Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter oft die Legende von Yin und Yang. Die Legende besagt, dass jeder Mensch sein Gegenstück hat, eine andere Person, die einen ergänzt wie Licht die Dunkelheit, wie Ruhe die Bewegung. Yin und Yang finden immer zueinander, wenn sie sich am meisten brauchen.
Früher hatte ich den Gedanken geliebt, dass irgendwo da draussen jemand existierte, der mich über alles lieben würde, genauso wie ich bin. Doch je älter ich wurde, desto mehr erschien mir dieser Traum wie reines Wunschdenken, denn die Realität fühlte sich anders an. Jungs standen nicht auf Mädchen wie mich. Ich war nicht besonders auffallend, nicht besonders beliebt und nicht besonders hübsch. Im Grossen und Ganzen würde ich mich als eher normal beschreiben, jemandem dem man keine grosse Beachtung schenkt.
Wie hätte ich wissen sollen, dass ich damit völlig falsch lag?
Ich spürte schon beim Aufwachen einen seltsamen Drang, der mich zwang, mich anzuziehen und fertig zu machen. Als ich später in der Schule ankam, wurde das Gefühl immer stärker. Das Gefühl verdrängend, betrat ich das Klassenzimmer und liess meinen Blick einmal hindurchschweifen.
Mein Blick traf die blauen Augen von Liam und ich spürte, wie ein Kribbeln durch meinen Körper fuhr. Liam war der beliebteste Junge der Klasse, wenn nicht sogar unseres Jahrgangs. Gutaussehend, selbstbewusst, sportlich, schlau, aber trotz allem immer freundlich und nie überheblich. Definitiv kein Junge, der jemandem wie mir Beachtung schenken würde. Schnell wendete ich den Blick ab und setzte mich auf meinen Platz. Als ich aufblickte, begegnete ich den warmen braunen Augen von Milo. Im Gegensatz zu seinem besten Freund Liam war Milo eher zurückhaltend und ruhig, hilfsbereit und aufmerksam. Ich lächelte ihm schüchtern zu, was er mit einem fröhlichen Grinsen erwiderte. Kopfschüttelnd verdrängte ich die Gedanken an die beiden und konzentrierte mich auf den Unterricht.
Alles veränderte sich auf dem Weg zur Bibliothek. Liams Lachen drang in meine Ohren und als ich zu ihm und Milo rüber blickte spürte ich wieder dieses Kribbeln in mir. Verwirrt über meine Gefühle, bemerkte ich nicht, wie die beiden sich auf den Gang, direkt in meine Richtung bewegten.
Bevor ich reagieren konnte, lief ich mitten in sie hinein. Ich fiel samt meiner Bücher zu Boden. „Oh, sorry“, hörte ich Liams Stimme über mir. Noch bevor ich verstand, was passiert war, kniete Milo schon neben mir und sammelte meine Bücher ein, ruhig und vorsichtig. Liam reichte mir seine Hand und zog mich hoch. „Ah, du bist doch in unserer Klasse, oder?“ Sein Lächeln traf mich unvorbereitet. Ich nickte, unfähig zu antworten. „Wie heisst du nochmal?“ Bevor ich antworten konnte, murmelte Milo leise, „Chiara.“ Überrascht sah ich ihn an. „Du kennst meinen Namen?“ Er zuckte leicht mit den Schultern. „Klar.“ Mein Herz machte einen kleinen, unerklärlichen Sprung.
Nach diesem Vorfall schenkte mir Liam immer mehr Aufmerksamkeit. Er setzte sich manchmal neben mich, fragte nach Hausaufgaben, schrieb mir abends wegen banaler Dinge. Und jedes Mal, wenn mein Handy aufleuchtete, fühlte ich mich besonders. Doch je mehr Aufmerksamkeit er mir schenkte, desto mehr merkte ich, wie ich mich veränderte. Ich redete lauter, begann Dinge zu mögen, von denen ich dachte, dass er sie mochte. Ich wollte für ihn interessant sein.
Als ich einige Tage später in die Schule kam, sah ich ihn. Liam steht im Gang und redete mit einem Mädchen. Er lachte genauso wie er es immer bei mir tat, beugte sich genauso leicht nach vorne, sah sie genauso an, wie er mich immer ansah. Und plötzlich spürte ich, wie etwas in mir brach. Er tat das mit fast jeder. Ich war nicht etwas Besonderes gewesen, ich hatte es mir nur eingebildet.
Am nächsten Tag stand ich mit Liam allein im Flur. Mein früheres Ich hätte sich wohl über die Möglichkeit gefreut, doch als er vor mir stand, mich anlächelte und etwas erzählte, wartete ich auf das gewohnte Kribbeln. Es kam nicht. Kein Ziehen, kein Funkeln. Nur Leere.
Und in dieser Leere begriff ich etwas, das ich nicht wahrhaben wollte. Ich war nie in ihn verliebt gewesen. Ich war süchtig nach seiner Aufmerksamkeit, nach dem Gefühl, endlich bemerkt zu werden. Und dafür hatte ich mich selbst verloren. Ohne etwas zu sagen, drehte ich mich um und lief den Gang entlang, raus aus dem Gebäude, bis ich hinter der Turnhalle zum Stehen kam. Tränen brannten in meinen Augen.
„Chiara?“, ertönte eine leise Stimme. Ich blickte auf. Milo. Er stand ein paar Meter entfernt und kam langsam näher. „Was ist passiert?“ Ich wischte mir hastig über die Augen. „Nichts.“ Er sah mich nur an, dieser ruhige, aufmerksame Blick, den ich mittlerweile kannte. „Du hast dich in den letzten Tagen verändert“, sagte er vorsichtig. „Warum?“
„Weil ich dachte…“ Meine Stimme zitterte. „Ich wollte, dass man mich sieht. Wenigstens einmal.“ Milo schwieg einen Moment. Seine Finger spielten nervös mit dem Ärmel seines Pullovers, dann atmete er tief ein.
„Chiara…“ Seine Stimme war leiser als sonst. „Ich habe dich doch schon lange gesehen.“ Er wurde leicht rot, hielt meinen Blick aber stand. „Ich fand dich schon länger interessant. Eigentlich schon seit letztem Jahr.“ Er lachte kurz, unsicher. „Aber ich habe mich nie getraut, dir das zu sagen.“
„Warum nicht?“, fragte ich leise. Er zuckte mit den Schultern. „Weil du immer so in deinen Büchern versunken warst. Ich dachte, vielleicht passt jemand wie ich gar nicht in deine Welt.“ Seine Ehrlichkeit löste ein Gefühl in mir aus, dass ich nicht in Worte fassen konnte. „Ich mochte dich so, wie du warst“, fuhr er fort. „Du musst dich nicht verändern, damit man dich bemerkt.“
In diesem Moment verstand ich, was ich die ganze Zeit übersehen hatte. Ich hatte so sehr versucht, gesehen zu werden, dass ich nicht bemerkt hatte, dass mich jemand längst sah. Mit Milo fühlte sich nichts erzwungen an. Ich musste nicht lauter reden oder anders lachen. Ich konnte einfach ich sein.
Vielleicht hatte meine Mutter recht gehabt. Vielleicht geht es nicht darum, perfekt zu sein, um geliebt zu werden. Vielleicht geht es darum, die Person zu finden, die dich so liebt, wie du bist, dein Yin/Yang
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