«Was habe ich mir nur dabei gedacht?»,denke ich, als mir der Türsteher den Weg nach draussen freigibt. Ich war noch nie freiwillig in einem Klub, nicht einmal als ich in New York war. Ich wusste nie warum. Vielleicht, weil ich definitiv nicht tanzen kann. Und jetzt habe ich genau das getan. Nie hätte ich gedacht, dass mich eine Schreibkrise dazu bringen würde, einen Vodka-Cocktail zu trinken und zu tanzen. Ich hoffte, Stockholm würde diese Krise einfach so verschwinden lassen. So ist es jetzt mitten in der Nacht und ich bin auf dem Rückweg zurück zu meiner Hotelsuite, die mein Manager für mich gebucht hat. Die Gasse, in die ich jetzt abbiege, ist besonders leer. Hohe, alte Häuser machen alles viel dunkler. Meine langen, braunen Locken wippen zu meinen schnellen Schritten auf den Pflastersteinen. Der Gedanke daran, dass ich allein unterwegs bin, beunruhigt mich mehr, als ich zugeben will. Zurecht, denn auf einmal spüre ich das unangenehme Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Ich beschleunige mein Tempo. Doch das Kribbeln in meinem Nacken will nicht verschwinden. Ich will gerade losrennen, da werde ich an meiner Kapuze zurückgerissen. Schnell drehe ich mich um und vor mir steht ein grosser, schwarzgekleideter Typ. Panik steigt in mir auf, als ich realisiere, dass er eine Pistole auf meinen Kopf gerichtet hat. «Cash oder es knallt», murmelt er. «Ich habe kein Bargeld mehr. Das wurde in Vodka investiert», antworte ich. Ich bin froh über die Ruhe in meiner Stimme, obwohl diese Gelassenheit wahrscheinlich mit dem Vodka zu tun hat. «Fünf, vier…», fängt er an herunterzuzählen. Für einen Moment bin ich ratlos. Doch was ich dann tue, überrascht mich selbst. Mit weichen Knien stelle ich mich auf die Zehenspitzen, packe ihn an seinem Hals und küsse ihn. Zuerst denke ich, er würde den Kuss nicht erwidern. Doch er lässt die Pistole zu Boden fallen. Seine Hände finden mein Handgelenk und er zieht mich näher an sich. Ich schlinge meine Arme um seinen Nacken. Lippen auf meinen, die sich fremd und vertraut zugleich anfühlen. Hände, die vorsichtig meine Kurven erkunden wie Schatten, die über mich ziehen. Der Kuss ist viel intensiver als ich dachte. Und plötzlich werde ich in die Realität zurückgerissen. Ich stosse ihn von mir und taumele rückwärts. Kurz schaue ich diesen Typen an, die Kapuze tief in sein Gesicht gezogen. Ich drehe mich um und renne los. Ein letztes Mal schaue ich über meine Schulter. Noch immer steht er an derselben Stelle und schaut mir nach. Ich biege auf die Hauptstrasse ab und renne, so schnell ich nur kann, zurück zu meinem Hotel.
Ich fühle mich nur halb lebend und mein Kopf schwirrt vom Vodka oder dem Kuss. Vielleicht auch von beidem. Ich habe keine Minute geschlafen. Dieser Typ lässt mir einfach keine Ruhe. Jetzt sitze ich am runden Holztisch mitten in meiner Suite. Ich trinke meinen Kaffee und beobachte, wie die Pflanzen auf dem Balkon in der Morgensonne strahlen. Ich spüre, wie das Koffein Energie durch meinen Körper fliessen lässt. Ich nutze sie und öffne mein Notebook. Denn mir wird bewusst, meine Schreibkrise findet hier definitiv ein Ende.
Die Pflanzen auf dem Balkon stehen bereits im Dunkeln. Den ganzen Tag über sass ich an diesem Tisch und versuchte zu schreiben. Noch nie fiel es mir so schwer, etwas in Worte zu fassen. Denn mit jedem Wort, das ich schreibe, scheint er sich mehr in mein Leben zu schleichen. Ich lache über mich selbst. Das ist doch völlig verrückt. Wie kann er fehlen, wenn er mir eine Pistole an meinen Kopf hielt? Ich könnte ihn doch nicht einmal identifizieren. Irgendwas tief in meinem Inneren sehnt nach ihm, auch wenn ich es nicht erklären kann. Und auf einmal fälle ich die wahrscheinlich lächerlichste Entscheidung meines Lebens. Ich muss sofort zurück in diese Gasse. Nicht als Inspiration oder wegen meiner Karriere als Autorin. Sondern weil ich hoffe, ihn dort noch einmal zu sehen. Auch wenn ich dafür mein Leben riskiere.
Ich schüttle ungläubig den Kopf. Ich kann nicht glauben, dass ich das gerade wirklich tue. Mittlerweile hat es begonnen zu regnen und grauer Nebel schleicht sich durch die bunten Fassaden der Gamala Stan. Mir wird kalt und ich ziehe meine Lederjacke enger um mich. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als ich von der Hauptstrasse abbiege. Mein Verstand schreit Dinge, die ich ignoriere. Ich beschleunige meine Schritte, bis ich schliesslich an derselben Stelle stehe, wie ich es gestern schon tat. Ich drehe mich einmal im Kreis, um sicherzustellen, dass mich niemand überrascht. Durch den Nebel ist die Gasse noch dunkler als gestern. Innerlich zähle ich die Sekunden. Bei zweihundertachtundneunzig Sekunden ermahne ich mich selbst, dass es längst Zeit wäre, zu verschwinden. Aber auf einmal spüre ich das nun schon vertraute Kribbeln an meinem Nacken. Wie eingefroren stehe ich da und versuche, möglichst flach zu atmen. Ich ahne, wer hinter mir steht. Zuerst finde ich den Mut nicht, mich umzudrehen. Aber mein Ego gewinnt den Kampf gegen meinen Verstand. Mit einer schnellen Bewegung drehe ich mich um. Und so stehe ich vor ihm. Seine Kapuze hängt über seine Schultern, ich sehe zum ersten Mal sein Gesicht. Grüne Augen, die im gelben Licht der entfernten Strassenlaterne schimmern, schwarze Locken, die ihm in seine Stirn fallen und Gesichtszüge, wie ich sie noch nie gesehen habe. Schnell suche ich nach der Pistole, die er mir doch eigentlich an den Kopf halten sollte. Doch da ist keine. Stattdessen kommt er vorsichtig auf mich zu. Sein Blick ist dunkel, als er mir eine Locke hinter mein Ohr streicht, wie ein Schatten, der genau weiss, was er will. Ich sollte gehen, aber ich bleibe. Ich spüre seinen Atem an meiner Wange. Er überlässt mir die Entscheidung. Ich weiss, die Flucht wäre klar die richtige Entscheidung. Doch ich schliesse die Lücke zwischen unseren Lippen. Denn wo Schatten ist, ist auch Licht.
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