"Wenn Gedanken kreisen" - Eine Geschichte von Timea Stahl - Young Circle

«Wenn Gedanken kreisen» – Eine Geschichte von Timea Stahl

Member Stories 2026

«Wenn Gedanken kreisen» – Eine Geschichte von Timea Stahl

An einer ruhigen Bushaltestelle beginnt ein scheinbar gewöhnlicher Donnerstagnachmittag. Eine junge Frau wartet auf ihren Bus und kommt mit einem älteren Mann ins Gespräch. Erst am Ende wird klar, dass hinter der kleinen Unterhaltung eine viel tiefere und schmerzhafte Wahrheit steckt.

Es schien nach einem normalen Donnerstagnachmittag zu sein. Ich sass an der Bushaltestelle und wartete bis mein Bus Richtung Stadtzentrum kam. Neben mir sass ein älterer Herr, mit hellgrauen Haaren und schon viele Falten im Gesicht. Er schien ein wenig verwirrt zu sein, weil seine Augen ins nichts starrten. Ich wollte mir aber nicht noch mehr Gedanken machen, da ich im Moment schon genug Stress hatte. Ich schaute hinaus auf die grüne Wiese und hörte dem Rauschen des Dorfbaches nach. Es war kein Verkehr los und die Sonne schien mit vollem Glanz auf uns herab. Es wäre der perfekte Tag, um ein Spaziergang zu machen, doch genau heute muss dieser Termin sein. «Wie lange geht es noch?», ich schreckte hoch. Ich hatte ganz vergessen das der Mann noch neben mir sitzt. Ich schaute zu ihm und seine Augen waren auf meinem Bauch gerichtet. «Ach ich wollte nur wissen, vergessen Sie es.» Er schaute ein wenig geschämt zu Boden und seine Augen spiegelten Trauer aus. «Ich bin im sechsten Monat. Also noch knappe drei Monate.» Ich schaute auf meinen Bauch und legte meine Hand auf ihn. «Sie und ihre Familie sind sicher sehr aufgeregt, oder?», fragte der Mann und schaute nun in meine Augen. Er hatte ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht und hoffte wahrscheinlich auf meine Zustimmung. «Ich weiss es nicht ganz.» Ich seufzte tief und schaute wieder auf die Wiese hinaus. «Zwar freue ich mich, doch ich habe gerade viele Probleme. Mein Vater, der meine einzige Familie ist, leidet unter einer sehr schwierigen Krankheit und ich muss mich immer um ihn kümmern. Und nebenbei habe ich auch noch einen Job, mit dem ich unser ganzes Einkommen verdienen muss. Ich habe im Moment einfach zu viel los glaube ich.» Ich schaute wieder zu dem Mann, der mich eher traurig anlächelte. Ich spürte, dass er Mitleid mit mir hatte und versuchte sich einzufühlen. «Das tut mir sehr leid für Sie. Ich hoffe, dass sie trotzdem das Beste aus der Sache machen können.» Der Mann schaute weg und somit war unsere kleine Unterhaltung also beendet. Wir sassen noch zwei Minuten schweigend da, bis der Bus ankam. Ich stand auf und drehte mich zu dem Mann. «Komm Dad, das ist unser Bus.», sagte ich mit einer Träne im Auge. Mein Vater schaute mich wieder verwirrt an und blieb sitzen. Ich kam zu ihm und nahm seinen Arm. Ich half ihm beim Aufstehen und wir stiegen zusammen in den Bus ein. Ich gewöhnte mich zwar an seine Demenz, doch es ist und bleibt schmerzhaft, wenn er vergisst, dass ich seine Tochter bin.

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