und dann spürte sie Noahs Hand. Diesmal hielt er sie fest. Nicht fest genug, um sie einzuengen. Fest genug, um da zu sein.
Als das Licht zurückkehrte, ließen sie sich beide nicht sofort los.
„Ich glaube“, sagte Lina leise, „ich hatte weniger Angst vor dem Sturm als davor, wieder allein zu sein.“
Noah lächelte schwach. „Du bist nicht allein.“
Draußen begann der Regen langsam nachzulassen. Die Böen wurden schwächer. Das Tosen verwandelte sich in ein fernes Rauschen.
Sie blieben noch eine Weile sitzen, sprachen über kleine Dinge – Lieblingsorte, Bücher, Musik. Jede Antwort fühlte sich an wie ein vorsichtiges Öffnen einer Tür.
Als der Sturm schließlich nur noch ein Nieseln war, standen sie auf.
„Dein Zug morgen früh?“, fragte Noah.
„Ja.“
Er nickte. „Meiner auch.“
vor dem Café blieb Lina stehen. Die Straße war nass und glänzte im Licht der Laternen. Alles wirkte neu gewaschen.
„Vielleicht“, sagte Noah zögernd, „ist es gut, dass der Sturm kam.“
„Warum?“
„, weil wir uns sonst nie getroffen hätten.“
Sie sah ihn an. Und zum ersten Mal an diesem Abend war keine Unsicherheit mehr da.
„Dann hoffe ich“, sagte sie leise, „dass nicht jeder Sturm etwas zerstört.“
Noah schüttelte den Kopf. „Manche bringen nur zwei Menschen dazu, sich unterzustellen.“
Ein warmer, ruhiger Moment entstand zwischen ihnen. Kein großes Versprechen. Kein dramatischer Abschied. Nur das Wissen, dass sie sich am nächsten Morgen wiedersehen würden.
Der Sturm hatte sie nicht auseinandergetrieben.
Er hatte sie zusammengeführt.


                                     

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