Währenddem die Kaffeemaschine aufheizt, suche ich eilig nach einem Cappuccino-Glas. Eine nach der andern öffne ich die Schranktüren.
Piep Piep
Die Maschine ist warm. Ich will gerade weitersuchen, da vibriert auch noch mein Arbeitstelefon. Etwas ungeschickt greife ich danach. Schon wieder Herr Stolberg, dabei habe ich doch vorhin seine Klingel abgestellt. Oder? Hoffentlich, denn Manuel hat heute einen besonders schlechten Tag. Da brauchts nicht mehr viel meinerseits.
Gestresst nehme ich nun einfach irgendeine Tasse –schmecken tut der Kaffee ja in allen Tassen gleich. Während der Kaffee in die Tasse tröpfelt, suche ich gehetzt die Abrechnungsliste und mache einen Strich bei Stolberg.
Piep Piep
Ich stelle die Tasse auf den Unterteller und lege noch einen dieser einzelverpackten Kekse hinzu. Eiligen Schrittes gehe ich nun in den obersten Stock, stets darauf bedacht, den Kaffee nicht zu verschütten.
Poch Poch, klopfe ich und trete ein. Herr Stolberg sitzt gemütlich in seinem Sessel und liest Zeitung.
«Den Kaffee dahinstellen», murrt er und deutet auf eine freie Stelle neben sich.
Ich tue, wie mir geheissen, und will mich gerade wieder durch die Tür verdrücken, da heisst es vom Sessel her: «Mag ich nicht.»
Herr Stolberg wedelt mit dem Keks rum. Schnell gehe ich zurück, entschuldige mich und verlasse mit dem Keks das Zimmer. «Einen schönen Nachmittag!» rufe ich zurück, dann fällt die Tür ins Schloss.
Schnell werfe ich einen Blick auf das Arbeitstelefon. Immer wieder vibriert es und piepst. Hab die Klingel von Herr Stolberg vergessen abzuschalten. Ich gehe nochmal herein, entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten, höre mir sein genervtes Grummeln an –es klingt ein wenig nach: «Praktikanten»– und verlasse das Zimmer, ohne eine weitere Sekunde darin zu verlieren.
Auf dem Flur kommt mir Manuel entgegen.
«Hey Emina, kannst du schnell zu Herrn Schmidt gehen?»
«Ja, sicher.»
«Ich muss dringend in die Pause, wenn du’s erledigt hast, komm doch nach.»
«Eh klar, okay, dann bis gleich.»
Poch Poch
«Herr Schmidt, Sie haben geklingelt. Was kann ich für Sie tun?»
Herr Schmidt lächelt mich aus seinem Bett heraus an. «Ich habe da was am Hals, dass so fürchterlich juckt.»
Vorsichtig schaue ich mir den Hals an, der ist wirklich sehr rot.
«Haben Sie sich dort gekratzt?»
«Ja natürlich, dass wäre sonst nicht auszuhalten gewesen.»
«Hat Sie etwas gestochen? Eine Wespe vielleicht?»
«Nein, das hätt’ ich doch gemerkt! Und wie soll das Viech hier reingekommen sein? Ich mach doch die Fenster fast nie auf.»
«Wenn das so ist. Ich werde zur Sicherheit aber noch eine Fachperson vorbeischicken, die sich das ganze anschaut.»
Selbstzufrieden nickt er, ich verlasse das Zimmer und begebe mich nun auch in den Pausenraum. Manuel sehe ich nicht, wahrscheinlich ist er draussen in der Raucher-Ecke. Schulterzuckend setze ich mich in eine Ecke und esse den Keks, den Herr Stolberg abgelehnt hatte. Der Ausschlag wird einen Keks lange warten können.
Hinter mir Schritte, Annika kommt auch gerade in die Pause. Ob ich sie fragen soll, wegen dem Ausschlag? Das würde Manuel wohl nicht sehr glücklich stimmen. Schon gestern hat er mich zurechtgewiesen, dass ich immer zuerst ihn holen soll.
Deshalb nicke ich ihr nur knapp zu und nehme das Arbeitstelefon zur Hand, tippe Manuels Nummer ein und gehe wieder in Richtung Treppen.
«Emina!»
Ich drehe mich um. Dort steht Andrea vom Hausdienst, wie sie versucht Herrn Stolberg vom Stürzen abzuhalten. Ich renne auf sie zu und stütze Herrn Stolberg so gut wie’s geht mit ihr.
«Hat es irgendwo einen Rollstuhl in der Nähe?»
Andrea und ich blicken uns suchend um.
«Nichts», antwortet sie.
«Annika, kannst du uns bitte helfen kommen?»
In dem Moment, als ich rufe, sehe ich Manuel um die Ecke gehen.
«Ich habe den Rollstuhl, bleib nur in der Pause Annika.» ruft er und joggt auf uns zu.
«Wo wollten Sie denn so eilig hin Herr Stolberg?» fragte Manuel den erschöpften Mann.
«Ich wollte nur in die Cafeteria mir eine andere Tasse holen gehen. Die junge Frau hier kann einen Cappuccino nicht von einem Latte Macchiato unterscheiden.»
Manuel nickte als Erwiderung nur vielsagend und sah mich vorwurfsvoll an.
«Dann holt meine Kollegin Ihnen einen frischen Kaffee in der richtigen Tasse und ich bringe Sie zurück in ihr Zimmer?»
Zu mir gewandt fügt er hinzu: «Emina, ich bitte dich als erstes mich zu rufen, wenn etwas ist. Mit solchem Rufen machst du hier alle nur noch gestresster.»
Einiges Vibrieren, Piepsen und Treppenstufenhochgehen später finde ich mich wieder in Herrn Stolbergs Zimmer.
«Voilà, hier ist ihr Kaffee. Wie fühlen Sie sich?»
«Danke für den Kaffee, Sie dürfen jetzt gehen.»
«Dann wünsche ich Ihnen noch gute Erholung, Herr Stolberg.»
Nun stehe ich wieder auf dem Flur. Ich will meinen Augen kurz ein wenig Ruhe geben, schliesse sie und atme ein. Dann höre ich Schritte, Manuel kommt mir aus dem Materialraum entgegen.
«Hey Manuel, Herr Schmidt erwähnte vorhin einen Juckreiz am Hals. Könntest du dir das bitte mal anschauen? Ich habe ihm gesagt, dass nachher noch jemand vorbeikommen würde.»
«Ich muss noch ein Sturzprotokoll schreiben. Schaue es mir nachher an.», antwortet Manuel.
«Oh, brauchst du da noch meine Hilfe? Weil ich dabei war…»
«Ich glaube nicht, dass du mir da helfen kannst. Willst du nicht lieber bei Herrn Schmidt noch die Handtücher wechseln gehen? Dafür hatte ich vorhin keine Zeit.»
Bevor ich antworten kann, drückt mir Manuel die Handtücher in die Hand. «Und mach in seinem Zimmer noch das Fenster zu, ich habe es heute Morgen geöffnet.
Poch Poch
«Herr Schmidt, Manuel kommt nachher wegen Ihrem Ausschlag vorbei. Ich bringe Ihnen in der Zwischenzeit frische Handtücher.»
Keine Antwort. Ich höre nur ein heftiges Husten und hektisches Keuchen.
«Herr Schmidt?», rufe ich beunruhigt, hetze um die Ecke, nur um meine Befürchtung bestätigt zu sehen. Schnell laufe ich aus dem Zimmer in den Gang hinaus und rufe nach Manuel. Verwirrt kommt er aus dem Etagenbüro gerannt: «Was ist los?»
«Herr Schmidt hat Atemnot, und seine Muskeln scheinen erstarrt.»
«Dann drück nächstes Mal den Notfallknopf!» schnauzt er und schiebt mich zur Seite.
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