Die Frühlingssonne schien durch die Baumkronen und die Vögel zwitscherten eine fröhliche Melodie.
Wie so oft hatten sie sich bei Hazel zu Hause getroffen, waren mit ihren Fahrrädern zum Waldrand gefahren und hatten sie dort achtlos ins Gras geworfen und über die blühende Wiese bis zu ihrem Baum eilten, welcher ihr Ziel war. Vor drei Jahren hatten sie mithilfe von Neas älterem Bruder ein Baumhaus in der Krone der alten Eiche errichtet.
Der Baum stand am Rande des Waldes, in dem sie als Kinder immer Verstecken gespielt hatten.
Wie immer kletterten sie die Strickleiter hinauf und setzten sich in die Sitzsäcke, die in gegenüberliegenden Ecken des Baumhauses lagen. Man konnte das Rascheln der Blätter hören, als der Wind sanft durch sie hindurchstrich.
Für einen Moment sagte keine von ihnen etwas. Es war diese vertraute Stille, die nur zwischen Menschen existiert, die sich schon so lange kennen, dass Worte nicht immer nötig sind.
Hazel zog ihre Knie an die Brust und blickte durch das Fenster hinaus in die Baumkronen und beobachtete, wie vereinzelte Sonnenstrahlen durch das Blätterdach fielen.
Nea kuschelte sich in ihrem Sitzsack und beobachtete, wie das Licht auf Hazels Gesicht fiel, und ihre Augen strahlten diese beinahe unwirkliche Wärme und Zufriedenheit aus. Für einen Moment fühlte sich alles so ruhig und selbstverständlich an, als würde dieser Ort für immer existieren.
„Manchmal wünsche ich mir, wir könnten für immer hierbleiben“, sagte Hazel schliesslich leise.
Nea lächelte. „Dann müssten wir nie wieder Mathetests schreiben.“
Hazel lachte, und ihr Lachen klang hell zwischen den Ästen des grossen Baumes. Der Wind strich durch die Blätter und liess das Baumhaus ganz leicht knarren, fast so, als würde der alte Baum sich bewegen.
Nach einer Weile stand Hazel auf und trat vorsichtig an den Rand der Plattform. Sie legte eine Hand an einen der Balken und beugte sich ein wenig vor, um über die Lichtung zu schauen.
„Von hier oben sieht alles irgendwie kleiner aus“, sagte sie.
Nea setzte sich auf und beobachtete sie. Der Wind war etwas stärker geworden, und irgendwo über ihnen raschelten die Zweige.
„Es ist, als ob hier oben nichts eine Rolle spielt und all unsere Probleme und Sorgen vergessen werden“, erwiderte Nea und trat neben Hazel.
Das Rauschen des Windes wurde immer stärker und man hörte das Knarren der Äste. Hazel wich ein paar Schritte vor dem Abgrund zurück.
„Pass auf Nea, der Wind wird immer stärker. Wir sollten nachhause gehen. “
Nea beugte sich noch ein Stück weiter vor, um einen letzten Blick auf die Äste zu erhaschen, die sich im Wind bewegten. Plötzlich knackte das Brett unter ihr.
Ihr Fuss rutschte weg, und für einen kurzen Moment schien die Welt stillzustehen. Sie versuchte noch, sich an der Kante festzuhalten, doch sie fand kein Halt und fiel in eine unendliche Leere.
Sie erwachte aus der schier unendlichen Dunkelheit. Zeit und Orientierungsgefühl hatte sie verloren. Sie liess ihren Blick durch den Raum schweifen und erkannte das ihr so vertraute Zimmer.
Und auch die Person, die in eine Decke gehüllt auf der Matratze sass. Es war Hazel, sie beugte ich über eine Polaroid Aufnahme. Nea konnte nicht erkennen, um was für ein Foto es sich handelte, also trat sie näher.
Es war eine Aufnahme von früher, zu sehen waren sie und Hazel, wie sie glücklich zwei Eiswaffeln in die Kamera hielten. „Wieso tust du mir das an, du kannst mich doch nicht einfach allein lassen. Wie soll ich ohne dich jemals wieder glücklich sein?“ schluchzte Hazel.
„Es tut mir so unendlich leid, ich hätte dich zurückziehen oder wenigstens festhalten müssen. Ich vermisse dich.“
Nea blickte auf und konnte zum ersten Mal das Gesicht ihrer besten Freundin zu betrachten. Es war verweint, ihre sonst so fröhlichen Augen waren rot verquollen und auch ihre Lippen verzogen sich anstatt zum typischen Lächeln in die völlig andere Richtung.
„Wieso vermisst du mich? Ich bin doch hier?“ flüsterte Nea. Doch Hazel gab keine Antwort; es wirkte fast, als wäre Nea gar nicht anwesend.
Auf einmal verblasste der Raum um sie herum und sie befand sich ganz plötzlich inmitten eines Waldes. Sie konnte durch das Licht, welches durch das dichte Blätterdach fiel, einige mit Moos überwucherte Steine erkennen. Am Fusse einzelner Steine lagen verwelkende Blumen.
Nea hörte von weitem wie eine unbekannte Stimme unverständliche Worte sprach. Sie drehte sich um. Im Schatten der Blätter erkannte sie eine kleine Menschenmenge, die sich zwischen den Bäumen um einen weiteren Stein drängten.
Sie konnte nur den Umriss der Menschen erkennen, aber Nea erkannte sie alle. Alle Menschen, die ihre Erinnerungen füllten, die ihr etwas bedeuteten und denen sie mit ihrem Leben vertraute. Die in ihrer Vergangenheit eine wichtige Rolle spielten. Etwas in ihrer Haltung löste eine unendliche Trauer in Nea aus.
Ganz vorne stand ein Mann, die unbekannte Stimme musste zu ihm gehören. Er hatte ein kleines Buch in der Hand. „Möge sie in Frieden ruhen.“ lauteten die Schlussworte des Mannes. Das ist eine Beerdigung, realisierte Nea. Doch wer ist verstorben?
Was ist hier Geschehen? Sie schritt nach vorne, drängte sich an der Menge vorbei zum marmorierten Grabstein. Sie konnte die eingemeisselte Inschrift kaum erkennen. Nea beugte sich weiter vor, bis sie den Text schliesslich entziffern konnte. In säuberlicher Schrift stand unter dem ‘Ruhe in Frieden’ ein Name auf dem weissen Marmor.
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