"Wenn die Musik im Leben verstummt" - Eine Geschichte von Catarina Ribeiro - Young Circle

«Wenn die Musik im Leben verstummt» – Eine Geschichte von Catarina Ribeiro

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«Wenn die Musik im Leben verstummt» – Eine Geschichte von Catarina Ribeiro

Was macht man, wenn die Kopfhörer plötzlich leer sind und man nicht mehr weiss, wohin mit sich im Zug? Für Logan wird aus diesem kleinen Moment der Langeweile eine unerwartete Begegnung. Als er ein Mädchen entdeckt, das völlig in ihr Buch vertieft ist, fasst er all seinen Mut zusammen – und ein improvisiertes Gespräch über ein Buch wird zum Anfang von etwas, das sich überraschend richtig anfühlt.

Hier ist der Punkt, an dem meine Kopfhörer sich verabschieden und ich sehe, dass sie keine Batterie mehr haben…

Okay, das ist neu. Ich weiss, es ist ziemlich komisch, dass ich nicht weiss, was ich mit mir anfangen soll, wenn ich keine Musik höre, aber ich weiss wirklich nicht, wohin ich schauen oder was ich tun soll im Zug.

Das ist der Moment, in dem ich schliesslich das Mädchen, das schräg gegenüber von mir sitzt, realisiere. Sie liest ein Buch. Sitzt dort so still, dass ich sie nicht einmal bemerkt habe. Sie sieht so aus, als wäre sie in ihrer komplett eigenen kleinen Welt. Ich frage mich, wie ich sie erst jetzt bemerkt habe, da sie wie das schönste Mädchen aussieht, das ich je in meinem Leben gesehen habe.

Ihr müsst wissen, dass ich normalerweise keine Frauen anspreche, aber diese hier. Sie strahlt einfach etwas von sich aus. Sie sieht aus wie dieses positive Wesen, das einfach das Leben lebt. Sie ist so auf ihr Buch konzentriert, dass sie nicht einmal bemerkt, wie lange ich sie schon beobachtet habe. Ich merke sogar, dass einige andere Leute vielleicht denken, ich sei ein Freak, weil ich sie so lange anstarre.

Der Drang, den ich fühle, dieses Mädchen kennenzulernen, ist wie etwas, das ich noch nie zuvor erlebt habe. Es fühlt sich einfach richtig an, sie kennenzulernen oder wenigstens ihren Namen zu wissen. Da sie mit ihrer Brille und ihrem Buch klug aussieht, überlege ich es mir noch einmal, sie nach ihrem Namen zu fragen. Ich habe das Gefühl, dass ein Mädchen, das so hübsch ist, oft von Jungs angesprochen wird, also will ich es nicht einmal versuchen.

Das ist der Moment, in dem mein Kopf mir die beste Idee gibt, die ich seit Jahren hatte. Ich nehme mein Handy aus meiner Hose und google den Namen des Buches, das sie liest. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Ich sehe den Trailer des Films und erinnere mich, dass ich diesen Film einmal schauen musste, weil meine Mutter mich gezwungen hat, ihn anzusehen, da er einer ihrer Lieblingsfilme ist.

Ich gehe einfach nach meinem Instinkt und hoffe, dass das Buch nicht zu weit vom Film entfernt ist. Ich schaue sie wieder an und sage: „Ich kenne deinen Namen nicht, aber ich weiss bereits, dass du einen sehr guten Geschmack in Büchern hast.“

Ich werde so nervös, dass ich aus dem Fenster schaue. Dort sehe ich ihre Reflexion im Fenster. Sie schaut auf und dann mich an und fragt, während sie einen Finger auf sich zeigt: „Redest du mit mir?“

Ich drehe mich zu ihr um. In dem Moment, in dem unsere Augen sich treffen und ich in diese grünen tiefen Augen schaue, weiss ich, dass ich mich gerade in sie verliebt habe. Fragt mich nicht wie und warum, ich habe einfach ein Gefühl.

Ich sage ihr: „Ja. Ich habe gesehen, dass du eines meiner Lieblingsbücher liest.“ Ich lüge.

Sie verdreht die Augen. „Klar.“

Ich ziehe überrascht die Augenbrauen hoch. „Warte, was soll das den heissen?“

„Wenn du dieses Buch gelesen hast, dann sag mir, wer am Ende stirbt?“

„Der Typ“, antworte ich einfach und hoffe, dass sie mich nicht nach seinem Namen fragt, da ich mich daran nicht mehr erinnere.

„Der Typ. Mhm. Wie hiess er noch mal?“ fragt sie mich mit einem schiefen Lächeln, das mich nur noch mehr zu ihr hinzieht.

Ich hebe beide Hände ergeben und sage: „Okay, ich gebe auf. Du hast du mich erwischt. Das Letzte, was ich gelesen habe, war ein Schulbuch in der Sekundarschule.“

Sie lacht.

Sie lacht und ich falle noch mehr.

„Warum würdest du einen Fremden anlügen?“ fragt sie leise.

„Naja. Ich habe dieses wunderschöne Mädchen gesehen, das still in ihrer Ecke sass und ein Buch gelesen hat, das übrigens der Lieblingsfilm meiner Mutter ist, keine Lüge. Während ich sie beobachtet habe, hat sie kein Zeichen gegeben, dass sie mich bemerkt hat. Also habe ich getan, was jede normale Person tun würde, und versucht, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich habe den Titel deines Buches gegoogelt und gesehen, dass es eben dieser Film ist, den ich wegen meiner Mutter schon einmal gesehen habe und dann dich darauf aufmerksam gemacht.“ Sie schaut mich amüsiert wegen meiner Antwort an und ich bemerke auch, dass ihre Wangen rosa geworden sind.

„Okay, jetzt hast du meine Aufmerksamkeit. Was willst du?“

Das erwischt mich unvorbereitet, da ich nicht erwartet habe, dass mein Trick funktionieren würde… „Okay, also ich habe das ganze Manöver eigentlich nicht richtig geplant, also weiss ich es selbst nicht, aber ich würde gern einfach damit anfangen, nach deinem Namen zu fragen.“

„Emma“, antwortet sie kurz.

„Es ist mir eine Freude, dich kennenzulernen, Emma.“ Ich strecke meine Hand aus, damit sie sie nimmt, und ich gebe ihrer Hand einen Kuss. Sie errötet noch mehr. Okay, ich komme irgendwo hin.

„Muss ich dich Fremder nennen oder hast du auch einen Namen?“

„Logan. Danke fürs Fragen.“


                                     

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