"What if?" - Eine Geschichte von Aliyah Zollinger - Young Circle

«What if?» – Eine Geschichte von Aliyah Zollinger

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«What if?» – Eine Geschichte von Aliyah Zollinger

Delia hat vor einem halben Jahr ihre beste Freundin Lilly verloren. Seitdem lebt sie mit Schuldgefühlen, Trauer und der Frage, ob sie etwas hätte verhindern können. Als sie eines Tages plötzlich Enea begegnet – dem Jungen, den sie einst geliebt hat und der untrennbar mit Lillys Geschichte verbunden ist – werden alte Gefühle und schmerzhafte Erinnerungen wieder wach. Ihr unerwartetes Wiedersehen zwingt beide, sich der Vergangenheit zu stellen.

Delia
Die Gefühlskombination, bestehend aus Trauer und Wut, ist die beste Voraussetzung für einen Rachezug. Aber an wem sollte man sich auch rächen, wenn eine deiner wichtigsten Personen selbst die Entscheidung trifft, sich von einem Tag auf den anderen das Leben zu nehmen? Ihren Eltern, die ihre Kindheit mit Gewalt und Hass geprägt hatten? Der Krankheit, welche sie von innen langsam aufgefressen hatte? Oder aber dir selbst, da du erst gemerkt hast, in welchem Ausmass es ihr Scheisse ging, als es schon zu spät war? Meine Gedanken drehen sich wie in einem Karussell in meinem Kopf, ohne auch nur ein einziges Mal auszusetzen.

Etwas mehr als ein halbes Jahr ist vergangen seit dem Vorfall, bei dem ich meine beste Freundin Lilly verloren hatte.
 Ein halbes Jahr bestehend aus Trauer, Wut, Albträumen und den ständigen Gedanken, was wäre wenn?
Ein halbes Jahr lang, in dem jegliche Lebensfreude meines neunzehnjährigen Bestehens aus mir gewichen ist und ich umgeben in einer Hülle aus Leere zurückgelassen wurde.

Lautes Hupen reisst mich aus meiner Gedankenwelt und ich realisiere erst, dass ich mich mit einem Fuss bereits auf der befahrenden Strasse befinde, als ich kräftig an meinem Arm gepackt werde und unangenehm von der Strasse gezehrt werde.
«Bist du eigentlich lebensmüde?» Eine mir bekannte männliche Stimme lässt mich aufhorchen und mich zu der Person umdrehen, welche immer noch meinen Arm festhält.
Blaue Augen wie der Ozean funkeln mich wütend an. Ich schaue in das mir bekannte leicht sonnengebräunte Gesicht, in die Augen, in denen ich mich einst verloren hatte, zu den haselnussbraunen Haaren, von welchen einige Strähnchenwellen, welche ich ihm einst immer mit meiner Hand verstrubelt hatte, in seine Stirn fallen.

Enea, der Junge, für welchen mein Herz bereits ab unserem ersten Kennenlerntag Saltos geschlagen hatte. Der erste Junge, bei dem ich mich geschämt hatte, dass ich Gefühle für ihn entwickelt hatte. Ich jaspe nach Luft, als ich die Worte meiner besten Freundin Lilly in meinem Kopf höre. « Ach Delia, weisst du was? Heute werde ich zu ihm hinüber gehen und ihm meine Liebe gestehen»
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich damals darauf geantwortet hatte.
 Wie sollte man seiner besten Freundin auch erklären, man sei mit ihrem Nachbarsjungen, ihrem besten Freund aus der Kindheit zusammengekommen, und das, obwohl man immer schon gewusst hatte, dass sie etwas für ihn empfunden hatte?
 Keine Ahnung. Ich hätte es ihr erzählen sollen, Schluss machen sollen und das nicht erst als sie die Nachrichten auf meinem Handy von mir und Enea gefunden hatte. Ich hatte sie belogen, nein sogar betrogen und zwei Wochen später verliess sie die Welt, ohne dass wir es je hätten klären können.
Ich war für ihren Tod mitverantwortlich und jetzt stand ich ihm nach einem halben Jahr wieder gegenüber und mein verdammtes Herz hatte nichts Besseres zu tun, als Saltos zu drehen.

Enea
Lächeln war der einfache Teil, es mit dem passenden Glücksgefühl zu verbinden der schwerere. Lächeln, Händeschütteln, verständnisvoll Nicken und sich für die Beileidswünsche bedanken und dann bei der nächsten Person wieder von vorne beginnen.

Ich kam zu einem Fussgängerstreifen und wartete darauf, dass sich die Ampel endlich entschied von Rot auf Grün zu wechseln. Neben mir standen einige Passanten, welche ebenfalls die Strasse überqueren wollten. Vor mir eine junge Frau, welche schätzungsweise in meinem Alter war. So genau konnte ich es jedoch von hinten nicht sagen. Sie trug einen marineblauen Faltenrock, welcher ihr knapp bis zu den Knien reichte, dazu in passender Farbe einen Anzug, schwarze Strumpfhosen und schwarze High Heels, die ihre zierliche, eher kleinere Gestalt, um einige Zentimeter grösser wirken liessen. Goldbraunes Haar reichte ihr bis zu den Hüften und an ihrem Arm hing eine kleine schwarze Handtasche.
 Wären die Jungs aus meinem Team hier, hätten sie mich dazu gedrängt dieses bildhaftschöne Wesen vor mir in eine Bar einzuladen. Doch das hätte ich niemals getan. Nach meiner Beziehung mit Delia, hatte keine mehr mein Herz je so berührt wie sie.
Seit unserer Trennung ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht an sie gedacht hatte. Keine einzige Woche, in der ich nicht maximal einmal von ihr geträumt hatte. Und jetzt stand ich hinter einer jungen Frau, die mich so fest an Delia erinnerte, dass mein Herz zu schmerzen begann.
Doch Delia ist nach Lillys Tod umgezogen und hatte jeglichen Kontakt zu mir abgebrochen.
Auch wenn wir uns damals gemeinsam geeinigt hatten, dass die Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, Lilly gegenüber der fairere Weg war, ist mir diese nie leichtgefallen.

Noch bevor die Ampel überhaupt auf Grün schaltet, setzt die junge Frau vor mir ein Fuss auf die immer noch befahrene Strasse. Ohne gross zu überlegen, packe ich sie an ihrem Arm und ziehe sie ruckartig von der Strasse.
 « Bist du eigentlich Lebensmüde» schreie ich, als ich sie gerade noch rechtzeitig wieder auf den Gehsteig ziehe. Als ich keine Antwort bekomme, möchte ich sie gerade wieder loslassen, da dreht sie sich zu mir um und ich blicke in bernsteinfarbene Augen, welche ich niemals vergessen hätte können.
 «Delia» höre ich mich selbst hauchen. Es war wirklich sie. Leibhaftig stand sie vor mir. «Enea» hörte ich sie meinen Namen wispern.
Fuck, wie hatte ich ihre Stimme vermisst, wie hatte ich ihren frischen Duft, der mich an Frühling erinnerte, vermisst, aber vor allem wie hatte ich sie vermisst.
 « Es tut mir leid…Ich…Ich habe es nicht geschafft, jeden Tag habe ich an dich gedacht und es schmerzt so sehr, da ich Lilly sogar noch jetzt betrüge.» Mehrere Tränen fliessen lautlos über ihr Gesicht, während sie genau die Worte ausspricht, welche ich die letzten Monate empfunden hatte. « Shh ich weiss, es ist okay »
Ich streiche ihr die Tränen aus dem Gesicht, ziehe sie zu mir hin und drücke sie fest an meinen Körper, versuche so viel wie möglich von diesem Moment aufzunehmen, denn tief im inneren wussten wir beide, er würde nicht für immer bestehen bleiben.


                                     

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