Ich werde es bereuen. Ganz sicher. Deshalb gibt es die Regel. Damit niemand jemanden der anderen Seite mitnimmt, um dann zu bemerken, dass es ein Fehler
war. Weil sie nur Unheil bringen, egal wo sie sind oder was sie tun.
„Der Weg ist nicht schwer, du wirst ihn finden. Hole zurück, was uns gehört und verschwinde, ohne dass jemand dich sieht. Und bring auf gar keinen Fall jemanden von der anderen Seite mit. Egal wie sehr sie dich zu überzeugen versuchen.», predigt mir Runa etwa zum zehnten Mal. «Ja, ich habe verstanden.», erwidere ich genervt. „Und
Amaya, sei… » „Vorsichtig, ich weiss!»‚, unterbreche ich sie und schnalle mir die Ausrüstung um. Dann atme ich tief durch, Runa nickt mir ein letztes Mal ermutigend zu und ich renne los. Ich konzentriere mich und schaffe es beim ersten Versuch, die Barriere zu durchbrechen. Dann bin ich auf du anderen Seite. Staunend sehe ich mich um. Es ist hier noch schöner als alle sagen. Doch der Schein trügt, und da ich nicht will, dass meine erste Mission auch meine letzte ist, folge ich Runas Beschreibungen und laufe los.
Nach einiger Zeit sehe ich sie: die Burg, in die unser Lebensstein gebracht wurde. Jetzt beginnt die Mission erst richtig. In Schutz der Bäume und Sträucher kann ich ungesehen bis an die Mauern gelangen. Dank meines jahrelangen Trainings ist auch diese kein Problem für mich und wenige Minuten später finde ich mich in einem Ankleidezimmer wieder. Ich lausche, ob jemand mich bemerkt hat, doch es bleibt still. Also schleiche ich mich aus dem Zimmer in Richtung unseres Lebenssteins. Auch hier in der Burg finde ich mich dank Runa zurecht. Kurze Zeit später, kann ich ihn spüren und gleich darauf auch sehen. Unser Lebensstein leuchtet mir in seinem milden Blau entgegen und zu meiner Überraschung ist er unbewacht. Da nichts passiert, als ich mich nähere, nehme ich ihn vorsichtig vom Sockel, auf dem er liegt. Doch kaum habe ich einen Schritt getan, schrillt ein durchdringender Alarm los und ich erstarre. Acht von ihren tauchen aus den Schatten auf und umzingeln mich augenblicklich. Ich kann einen Kampf nicht vermeiden, deshalb verstaue ich den Stein in meiner Tasche und ziehe meine Schwerter. Ich bin ihnen unterlegen, aber flink, und meine Technik ist unberechenbar. Deshalb hat Rura mich geschickt. Ich schaffe es, einige der Wachen aufzuhalten und laufe los. Doch in der Eile nehme ich eine falsche Abzweigung und finde mich kurz darauf in einem Keller wieder. Ich möchte schon weiterlaufen, da höre ich neben mir eine Stimme. „Bitte, nimm mich mit.» Ich sehe nach rechts, direkt in zwei schimmernde grüne Augen. Einer von ihnen, in die Ecke gekauert, hinter einem Gitter. Seine Stimme bringt mich fast dazu, ihm wirklich zu gehorchen, doch ich kann mich rechtzeitig zur Besinnung rufen. Ihre Stimmen verführen, man tut, was sie wollen. Doch ich habe mich losgerissen und will schon gehen, als mich Mitgefühl erfasst. Es ist auch nur ein Mensch. Ein Mensch, der unter den falschen Umständen geboren worden ist. Ich knacke das Schloss und öffne die Tür. Ich werde es bereuen. Ganz sicher. Deshalb gibt es die Regel. Weil Sie nur Unheil bringen, egal, wo sie sind oder was sie tun. Doch was, wenn wir falsch liegen? Der Letzte von ihnen auf unserer Seite ist Ewigkeiten her. Was wenn es jetzt anders ist? Ich treffe eine Entscheidung. Ich werde ihn mitnehmen. Ich packe ihn am Handgelenk und renne wieder los. Ich weiss bald, wo wir sind, und nehme eine Abzweigung nach der anderen, bis wir im Ankleidezimmer ankommen. Ich klettere geübt nach unter, er folgt mir ungelenk. Dann ziehe ich ihn wieder hinter mir her. Doch ich höre Rufe und Schritte hinter uns. Die Wächter sind uns gefolgt. Ich lege noch einen Zahn zu, dann kommt endlich die Barriere in Sicht. Auf der anderen Seite wird Runa uns helfen können.
Ich durchbreche die Barriere mit ihm und bleibe keuchend stehen. Runa kommt sofort auf mich zu. „Amaya, endlich! Hast du ihn?» Ich ziehe den Lebensstein aus meiner Tasche und reiche ihn ihr. „Zum Glück! «, stösst sie erleichtert aus. Dann erst scheint sie meinen unerwünschten Gast zu bemerken. „WAS?! Du hast jemanden von ihnen mitgebracht? Du weisst, dass das verboten ist!» „Ja, tut mir leid. Ich…» Weiter komme ich nicht, denn unsere Verfolger haben die Barriere durchbrochen. „Na großartig! Du bringst jemanden von ihnen und Wächter?» Ich verziehe das Gesicht. „Sorry.» Ich ziehe meine Schwerter und Runa ihren Bogen. Um die Hände frei zu haben, steckt sie den Stein fahrig in eine ihrer Taschen.
Der Kampf ist unausgeglichen, doch ich und Runa schlagen uns gut. Bis der Stein bei einer ruckartigen Bewegung aus Runas Tasche rutscht. Ich sehe, wie einer der Wächter mit seinem Bogen auf den Stein zielt. Wenn er diesen zerstört, stirbt unser Volk. Ich schreie auf und plötzlich geht alles viel zu schnell. Der Wächter lässt der Pfeil los und dieser fliegt auf den Stein zu. Ich und Runa sind wie erstarrt. Es ist vorbei. Ich habe versagt. Doch im letzten Moment wirft ich mein Geretteter vor den Pfeil. Dieser trifft ihn und der Junge sinkt sofort leblos zusammen. Ich bin geschockt, denn ich hatte recht.
Er mag einer von ihnen sein, doch er hat gerade sein Leben für unser Volk geopfert.
Hier geht’s zu den weiteren Member Stories: