Es war ein grosses Haus, die Fassade aus beigem Sandsteinziegeln zusammengesetzt und mit dunkelroten Fensterläden geziert. Das Haus fiel mir zum ersten Mal auf, als eine Strassenkünstlerin auf einem Campingstuhl sass und das Haus abzeichnete. Wenn ich genug Geld hätte, hätte ich das Bild gekauft, um es meiner Mutter zu schenken. Vor ungefähr sechs Jahren war das gewesen, und ich hatte das Haus schon fast wieder vergessen, aber diesen Winter hatte ich trotz meiner Bemühungen keine Bleibe gefunden, und schon im Oktober war es zu kalt, um auf der Strasse zu schlafen, und da kam mir das Haus wieder in den Sinn. An dem Tag vor sechs Jahren hatte ich eine Frau das Haus verlassen sehen, die die Hand eines kleinen, weinenden Mädchens gehalten hatte. Die Frau hatte weder auf geschlossen noch hatte sie abgeschlossen.
Ich brauchte lange, um das Haus zu finden, ich wusste nur noch, dass es in der Nähe des Schwimmbads gewesen war. An diesem Tag hatte ich mein Glück schon bei vielen Haustüren versucht, aber alle waren geschlossen gewesen. Mein Verlangen nach Wärme und Sicherheit wurde mit jeder Sekunde, in der die Temperatur sank und der Schneefall zunahm, stärker.
Ich konnte meine Finger kaum bewegen, als ich das Haus sah. Der Vorgarten war klein, alle Pflanzen, die im Sommer dort gesprossen und gedeiht hatten, waren jetzt vom Schnee zugedeckt und von der Kälte erfroren. Nur ganz nahe an der Hauswand, dort wo Wind und Schnee nicht hinkamen, standen fünf Sträucher, Lavendel, Thymian und drei andere Arten, die ich nicht identifizieren konnte.
Ich öffnete die Tür und fragte mich, was für naive, blauäugige Menschen hier lebten. Die Wände hinauf schlangen und rankten sich Weinreben, ich fragte mich wie reich die Personen waren, die diese Malereien bezahlt hatten. Ich sah die Kellertüre und der Gang dorthin war mit Kacheln ausgelegt, die kunstvoll mit Blumen bemalt waren.
Das Muster fand ich so faszinierend, dass ich gar nicht darüber gehen wollte: Ich war nicht rein und würdig genug, um über eine solche Bühne zu gehen. Ich stand geschlagene fünf Minuten auf der Türschwelle, bis ich meine Schuhe auszog und in Socken über das Muster lief. Ich öffnete die Tür zum Keller und war fast ein bisschen enttäuscht, als ich eine steile, hölzerne Treppe sah, die nach unten führte. Ich hatte etwas erwartet, das dem Luxus und der Eleganz des Ganges gerecht wurde. Mir war kalt, und ich hatte keinen Grund mehr in Socken umherzulaufen, so zog ich mir die Schuhe wieder an und hoffte, dass niemand auf das Knarren der Treppe reagieren würde.
Der Keller hatte eine Waschküche, vier einzelne Keller, eine Kammer, in der nur Velos standen, ich zählte sieben Räder und zwei Einräder. Zudem war da noch ein grosser Raum, der wie ein Büro aussah.
Ich fand eine Luftmatratze und in der Waschküche hingen einige trockene Handtücher. Das provisorische Bett, dass ich mir zurechtgemacht hatte, war besser als das, was ich gewohnt war, aber als ich auf der Matratze lag, auf dem Rücken, weil die Matratze so dünn war, blickte ich nach oben, dort wo die Menschen in echten Betten schliefen. Ich fragte mich, was sie zu Abend gegessen hatten.
Ich wünschte, ich könnte wenigstens einen Tag mit dem kleinen, weinenden Mädchen, das jetzt nicht mehr klein aber vielleicht immer noch weinend war, tauschen. Ach, was würde ich dafür geben, etwas zu essen, das mir mit Liebe zubereitet wurde, oder wenigsten etwas, das nicht gestohlen wurde.
Ich hatte schon ganz vergessen, wie es war in einem echten Bett zu schlafen, ich stellte es mir angenehmer vor, vielleicht waren echte Betten aber auch hart und unbequem dachte ich, aber dann erinnerte ich mich daran, wie ich in der Altstadt einmal ein Bettengeschäft gesehen hatte. Und die Betten, die ich im Schaufenster gesehen hatte, sahen aus wie Wolken und wenn der Laden noch offen gehabt hätte, hätte ich mich auf eins der Betten gelegt.
Einbrechen hätte ich natürlich können, bei all den Strafdelikten die ich schon begangen hatte, wäre das kein gravierender Unterschied. Aber es erschien mir wie ein Sakrileg, es erschien mir falsch; die Betten waren eine heilige Stätte. Es war das gleiche Gefühl der Demut, das ich eben vor den mit Blumen bemalten Kacheln verspürt hatte.
Hier geht’s zu den weiteren Member Stories: