"Zum ersten Mal" - Eine Geschichte von Amelie Bader - Young Circle

«Zum ersten Mal» – Eine Geschichte von Amelie Bader

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«Zum ersten Mal» – Eine Geschichte von Amelie Bader

Eine ruhige Frühlingsnacht, ein Routine-Test im Reaktor – eigentlich sollte alles nach Plan verlaufen. Doch während die Anzeigen plötzlich fallen und der Druck steigt, wird klar, dass etwas schrecklich schiefläuft. Was als gewöhnliche Nachtschicht beginnt, endet in einer Katastrophe, die niemand mehr aufhalten kann.

Die Strassen waren wie ausgestorben. Der Bus summte leise auf meinem altbekannten Arbeitsweg. Ich gähnte, mein Sitz knarzte, als ich mich hineindrückte. Es war eine klare Frühlingsnacht, Sterne leuchteten zwischen vereinzelten Wolken.  Ich mochte solche Nächte, die Ruhe zum Greifen nahe. Bald war der 1. Mai, der Vergnügungspark würde eröffnet werden, ein Feiertag. Meine Mutter würde zu Besuch kommen. Das Riesenrad wartete auf uns. Die Nachbarskinder hatten heute laut im Hof gespielt, sodass auch der Kaffee heute wenig half. Als der Bus zum Stehen kam, erkannte ich die Silhouette des massiven Industriegebäudes. Unter meinen Schritten knirschte der Kies. Ich näherte mich den grellen Lichtern. Schon zerrte ich an meiner Arbeitskleidung. Meine Haube bedeckte meine kurzen Haare und das beige Gewand wirkte fremd. Pünktlich um 00:00 trat ich zu meinen Kollegen.  Mein Monitor wartete.  Die bunten Tasten weckten mich aus meiner Müdigkeit. Sofort arbeitete ich akribisch. Ich hatte mir die neuen Abläufe der Bedienpulte bis ins kleinste Detail eingeprägt. Mein Chef war aufgebracht und wuselte von Bedienpult zu Bedienpult. Der Sicherheitstest war den ganzen Tag verschoben worden, wir waren im Zeitstress. Ich ignorierte die schnarrende Stimme meines Chefs, blickte wieder zu meiner Arbeit. Ich musste mich konzentrieren. Angespannt starrte ich auf die Zahl, welche plötzlich fiel. Was sollte das? Was passierte hier? Ich schluckte, versuchte ruhig zu atmen. Spürte die Anwesenheit meines Chefs, Gänsehaut. Ich musste mich zusammenreissen, musste mich fokussieren. Ich kannte meine Aufgabe, den Reaktor stabilisieren. Ich drückte verschiedene Kombinationen. Die Leistung sank weiter. Ein schriller Ton liess mich zusammenzucken, Alarm. Meine Kollegen wirkten ruhig, doch mir war schlecht. Ich wischte meine Hände an der Kleidung ab. Spürte plötzlich eine kühle Hand auf meiner Schulter. Mein Chef Djatlow, mit der schnarrenden Stimme, sein eingefallenes Gesicht eine unzufriedene Grimasse. Seine Augen strafend bohrend. «Steigern Sie die Leistung auf die Zielgrösse unseres Tests». Ich wusste nicht weshalb, aber ich musste widersprechen. «Ich denke, das ist keine gute Idee». Djatlow schnellte zurück. Eine Augenbraue hob sich, sein Mund ein Strich. «Widersprechen Sie mir gerade?». Langsam nickte ich «Ich denke, es wäre zu riskant». Er schmunzelte, als hätte ich eben einen Witz erzählt, dann wandte er sich ab «Du hast mich verstanden. Steigere die Leistung, unverzüglich.» Im Weggehen, seufzte er genervt «Sie sollten alle schneller machen, das ist eindeutig zu lange.» Ich hatte nichts mehr zu sagen. Er war kompetent und ich war nur einer, der Befehle befolgte. Hatte ich zu viel riskiert?  Meine Kollegen um mich herum schwiegen, starrten peinlich zu Boden. Scham. Unverzüglich liess ich die Steuerstäbe aus dem Reaktorkern ziehen, um die atomare Kettenreaktion zu entfachen. Als fast alle Steuerstäbe herausgezogen waren, hatten wir 200 Megawatt. Irgendwas stimmte nicht. Hastiger Blick zur Uhr, es war bereits 01:03. «Wir werden jetzt den Sicherheitstest durchführen» befahl die schnarrende Stimme, viel zu nah. Überrascht riss ich meinen Kopf hoch, wir waren weit entfernt von den geplanten 700 Megawatt. Der eiserne Blick auf mir, kein Fehltritt war erlaubt, so stabilisierte ich den Reaktor bei 200 Megawatt. Wir führten den Test durch, welcher bereits vor Stunden hätte ablaufen sollen. Der Test gelang. Alles war gut, wir hatten es unter Kontrolle. Beruhigt griff ich zum AZ-5 Schalter.  Warum hatte ich nur etwas gesagt? Ich legte den Schalter um, ein Klicken ertönte. Bevor ich mich setzen konnte, durchbrach ein ohrenbetäubender Knall die zuvor entstandene Ruhe. Ich hörte Schreie. Spürte einen Stich in meinem Kopf. Dann ein erneuter Knall, ein Donnerschlag. Dann Stille. Mein Blick wanderte durch den Raum. Bedienpulte waren beschädigt, alle Funktionen gestoppt, wir sahen uns fassungslos an. Staub rieselte durch den Lüftungsschacht. Ein undurchdringbarer Piepton in meinen Ohren. Djatlow erhob sich, er war wie viele zu Boden gegangen «Der Reaktor ist intakt» seine schnarrende Stimme jetzt belegt, immer wieder wiederholte er diese entscheidenden Worte. Es musste so sein, alles andere war unmöglich. Mein Herz sprang rasend schnell in meiner Brust. «Ein Rohrbruch oder ein Dampfschaden, nichts schlimmes» Immer wieder leere Worte. Wir mussten handeln. «Akimow, Toptunow das Standardprozedere. Öffnet die Kühlwasserventile, kühlt den Reaktor.» Djatlow schrie Befehle, ich sass nur da, bis mich schliesslich mein Schichtleiter hochzog «Toptunow? Wir müssen gehen». Als wir in den Kontrollraum traten, waren die Ventile für die Steuerung vollständig zerstört. Unser Befehl war eindeutig, somit mussten wir zu den Notfallventilen in den Katakomben. Dunkelheit, der Strom hatte sich verabschiedet. Ich schmeckte Metall, mein Kopf schien zu platzen. Zittrig liefen wir durch die langen Tunnel. Heisses Wasser stand uns bis zu den Knien. Ich atmete aus, es war egal, ob wir diese Ventile öffneten.  Hier war etwas passiert, was niemals hätte passieren dürfen. Ruhe bewahren, war meine Stärke. Galle kam mir immer wieder hoch, das heisse Wasser brannte mir die Haut weg. Stumm drehten wir die Notfallventile auf. Meine Hände bebten, meine Sicht verschwamm. Die Galle ätzte mir die Speiseröhre weg. Nach dem dritten Ventil das vertraute Würgegeräusch meines Schichtleiters. Auch ich verlor gegen das Würgen, übergab mich, mehrfach. Meine Beine knickten weg, doch ich drückte mich mit meinen schmerzenden Händen vom kalten Betonboden hoch. Auf dem Weg zurück sahen wir unsere Kollegen, manche am Boden, die Stirn gegen die kalte Wand gepresst, andere beteten. Ein beissender Geruch lag in der Luft, auch ich verstärkte ihn mit meinem eigenen Erbrochenen. Ich musste raus. Ich hechelte nach Luft, Luft so knapp. Hastig lief ich weiter, durch Gänge, überall Zerstörung. Fenster und Türen waren aus den Angeln gerissen, Scherben knirschten unter meinen Füssen. Raus, immer weiter. Ich zerrte mir die Haube vom Kopf, das Beige wirkt nun durch meine geröteten Hände weiss. Die Haube fiel, blieb in diesem schrecklichen Gebäude. Kühle Luft trat mir entgegen. Luft, welche mir zum Atmen fehlte. Mein Würgen, nur noch Blut. Ich sank auf den Kiesboden. Die Sterne leuchteten nicht mehr, Dunkelheit bis auf einen purpurroten Schein, welcher in den Himmel stieg. Es gab keinen Reaktor mehr. Ich dachte an meine Mutter, an die Nachbarskinder und die Menschen in der Stadt. Ich war 25 Jahre, das Leben war doch schön. Ich verstand es nicht, aber ich wusste, es war das erste Mal auf dieser Welt.


                                     

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