"Wenn ich gross bin" - Eine Geschichte von Diana Schild - Young Circle

«Wenn ich gross bin» – Eine Geschichte von Diana Schild

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«Wenn ich gross bin» – Eine Geschichte von Diana Schild

Als Kind scheint alles möglich: Prinzessin werden, ferne Galaxien entdecken oder die Welt heilen. Doch mit dem Erwachsenwerden weichen viele dieser Träume der Realität. Eine nachdenkliche Geschichte darüber, wie sich Hoffnungen verändern – und was vom Träumen übrig bleibt.

Wenn ich gross bin, werde ich Prinzessin. Die haben nämlich so schöne bunte Kleider und ganz ganz viel Glitzer. Ich werde drei Pferde haben, allesamt mit glitzernden Mähnen, zwei allerbeste Freundinnen, die genauso schöne Kleider mit ganz ganz viel Glitzer haben wie ich, und es wird immer Torte geben. Also so ganz grosse Torten, die auf jeder Ebene eine andere Geschmacksrichtung haben und mit ganz vielen Blumen (und Glitzer) verziert sind. Ein grosses Schloss mit drei Türmen und Leuten, die mir alles bringen, was ich mir wünsche, darf auch nicht fehlen. Jeder wird mich lieben, und ich werde jeden lieben. Ich kann es kaum erwarten, gross zu sein!

Wenn ich gross bin, werde ich Astronautin. Ich werde die Erde umkreisen, in ganz ganz ferne Galaxien reisen und mich auf unerforschten Planeten vielleicht sogar mit Ausserirdischen anfreunden. In meinem Raumanzug werde ich über endlose Kraterlandschaften springen, durch Wälder voller unbekannter Bäume spazieren und hin und wieder im absoluten Nichts des Universums schwimmen. Vor allem aber wird jeder meinen Namen kennen; Neil Armstrong war gestern, jetzt komme ich! Alle Fragen, alles, was der Menschheit bis dahin unbekannt war, werde ich beantworten. Ich werde so hell strahlen wie Stephenson 2-18 und noch viel heller. Da bin ich mir ganz sicher. Hoffentlich bin ich bald gross.

Wenn ich gross bin, werde ich Ärztin. Ich werde alle Menschen heilen, die zu mir kommen, egal, was sie haben und was nicht. Zwar habe ich gehört, dass es unheilbare Krankheiten gibt, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Menschen können doch nicht von heute auf morgen krank werden und dann nie wieder gesund? Es kann doch nicht sein, dass man machtlos seinem eigenen Tod und seiner Verrottung zusehen muss, bis man es eben nicht mehr muss. Mit der richtigen Behandlung und ein bisschen Hoffnung wird doch alles immer wieder gut. Meine Mama sagt immer zu mir, solange man die Hoffnung nicht verliere, komme alles wieder auf den richtigen Weg. Und wenn jemand diese Hoffnung zu verlieren droht, werde ich sie ihm einfangen und schön verpackt wieder zurückgeben. Gross zu sein wird bestimmt nicht schlecht.  

Wenn ich gross bin, werde ich Anwältin. Oder CEO von irgendeiner Pharma-Firma. Wenn man das irgendjemandem erzählt, macht das ganz schön viel Eindruck und man verdient auch ziemlich gut. Nicht dass Geld mir am wichtigsten ist, um Himmels willen, ich denke mir einfach, dass es gut wäre, finanzielle Sicherheit zu besitzen. Ich werde zwar eine gewisse Zeit studieren müssen, aber in dieser Zeit werde ich noch von der Arbeitswelt und allem da draussen verschont bleiben. Ausserdem habe ich dann noch Zeit. Nicht unendlich viel, nein, aber dennoch werde ich dann noch Zeit haben. Wenigstens noch ein bisschen.

Wenn ich gross bin, werde ich es schon wissen. Ich werde wissen, was ich mit meinem Leben anzufangen habe, und ich werde wissen, was ich gemacht habe. Ich brauche mir keinen Stress zu machen, wiederhole ich immer und immer wieder, obwohl ich weiss, dass andere wissen, was sie gemacht haben und machen werden – das wissen praktisch alle.  Es ist mir auch bewusst, dass wenn ich gross bin, ich mich entscheiden muss. Ich muss mich entscheiden, was ich machen werde und was ich gemacht habe. Aber zum Glück bin ich noch nicht gross. Ich habe noch Zeit. Hoffentlich.

Ich bin gross. Zumindest kann man mich nicht mehr als klein betiteln, dennoch frage ich mich, ob ich wirklich gross bin. Ich bin weder Prinzessin noch Astronautin, ich kann keine Menschen heilen und ich habe auch nicht irgendeinen reichmachenden Job, trotzdem habe ich keine Zeit mehr.

Ich träume nicht mehr davon, bunte Kleider mit ganz ganz viel Glitzer zu tragen, seitdem ich weiss, wie schädlich Glitzerpartikel für die Umwelt sind. Ein Schloss mit drei Türmen und Bedienstete sind mir zu teuer, immer mehrstöckige Torten essen hat mir zu viele Kalorien und Pferde mag ich sowieso nicht.

Ich bin gross. Alles, was ich mal geliebt und mir gewünscht habe, belächle ich, um mich vor dem Gedanken zu schützen. Vor dem Gedanken an Neid. Was ich doch alles tun würde, um mal wieder zu träumen, aus dem Jetzt auszubrechen. Vom Fluch der Realität belegt, hinterfrage ich alles und lasse keinen Spielraum für Irrationales. Als würde jemand mein Gehirn wie eine Marionette auf einem vorgepflasterten Weg halten, den ich nicht gemacht habe, der auch nicht zu mir passt.

Dieser jemand bin ich.

Ich weiss, dass man mit unserer heutigen Technik nicht in eine andere Galaxie reisen kann und wir wohl nie auf ausserirdisches Leben treffen werden. Ausserdem bringt es nichts, wenn ich heller strahle als Stephenson 2-18, wenn ich nichts zum Beleuchten, geschweige denn zum Erwärmen, um mich herumhabe.

Ich weiss, dass es unheilbare Krankheiten gibt und ich weiss, dass Hoffnung allein nichts bringt. Besitzt man sie, stirbt man trotzdem an Krebs, und verliert man sie, bringt man sich um. Meine Mama trägt schon lange keine Hoffnung mehr in sich.

Ich bin gross und nun weiss ich, dass ich mir nie gewünscht habe, gross zu werden. Ich wollte immer so bleiben wie ich war, ich wollte träumen. Nur habe ich nicht gewusst, dass Träume Träume sind und nicht für immer bleiben, und dass Grosswerden nichts mit der Verwirklichung eben dieser zu tun hat, im Gegenteil, es rottet sie aus.  

Ich bin gross, und jetzt?   

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