Die Sonne scheint. Sie lachen. Über mich?
Man sagt, Pubertät ist ein Prozess. Doch für mich ging alles so schnell. Ruckzuck. Alles war plötzlich anders. Alles war plötzlich falsch.
Sportunterricht. Ich schwitze. Riecht man es?
Meine Lehrperson kam zu mir. «Mir ist aufgefallen, dass manchmal ein strenger Geruch von dir kommt», hat er gesagt. Ich stinke, meinte er wohl. Pokerface. Ich lächle, mir kommen die Tränen. Pokerface.
Duschen. Umkleide. Hässlich?
Ich dusche mich. Ich schaue die Wand an. So, dass ja niemand meinen Körper sieht. Hätte ich Badekleider mitnehmen sollen? Warum habe nur ich Brüste? Sie hängen schlapp an meinem Körper, während blaue, dünne Adern sie umschlingen. Hässlich.
Brüste.
Ich mochte sie früher. Zarte, kleine Dinge. Dinge, die Leben schenken. Die Form geben. «Ehh, du trägst schon einen BH?! Ich werde so was bestimmt erst ab der 5. tragen», sagte sie. Die Grausamkeit eines Kindes? Der Beginn eines Unwohlseins. Ich habe dann erst in der 5. wieder einen BH getragen.
Spiegel. Makel. Attraktiv.
Ich bin die Einzige mit Akne in meiner Klasse. Rote Pickel, schwarze Mitesser und riesige, klaffende Poren, die das wenige an schöner Haut, das mir übrig bleibt, verschlingen. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde es wohl sein, dass die schöne Haut an meiner Schläfe überall auf meinem Körper zu finden wäre. Corona-Masken waren toll. Man konnte bloss meine Stirn sehen.
Skincare. Schönheit.
Ich bin vor dem Spiegel. Streiche mir eine Peel-off-Maske ins Gesicht. Augenbraue erwischt. Au. Ich entferne sie nach der Wartezeit in der Hoffnung, sie nimmt den ganzen Schmutz, Dreck und halt meine Augenbraue mit sich. Ich wechsle diese Masken, die Cleanser, all diese Akne-Produkte oft. Konsistent war ich nie. Da wundert man sich, warum die Haut sich bloss verschlimmert.
Haare. Öl.
Gestern geduscht. Heute Trockenshampoo. Ich bin nach unten ins Wohnzimmer gegangen. Meine Mutter hat mir gesagt: «Warum hast du noch nicht geduscht?» Dabei kam ich gerade vom Duschen runter. Ich gehe wieder ins Badezimmer. Das Wasser läuft wieder.
Konflikte. Freunde, Feinde?
Ich hasse es. Wir sassen im Kreis, sie sagte zu mir: «Wäschst du deine Kleider nie? Du hast diesen Pulli jetzt schon dreimal hintereinander angezogen.» Vor meinem Crush, unserem Lehrer und der ganzen Klasse. Im Nachhinein kommen mir so gute Sprüche in den Sinn, doch dort: bloss ein Stottern und ein gesenkter Kopf. Dabei dachte ich, wir wären Freunde.
Viereck. Sanduhr.
Ich schaue mich im Spiegel an. Nackt. Wo ist meine Taille? Ich bin ein Viereck. Keine Kurven, bloss jede Menge Fett, das mir vom Bauch schwabbelt. Ich sollte abnehmen. Ein Glow-Up machen oder so. Welchem Influencer sollte ich dafür folgen? Wem sollte ich ähneln?
Gewicht. Dick. Dünn. Normal?
38 kg, sagt sie. Ich bin 50 kg. Lügt sie? Bin ich fett? Ich antworte mit 45. «Meine Güte, bist du schwer», ist ihre Antwort. Stell dir vor, ich bin noch schwerer. Ich esse heute Abend nicht. Sollte ich auf eine Diät gehen?
Zweite Lüge.
Wir sind auf der Wippe. Zwei auf ihrer Seite. Ich allein auf meiner. Ich bin unten. Sie beide oben. Alle schauen mich komisch an. «Ich trage Gewichte», schnellt es aus mir heraus. Realistische Ausrede. Dachte ich zumindest.
Menstruation.
«Ich esse heute Erdbeeren», sagt meine Freundin. Ich werde blass und ich will überall sein, aber bloss nicht hier. Erdbeeren essen. Unser Codewort. Blutflecken auf der Hose haben. Sichtbare Flecken. Sch**ss Menstruation. Ich renne aufs Klo. Meine Wangen brennen. Ich will gar nicht wissen, wie meine Hose gerade aussieht.
Pubertät. Ein Feind?
Mein Körper entwickelt sich gegen meinen Willen. Ich fühle mich verletzlich und ich werde verletzt. Von Freunden, Familie und am schlimmsten von mir selbst. Nie genug, nie so, wie ich sein will. Immer in einen Rahmen passen. Nie stinken. Nie Salat in den Zähnen haben und ganz sicher nicht lachen und dabei grunzen. Man muss einem unsichtbaren Bild entsprechen. Habe ich dieses Bild kreiert? Mein Umfeld? Social Media? Die Gesellschaft? Oder die Vergangenheit? Wer ist schuld, dass ich mich wie eine Kriminelle fühle, wenn ich furze, einen Pickel auf meiner Stirn habe oder ein Schweissfleck unter meinem Arm entsteht?
Warum sehen wir uns gegenseitig, diese Leute, die mit uns durch die Pubertät gehen, als Feinde an? Anstatt als Gleichgesinnte. Als Mitkämpfer. Als «comrades in arms». Denn das will ich sein. So will ich durch diese Zeit gehen, in der sich alles falsch anfühlt, obwohl nichts falsch ist. Ich will eine Person sein, mit der man grunzen, schwitzen, furzen und halt so «ekelhaft» oder «unhygienisch» sein kann, wie man manchmal ist. Und ich will von solchen Leuten umgeben sein. Ich will mich nicht verstecken. Ich will leben. Ich will diesen Körper nicht als einen Feind behandeln, sondern als einen Freund. Ein Freund, der mit mir wächst, der mich bis in meinen Sarg begleiten wird. Und ist es nicht das Recht eines lebenslangen Freundes, mit Respekt behandelt zu werden? Mit Liebe?
Ich sage es nochmal: Nicht dein verd**ter Körper ist falsch, sondern die Vorstellungen, denen man entsprechen soll.
Vielleicht beginnt Pubertät nicht damit, dass sich unser Körper verändert.
Sondern damit, dass wir endlich lernen, ihn zu verteidigen.
Und diesmal werde ich auf seiner Seite stehen.
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