"Whispering grave" - Eine Geschichte von Noemi Plüss - Young Circle

«Whispering grave» – Eine Geschichte von Noemi Plüss

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«Whispering grave» – Eine Geschichte von Noemi Plüss

Vier Jahre nach dem Tod ihrer Mutter kehrt Sarah an deren Grab zurück – einen Ort, der ihr jedes Mal Angst macht. Dort hört sie erneut das rätselhafte Klingeln, das sie seit dem Todestag verfolgt. Als sie erkennt, dass sich dahinter ein geheimer Morsecode verbirgt, beginnt sie zu begreifen, dass mit dem Tod ihrer Mutter vielleicht doch nicht alles so ist, wie es scheint.

Es regnete in Strömen, als ich mich vor dem eisernen Tor wiederfand. Meine Kleider waren durchnässt und Kälte frass sich bis in meine Knochen. Ich fröstelte, als ich einen weiteren Schritt auf das Tor zuging. Vier Jahre war es her, seit sie mich verlassen hatte. Vier Jahre, die ich vollkommen auf mich allein gestellt durch das Leben stolperte. Tränen benebelten meine Sicht, als ich meine zitternde Hand ausstreckte, um das schwere Tor aufzudrücken. Noch wäre es nicht zu spät. Ich könnte wieder umkehren. Doch ich war keine schlechte Tochter, schliesslich hatte meine Mum die sechzehn Jahre, welche wir uns teilten, alles für mich getan. Sie zeigte mir, wie man lebt und wie man liebt. Aber es war so schwer. Jedes Mal, wenn ich herkam, fühlte ich mich beobachtet. Und da war dieses Klingeln in meinen Ohren, das erst aufhörte, sobald ich den Ort verliess und mich in meiner Wohnung verschanzte. Trotzdem zwang ich mich jährlich dazu, an den Ort zurückzukehren, an dem mein Leben sich vor vier Jahren um hundertachzig Grad gedreht hatte. Ich schluckte schwer, als das Tor mit einem ohrenbetäubenden Ächzen den Weg vor sich freigab. Kies knirschte unter meinen Sohlen, als ich den Weg zur hintersten Ecke des Waldrandes ansteuerte. Bereits auf dem dünnen Pfad hielt sich der Sauerstoff in meinen Lungen in Grenzen. Bilder dieses schrecklichen Tages flirrten vor meinem inneren Auge. Das Klingeln in meinen Ohren, das mich unter Hyperventilieren und einer massiven Panikattacke den Weg zurück einschlagen liess, ohne meiner Mum richtig tschüss zu sagen. Es schmerzte so sehr. Das Wissen, dass sie nie wieder zurückkommen würde, aber auch der Fakt, dass mir keiner glaubte. Polizisten hatten nach dem Klingeln gesucht, nachdem ich von einer vorbeifahrenden Streife aufgegriffen worden war, doch sie fanden nichts. Taten es als Einbildung ab. Dies komme in meiner Situation vor. Doch das war es nicht! Ich war mir so sicher! Den Weg zu gehen, den ich in den letzten Jahren jedes Mal panisch wieder zurückgerannt war, fühlte sich komisch an. Doch ich war stärker als meine Angst. Stärker als all die schlechten Gedanken, die mich bis in meine Träume verfolgten. Stärker als die Tränen, die mich in den Schlaf hüllten und stärker als all die Male, an denen ich vor dem Tor wieder umdrehte, weil ich nicht genug stark war. Die mir nur allzu bekannte Fichte schob sich in mein Blickfeld. Ihre Äste hingen traurig nach unten, als wüsste sie, wo sie stand. Umgeben von Stein, der nicht so teuer sein sollte, wie er war. Nun waren nur noch wenige Meter zwischen mir und Mum, dem Klingeln und den schlimmen Erinnerungen. Ich schlang meine Arme um mich, als ich die letzten Schritte zwischen mir und dem Grabstein überwand. Victoria Brown – 1976 bis 2022, für immer geliebt. Moos bedeckte Teile des dunkeln Steins und die weiss bemalte Inschrift begann, die graue Farbe des Steines anzunehmen. Eine stumme Träne rollte über meine Wangen. „Mum“, wisperte ich. Meine Stimme zitterte leicht und die Panik darin war unüberhörbar. Gleich würde es beginnen. Ich spürte es. „Ich vermisse dich“, fuhr ich fort, „das alles hier, es macht mir Angst und ich weiss nicht…“, doch mein Satz blieb unvollständig, als sich ein Klingeln in meine Ohren grub. Lauter als meine Airpods auf voller Lautstärke und schmerzhafter als jeder Tinnitus. Tiefe Angst grub sich in meinen Körper und alles in mir schrie und drängte mich zum Gehen, doch ich konnte nicht. Nicht noch einmal! Ein viertes Mal war zu viel. Ich musste wissen, woher das kam. Jedoch machten mir die aufkommenden Kopfschmerzen jegliches Konzentrieren beinahe unmöglich und klare Gedanken zu fassen wurde mit jeder Sekunde, die ich am Grab verbrachte, zunehmend schwieriger. Atmen, Sarah!  befahl ich mir, bevor ich um den Grabstein herumging, in der Hoffnung das Klingeln würde aufhören. Doch es blieb. Verzweifelt sackte ich zu Boden und begann bitterlich zu weinen. Die Schmerzen stiegen ins Unermessliche, doch ich blieb bei Mum, weil sie auch bei mir geblieben wäre. Denk nach, Sarah! Was würde Mum tun? Aufstehen. Ermitteln. Dokumentieren und den Fall lösen, wie es sich für eine Polizistin gehörte. Also stand ich auf, distanzierte mich vom Grab und bemerkte ein Pochen inmitten des Klingelns. Ein Morsecode. 10-1111, das war ein selbst erfundener Police-10-Code, den ich mit meiner Mum beim Polizeispielen verwendet hatte. Den Code verwendeten wir immer, um der anderen mitzuteilen, dass der Verhaftete die falsche Person sei und wir unsere Ermittlungen umstellen mussten. Diesen Code zu verwenden hatte uns immer besonders viel Spass gemacht… Doch was bedeutete er in diesem Fall? Was waren die Konsequenzen? War Mum etwa gar nicht tot? Und wenn dem so wäre, wo war sie dann? Hektisch begann ich den Grabstein abzutasten, doch meine Suche blieb erfolglos. Keine weiteren Hinweise. Verzweifelt setzte ich mich abseits des Grabsteins an den Stamm eines Baumes. Mein Kopf dröhnte und meine Ohren schmerzten. Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Kleider waren vollständig durchnässt und die Kälte sass tief in meinen Knochen. Verzweifelt richtete ich meinen Blick zum Himmel. Grau und nass. Ich hasste dieses Wetter, Mum hatte es geliebt.

Es begann bereits einzudunkeln, als ich mich wieder erhob. Seit ich mich abseits des Grabes niedergelassen hatte, war das Klingeln leiser geworden und hatte schlussendlich vollständig aufgehört. Besorgt und erschöpft liess ich das Grab meiner Mum zurück, als mein Blick an einer Strassenlaterne hängen blieb, die den Friedhof in spärliches Licht tauchte. Das glitzernde Licht fiel auf eine Einritzung im Metall. Sie war mir nur per Zufall aufgefallen, da sie sich so nahtlos in das Grau der Laterne einfügte. Es war eine Handynummer. Ohne Zögern, tippte ich die Nummer ein und drückte auf Anrufen. Beinahe sofort meldete sich eine mir nur allzu bekannte Stimme: „Sarah? Bist du es?“ „Mum!“, ein verwirrter Laut kam über meine Lippen. „Was…“, doch mein Satz ging in einem verwirrt-glücklichen Glucksen unter. „Sweetheart, ich weiss, das sind viele Informationen. Aber es ist wichtig, dass du sie dir alle merkst.“ Ich lauschte der warmen Stimme meiner Mum, als sich endlich all die losen Puzzleteile in meinem Kopf zusammensetzten.


                                     

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