Stumm rann mir eine Träne die Wange hinunter als ich den mir allzu vertrauten Feldweg den Hügel hinauflief. Die Sonne ging am Horizont in einem Farbenmeer unter, doch ich beachtete sie nicht im Geringsten. Meine Aufmerksamkeit galt allein der jungen Frau, die alleine auf dem Stein auf der Hügelkuppe sass. Eine alte Eiche spannte ihre mächtigen Äste über das Mädchen, als wollte sie sie vor allem bösen in dieser Welt beschützen.
«Zu spät», dachte ich voller Bitterkeit.
Zehn Jahre zuvor:
Die Kekspackung fest umklammert, rannte ich durchs Dorf, auf der Suche nach einem geeigneten Platz um meine Beute zu verzehren.
Eine Weile später blieb ich keuchend am Dorfrand stehen.
Eigentlich durfte ich nicht weiter als bis hier…
Aber meine Füsse schlugen ganz alleine diese Richtung ein.
Zu meiner linken erstreckte sich ein scheinbar endloser Wald. Rechts von mir reihten sich Mais, Raps und Roggenfelder aneinander. Dazwischen schlängelte sich ein schmaler Kiesweg einen Hügel hinauf, auf dessen Kuppe ein einzelner Baum stand.
Neugierig auf die neue Welt, die sich vor mir auftat, folgte ich dem Weg.
Als ich mich der Kuppe, und damit auch dem Baum näherte, entdeckte ich, dass darunter ein grosser Stein, oder eher ein kleiner Fels lag.
Erfreut rannte ich darauf zu und erklomm ihn. Grinsend setzte ich mich darauf und wollte gerade in einer der wundervollen Schockoladenkekse beissen, als plötzlich eine Stimme hinter mir rief: «Hey!»
Erschrocken drehte ich mich um und blickte in grosse dunkelbraune Augen.
«Das ist mein Geheimplatzt!», behauptete das Mädchen, das mit verschränkten Armen am Fusse des Steines stand.
Bevor ich antworten konnte, fügte sie hinzu: «Aber wenn du mit mir deine Kekse teils, teile ich meinen Geheimort mit dir»
Dagegen konnte ich nichts einwenden.
«Diel?», ich hielt ihr meinen kleinen Finger hin.
«Diel.», sie verhakte ihren mit meinem.
Eine weiter Träne lief mir über die Wange.
Wie jeden Nachmittag in der Vergangenen Woche rannte ich mit einer Kekspackung unter dem Arm den Feldweg hinauf.
Nienna, das Mädchen, dem der Stein unterm Baum gehört, rannte mir lachend entgegen.
Kurze Zeit später sassen wir zusammen auf Niennas Stein und assen meine Kekse, so wie immer, und betrachteten die Wiesen und Felder.
Etwas nervös betrachtete ich Nienna, als ich ihr die Frage stellte, die schon die ganze Woche über auf meiner Zunge brannte: «Willst du meine beste Freundin sein?»
Einen schrecklichen Moment sah sie mich stumm an und ich war überzeugt davon ein Fehler gemacht zu haben. Doch dann hielt sie mir bloss ihren kleinen Finger entgegen: «Diel?»
Ich verschränkte erleichtert meinen mit ihrem: «Diel.»
Lautlos setzte ich mich neben Nienna auf den Stein. Sie hatte den Kopf in den Händen vergraben und ihr ganzer Körper wurde von Schluchzern geschüttelt.
«Es tut mir leid», flüsterte ich, «so unendlich leid.»
Aber sie konnte mich nicht hören.
Vor acht Jahren:
Wie fast jeden Tag sassen Nienna und ich nach der Schule auf dem Stein unter dem Baum und redeten über alles und nichts oder schwiegen gemeinsam.
Ich biss gerade in einen der Schockoladenkekse, die ich vom Kiosk neben der Schule hatte, als Nienna plötzlich mit leuchtenden Augen vom Stein sprang.
«Mallory! Schau!»
Neugierig kletterte ich vom Stein und lief zu der Stelle an dem meine beste Freundin am Boden sass.
«Schau! Die haben dieselbe Farbe wie deine Augen!», rief sie begeistert von ihrem Fund und deutete auf ein Gewächs mit kleinen blauen Blüten.
Vergissmeinnichts.
Wie gerne ich sie in den Arm genommen hätte, aber ich konnte nicht.
Fünf Jahre zuvor:
«Weisst du wie man das hier löst?», fragte ich Nienna keckskauend und deutete auf die unmöglich aussehende Matheaufgabe.
«Sicher, warte ich versuche es dir zu erklären», versprach sie und nahm sich ebenfalls einen Keks.
Der Wind fuhr durch die Äste über uns und verstrubbelte Niennas schwarze Locken, doch ich spürte keinen Hauch.
Zwei Jahre zuvor:
Es war einer der düsteren, nebligen Tage.
Nienna und ich sassen auf dem Stein und schwiegen.
In den letzten Monaten war alles viel schwieriger geworden. Nichts war mehr so einfach wie damals als wir keine anderen Sorgen hatten als die Frage wie wir Schokoladenkekse kriegen konnten.
Das Leben war schwieriger geworden.
Lachen, Glücklichsein, Alles.
Aber wenn Nienna und ich zusammen waren machte es alles ein klein wenig besser, ein wenig leichter.
«Für immer?», fragte ich.
Mit einem leichten Grinsen hielt sie mir ihren Kleinenfinger entgegen: «Diel?»
«Diel.», versprach ich.
Zwei Monate zuvor:
«Fahr vorsichtig!», hörte ich Nienna rufen.
Doch ich lachte nur, als ich den Motor meines neuen Motorrades startete.
«Du hast es versprochen!», hörte ich Nienna flüstern.
«Ich weiss», sagte ich voller Schuld.
Ich hatte versprochen, dass ich sie nie alleine lassen würde. Ich hatte versprochen, dass ich an ihrem Abschluss sein werde, dass ich ihr bei jedem Herzschmerz zur Seite stehen würde, dass wir gemeinsam in einer WG leben würden, dass ich an ihrer Hochzeit neben ihr stehen würde, dass wir gemeinsam diese Welt entdecken würden, dass wir gemeinsam im Altersheim Unfug treiben würden, dass ich immer für sie da sein würde.
Nie hatte ich gedacht dass ich diese Versprechen brechen würde.
«Weshalb musstest du so schnell fahren? Weshalb hast du nicht besser aufgepasst?», schluchzte meine beste Freundin.
«Es tut mir leid», antwortete ich, obwohl ich wusste das sie mich nicht hören konnte.
Lautlos sprang ich vom Stein und pflückte ein paar der kleinen Blumen, die seit Jahren darunter wuchsen und legte sie neben meine beste Freundin auf den Stein.
«Ich wünschte ich könnte bleiben, ich wünschte ich könnte an deiner Seite stehen, aber ich kann nicht. Vielleicht sollte es nie so sein. Aber du musst wissen, dass ich immer bei dir sein werde! Ich werde dir zuschauen, von wo auch immer. Versprochen! Du lebst dieses Leben für uns beide und ich schaue dir zu, Diel?»
Und obwohl sie mich nicht gehört hatte, hob sie genau in dem Moment den Kopf und entdeckte die Vergissmeinnichte. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen.
«Auf Wiedersehen, Mallory»
«Auf Wiedersehen, Nienna», flüsterte ich bevor ich mich umdrehte und auf den Weg zu dem Ort machte, den noch nie ein lebendes Wesen gesehen hatte.
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