Wenn Bücher zurückblicken…
Der Himmel schien dunkler als sonst. Fast, als würde er mir gleich auf den Kopf fallen. Vögel zwitscherten und kündigten den Frühling an. Blumen sprossen aus dem Boden. Doch ich bemerkte von all dem kaum etwas. Meine Gedanken kreisten, die Schlüssel meines Elternhauses klapperten im Weidenkörbchen, das meine Mutter mir vor fünf Jahren zu Ostern geflochten hatte. Der Gedanke an sie sandte mir einen Stich mitten ins Herz.
„Nicht weinen. Nicht jetzt. Nicht hier“, redete ich mir gut zu und bog bei der nächsten Straße ab. Das Haus, in dem ich meine Kindheit verbringen durfte, erschien vor meinen Augen. Ich rang mir ein kleines Lächeln ab.
„Du musst am Wochenende nach Windermere gehen und das Haus ein kleines bisschen ausmisten. Bevor wir es verkaufen“, hatte mir Tante Meredith am Mittwoch in mein Ohr geflüstert, während wir einen Höflichkeitsbesuch bei den Woodhouses abgestattet hatten. Und so ungern ich es tat, so recht hatte sie auch. Der Dachboden war staubiger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Jede Ecke war vollgepackt mit Kisten und Schränkchen. Schon beim Anblick fühlte ich mich überreizt. Willkürlich griff ich in eine Kiste, die ich nach kurzem Registrieren als eine Box meiner Dinge erkannte. Ein Buch fiel mir in die Hand. Mein Tagebuch. Tränen stiegen mir in die Augen. Sanft strich ich über das Leder und drehte es um. Mein Name war in goldenen Lettern in die untere Ecke eingeprägt. Ein Schauder überlief mich. Wie lange lag das schon in dieser Kiste? Kurzerhand entschied ich mich, ein wenig in meine Vergangenheit zu tauchen. Mit zitternden Händen öffnete ich das Buch in der Mitte und begann zu lesen.
„12.08.1838“. Da fiel mir etwas Ungewöhnliches auf. Tinte. Flüssige Tinte, die scheinbar aus dem Nichts auf den Seiten herunterzufließen schien. Das konnte nicht sein. Sie müsste inzwischen längst getrocknet sein. Sie roch auch seltsam. Nach … Vanille. Anstatt sie mit einem Tintenlöscher zu trocknen, versuchte ich, das flüssige Blau mit den Fingern zu verwischen.
„Autsch.“ Ich schlug mir die Stirn. Irritiert setzte ich mich auf und sah mich um. Eben saß ich noch auf dem Dachboden meiner Eltern, und nun? Ich saß an einem antiken Schreibtisch. In meiner Hand befand sich mein Tagebuch. Riesige Regale umgaben den Raum, ragten bis hin zur Decke und waren bis oben hin mit Büchern gefüllt. Bei deren Anblick breitete sich ein wohliges Gefühl in meinem Körper aus. Ich saß in einer Bibliothek. Ich liebte Bücher, seit ich klein war, obschon mein Vater es als Zeitverschwendung zu beschimpfen pflegte. Ich entschloss mich, die Bücher von Nahem zu betrachten. Der Anblick der vielen Buchrücken fesselte mich, überwältigte mich. Ich griff nach einem und zog es heraus.
„Jane Austen 1793“. Irritiert zog ich die Augenbrauen zusammen. Beim Versuch, die Seiten zu öffnen, scheiterte ich kläglich. Frustriert stellte ich das Buch zurück. Ich schlenderte weiter, und mir fiel ein Buch auf, das mit dem Namen des berühmten Komponisten Beethoven beschriftet war. Doch auch dieses Buch schien sich zu sträuben, sich mir zu öffnen. Meine Frustration floss stetig über zu Enttäuschung. Der Drang, darin zu lesen, war kaum zu unterdrücken. Als ich kurz davor war aufzugeben, fiel mir ein weiteres Buch auf.
„Annabelle Ashford 1831“. Meine Augen weiteten sich. Ich riss das Buch aus dem Regal und versuchte, es zu öffnen. Diesmal gewährten mir die Seiten ohne Zögern einen Einblick. Der Duft neuer Bücher umhüllte mich. Sobald ich die ersten Zeilen zu lesen begann, schien sich meine Umgebung zu verändern. Die Regale schrumpften, die Decke kam näher und näher, die Wände zogen sich zusammen, und zu meinem Erschrecken befand ich mich kurzerhand in meinem alten Kinderzimmer. Vor mir saß ein kleines Mädchen. Ich selbst, bloß um einiges jünger. Sie schien mich nicht zu sehen. Leise weinend hielt sie sich die Ohren zu. Durch die Tür hallten Schreie herüber. Glas schien zu brechen. Ich erinnerte mich nur zu gut. Ein Großteil meiner Kindheit war von Streitigkeiten meiner Eltern geprägt. Doch nun waren sie beide verstorben. Weg. Entschlossen schlug ich das Buch wieder zusammen. Prompt verschwand die Szenerie, und ich befand mich erneut in der Bibliothek.
Nach längerem Erforschen lernte ich, dass jedes Buch mit eigenen Erinnerungen gefüllt war. Jedes Jahr enthielt Unmengen an Szenen und Momenten, und an die meisten schien ich mich zu erinnern. „Das letzte, dann gehe ich zurück“, entschloss ich mich und fuhr suchend mit den Fingerspitzen über die Buchrücken.
„Annabelle Ashford, 1878“. Ich zuckte zusammen. Die Zukunft. Dieses Buch schien die Zukunft zu beinhalten. Neugierig zog ich es heraus und öffnete mit angehaltenem Atem die Seiten. Was danach kam, war verstörend. Ich, wie ich zitternd und durchnässt auf einer Kutsche durch den Regen fuhr. Ich, wie ich von kichernden Kindern umgeben am Tanzen war. Ich, wie ich vor einem Grab eines mir unbekannten Menschen stand und weinte. Ich, wie ich in einem dunklen Raum mit zugezogenen Vorhängen saß und einen großen Stapel ungeöffneter Briefe anstarrte. Die Szenen flogen mir um die Ohren, ich drehte mich und sah Unmengen an möglichen Fragmenten meiner Zukunft. Mir wurde stetig übel, und der Schwindel nahm zu. Und doch konnte ich das Buch nicht einfach schließen. Ich wollte nicht. Es war zu verlockend. Doch je länger ich in meiner Zukunft herumreiste, desto mehr fiel mir auf, wie unvorhersehbar sie war. Unzählige, grundverschiedene Szenen spielten sich vor mir ab. Woher sollte ich wissen, was schlussendlich wirklich passieren würde? Noch bevor ich mich verlieren konnte, schlug ich das Buch zusammen und ließ es mit zittrigen Händen zu Boden fallen.
Panisch rannte ich zum Schreibtisch und nahm mein Tagebuch in die Hand. Verzweifelt versuchte ich, zurückzureisen. In die Gegenwart. Und sobald ich die Tinte erneut anfasste, befand ich mich wieder auf dem Dachboden. Meinem Zuhause. Meinem Gewohnten. Schwer atmend ließ ich mich auf den Boden sinken. Mein Herz pochte, meine Gedanken kreisten. Ich wollte die Zukunft nicht wissen. Sie wird früh genug geschehen. Die Gegenwart jedoch schwindet mit jeder Sekunde dahin. Ich werde sie von nun an mit größter Freude und Respekt genießen.
…wird die Zukunft leiser.
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