Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn wir das Familienwochenende doch abgesagt hätten. Wenn es nicht geregnet hätte. Wenn wir nicht darauf bestanden hätten zu gehen. Wenn mein Vater und meine Schwester nicht in dieses Auto wären. Wenn wir nicht meine Medikamente vergessen hätten.
Doch der Traum endet immer gleich.
Jedes Jahr gingen wir am selben Wochenende in das Haus am See. Es lag direkt neben dem Wald indem ich und meine grosse Schwester Elli immer spielten. Auch in diesem Jahr wollten wir gehen. Es war eine Woche nach meinem 12. Geburtstag. Als es am Donnerstagabend regnete, dachten wir uns nichts, es war nicht das erste Mal das wir bei regen in der Hütte waren. Am Freitag war das Wetter kalt und die Strassen sind gefroren. Meine Eltern wollten erst nicht gehen doch Elli und ich bestanden darauf. Elli war schon 14. Jahre und meine Eltern befürchteten ihr würde es bald nicht mehr gefallen und wäre nicht mehr mitgekommen. Als wir die Strasse, die durch den Wald führt erreichten, wusste ich, dass es keine 30 Minuten mehr dauern würde. Als wir die lange Waldstrasse durchquert haben, sahen wir schon unser Haus. Mein Vater fuhr in die Einfahrt und trug unser Gepäck hinein. Der nächste Laden, ist fast eine Stunde entfernt. Deshalb haben wir unser essen mitgenommen. Während meine Mutter kochte und mein Vater sich nach der Fahrt hinlegte, sind Elli und ich in den Keller gegangen. Neben dem alten roten Sofa, gab es einen Schrank. In dem waren all die Spielsachen die sich in den letzten 10 Jahren, in denen wir dieses Haus haben, angesammelt haben. Ich wusste das meine Schwester nicht mehr so gerne spielte wie früher, deshalb war ich nicht überrascht als sie auf direktem Weg zu diesem Sofa lief. Sie war schon immer meine beste Freundin und ich wusste, dass sie mich nie verlassen würde. Wir redeten über alles mögliche bis unsere Mutter uns zum essen rufte. Ich war die Treppe hochgerannt und gestolpert, dabei habe ich mein Kinn aufgeschlagen und es fing an zu bluten. Wir haben schnell ein Pflaster draufgemacht und gegessen. Ich habe vergessen das es passiert ist, habe mit meiner Familie gelacht und das leckere Essen meiner Mutter verschlingt. Auch als ich anfing zu frieren und ich müder wurde habe ich mir noch nichts dabei gedacht. Erst als mir schwindelig und übel wurde. Vor 6 Jahren wurde bei mir Nebenniereninsuffizienz diagnostiziert und seitdem wurde es stetig schlimmer. Früher kriegte ich nicht so schnell eine Nebennierenkrise, heute reicht schon eine kleine Verletzung. Ich wusste das es nicht so schlimm war und meine Medikamente reichen, doch wir haben sie nirgends gefunden. Mir wurde immer kälter und die Medikamente hatten wir noch immer nicht. Ein Krankenhausaufenthalt war noch nicht nötig, Lebensgefährlich wäre es erst wenn ich nach 6 Stunden noch immer nichts hätte. Mein Vater stieg mit meiner Schwester ins Auto und machte sich auf den Weg nachhause wo die Tabletten vermutlich liegen geblieben waren. Zwei Stunden waren vergangen, die Übelkeit wurde schlimmer und mein Gesicht weisser. Die beiden sollten mittlerweile zuhause sein doch meine Mutter wusste, das sich mein Zustand noch mehr verschlechtern würde bis Sie zurück wären. Sie rufte meinen Vater mehrmals an, ohne Antwort. Der Krankenwagen traf schliesslich ein und ich wurde so schnell wies geht in das nächste Krankenhaus gebracht. Mein Vater sowie Elli haben sich noch immer nicht gemeldet. Jedoch ein Polizist der meiner Mutter mitteilte das die beiden einen schweren Unfall hatten. Meine Schwester war noch an der Unfallstelle verstorben und mein Vater bewusstlos. Sie wurden in dasselbe Krankenhaus gebracht und nach einer Weile durfte ich meinen Vater sehen. Er lag anschliessend einen ganzen Monat im Komma. Wir haben deshalb die Beerdigung meiner Schwester noch nicht durchgeführt gehabt, unsere Hoffnung war gross. Als er schliesslich aufwachte stellte sich heraus das sie doch nicht so gross ist. Monate haben wir und er gekämpft. Es war von beginn an klar das er es nicht schaffen wird aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Als auch er nach 7 Monaten starb, fing meine Mutter an zu trinken. Jahre vergingen und ihr zustand verbesserte sich nicht. Ich habe mir alles selbst beigebracht. Eines Abends kam sie nachhause. Betrunkener als je zuvor. Sie hatte mir Wörter an den Kopf geworfen die sie nicht zurücknehmen konnte. Wörter die sie seit dem Tod ihrer Tochter im Kopf hatte aber nie sagte. Ich war schuld an der Zerstörung meiner Familie. An diesem Abend packte ich meine Sachen und ging zu meinen Grosseltern. Sie war keine perfekte Mutter, aber ich konnte sie nie verurteilen. Es ist auch nur ein Mensch der die Liebe ihres Lebens und die erstgeborene Tochter verlor. Meine Grosseltern wussten das ich nichts dafür kann das der Wagen meines Vaters in schleudern geraten ist und ihr Sohn dabei ums Leben gekommen ist. Doch ich sah es in ihren Augen wenn sie mich anschauten das ich sie an ihn erinnere.
Ich hatte die Schule abgeschlossen und hatte mit meinem ersten Job Geld gespart um mir eine Wohnung zu kaufen. Ich zog aus und wollte neu starten. Es hatte auch funktioniert bis meine Mutter in meiner Einfahrt aufgetaucht war. Sie hatte sich entschuldigt für die Jahre in denen sie mich im Stich gelassen hat. Ich wusste das es ihr wirklich leidtut, doch sie war nicht die einzige die etwas verloren hat. Ich habe meine beste Freundin, meinen Vater und am ende auch meine Mutter verloren, um bei den Grosseltern zu leben die mich nicht anschauen konnten ohne sich daran zu erinnern und mich zusehen. Sie sahen immer nur meinen Vater. Wir hatten versucht unsere Verbindung wieder aufzubauen, doch sie wurde nie wieder stark. Und jedes Mal, fragte ich mich wieder, was passiert wäre wenn ich diese Krankheit nicht gehabt hätte.
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