"Zwischen den Blicken" - Eine Geschichte von Zeynep Iscen - Young Circle

«Zwischen den Blicken» – Eine Geschichte von Zeynep Iscen

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«Zwischen den Blicken» – Eine Geschichte von Zeynep Iscen

Schon früh lernt sie, dass Blicke schwer sein können. Als sie später abnimmt, wird sie plötzlich gesehen, gelobt und bewundert – doch die Unsicherheit bleibt. Eine ehrliche Geschichte über Schönheitsideale, Selbstbild und die Frage, warum sich Menschen verändern müssen, um akzeptiert zu werden.

Ich habe früh gelernt, wie viel ein Blick wiegen kann.

Schon im Kindergarten wusste ich, dass ich anders war. Nicht, weil ich anders dachte oder anders träumte, sondern weil mein Körper mehr Raum einnahm als der der anderen Kinder. Auf Fotos stand ich nie in der Mitte. Ich stellte mich automatisch nach hinten, als hätte ich begriffen, dass ich weniger sichtbar sein sollte, obwohl ich doch mehr zu sehen war.

In der Primarschule zog ich meinen Bauch immer ein, wenn wir im Kreis sassen. Ich lernte, beim Sportunterricht früher müde zu sein, damit ich nicht als Letzte ins Ziel kam. Ich lernte über Witze zu lachen, die auf meine Kosten gingen, damit sie weniger wehtaten. Ich lernte mich, mich selbst kleiner zu machen, obwohl ich es körperlich nie war.

Was ich nie gelernt habe, war, mich anzusehen, ohne sofort etwas an mir verbessern zu wollen.

Die Umkleidekabinen waren der schlimmste Ort. Nicht laut, nicht brutal, nur still und vergleichend. Blicke, die kurz zu lange blieben. Gespräche über flache Bäuche, Diäten, schönere Haut, Wimpern und Lippen. Manche von uns waren kaum Teenager und wussten schon, welche Foundation am besten deckt. Wir waren Kinder, aber wir redeten, als müssten wir uns auf eine Bühne vorbereiten.

Zuhause sagte meine Mutter oft: „Du bist wunderschön.“

Ich nickte. Aber glaubte es trotzdem nicht. Nicht, weil sie log, sondern weil die Welt mir etwas anderes beibrachte.

Irgendwann veränderte sich mein Körper. Nicht über Nacht. Sondern leise. Kilo für Kilo. Ich bin heute immer noch nicht die Dünnste im Raum. Das war ich nie. Aber ich bin dünner als früher. Dünn genug, damit es auffällt. Dünn genug, damit Menschen es bemerken.

Und mit den verlorenen Kilos kamen die Komplimente.

„Wow, hast du abgenommen?“

„Man erkennt dich kaum wieder.“

„Jetzt strahlst du mehr.“

Jetzt.

Niemand sagte direkt, dass ich vorher weniger wert war.

Aber es lag zwischen den Blicken.

Plötzlich wurde ich gesehen. Jungs schauten mich länger an. Ich wurde öfter angeschrieben von Leuten, die nicht mal meinen Namen wussten. Aufmerksamkeit vom anderen Geschlecht fühlte sich an wie ein Beweis, als hätte ich endlich etwas erreicht. Mädchen wollten wissen, was ich „gemacht“ habe. Und Lehrer lobten meine Disziplin.

Mit der neuen Aufmerksamkeit kam das Make-up. Erst nur Mascara, weil ich wollte, dass meine Augen grösser wirken. Dann Concealer, damit meine Haut glatter aussieht. Irgendwann Foundation, Kontur, Highlighter und Lippenstift Ich habe gelernt, wie man sich ein Gesicht malt, das sicherer wirkt als man sich fühlt.

Es ist seltsam, wie früh wir lernen, uns zu überdecken. Wie selbstverständlich es wird, mit dreizehn über Konturieren zu sprechen, mit vierzehn Angst vor Poren zu haben. Als wäre natürlich sein nur erlaubt, wenn es perfekt aussieht.

Im Spiegel sehe ich heute ein anderes Gesicht. dünner vielleicht. Erwachsener. Und geschminkter. Aber hinter allem steht noch immer dasselbe Mädchen, das sich fragt, ob sie je genug sein wird.

Die Welt ist freundlicher geworden.

Aber meine Gedanken nicht.

Denn mit jeder netten Geste wächst die Angst, sie wieder zu verlieren. Die Angst, dass ein paar Kilos, ein ungeschminkter Tag oder ein falsches Foto alles rückgängig machen könnten. Als wäre Freundlichkeit ein Vertrag, der sofort endet, wenn man einmal nicht strahlt.

Manchmal denke ich an das Mädchen im Kindergarten zurück. Das am Rand stand, aber trotzdem gelacht hat. War sie wirklich weniger schön? Oder nur weniger angepasst?

Vielleicht ist das das Gemeinste an Schönheitsidealen: Sie tun so, als wären sie Ziele. Aber egal, wie nah man ihnen kommt, sie rücken immer weiter weg. Sie verlangen Disziplin, Resultate und Selbstkritik, sie geben einem dafür Applaus, welcher nie ganz ehrlich klingt.

Ich habe mich verändert.

Aber nicht, weil ich kaputt war.

Und manchmal frage ich mich, wie viele von uns sich jeden Tag korrigieren, obwohl wir nie ein Fehler waren, nur Menschen.

Wenn Menschen erst anfangen, dich besser zu behandeln, nachdem du dich angepasst hast, war dann wirklich dein Körper das Problem?

Oder die Blicke?

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