«Warum steht da <Unbekannter Kontakt?>.»Dabei ist es doch ihre Nummer. Schon seit der Grundschule. Ich starre mein Handy an und blicke anschliessend zu Ted auf. Der zuckt bloss mit den Schultern. «Hä, ist doch alles gut», antwortet er und widmet sich wieder seinem Mittagessen.
«Nichts ist gut», bringe ich aufgelöst hervor, «ich habe Enya seit vier Tagen nicht gesehen und jetzt steht da unbekannter Kontakt?!» «Wer ist Enya?», fragt er emotionslos und ich starre meinen Zwillingsbruder böse an. «Meine beste Freundin, die übrigens auch mit uns in die Klasse geht, Blödmann», gifte ich ihn an. Stirnrunzelnd sieht er mich an. «Ähm, nö», sagt er lediglich. Mit einem Ruck stehe ich auf und werfe dabei fast den Stuhl um. Ich stampfe aus dem Raum hinaus und bleibe im Eingangsbereich stehen. Mit zitternden Fingern gehe ich auf WhatsApp. Chatverlauf weg. Mir wird übel und ich balle meine Hände zu Fäusten. Kurzerhand schnappe ich mir meine Jacke und rase mit dem Fahrrad zurück zur Schule.
Ich stosse die Tür von unserem Klassenzimmer auf, wo Herr Lehmann über unseren Mathetests hockt, die wir am Morgen geschrieben haben. «Oh, hallo Ava», lächelt er mich überrascht an, wobei seine Brille ein Stück nach unten rutscht. Ich schenke ihm ein nervöses Lächeln und komme sogleich zur Sache. «Guten Tag, wissen Sie zufälligerweise, ob Enya krank zuhause liegt?» Schweigen. «Sie geht hier in die Klasse», füge ich sicherheitshalber noch hinzu. Mitleidig sieht er zu mir auf. «Ava, hier geht kein Mädchen Namens Enya in die Klasse.» Nein, nein, nein, das konnte nicht sein.
«Das Klassenfoto!», rufe ich erleichtert und deute hinter ihn, als ich es entdecke. Bereitwillig nimmt er es vom Regal und legt es auf seinen Schreibtisch. Hastig suche ich mich, die als Zweite von links in der hinteren Reihe steht.
Daneben steht nur noch Enya. Oder stand. Denn neben mir befindet sich nichts. Absolut nichts. Meine Hände fangen schon wieder an zu zittern. Herr Lehmann legt mir beruhigend eine Hand auf den Arm. «Schlaf eine Nacht darüber, morgen sieht bestimmt alles anders aus», meint er freundlich. Genau das tue ich und rede mir dabei ein, dass ich in einer Reality Trash TV Show gelandet bin. Am nächsten Morgen sprechen die dunklen Ringe unter meinen Augen Bände über mein Schlafverhalten.
Ich zwinge mich in die Schule und hoffe dabei, dass jemand um die Ecke gesprungen kommt und Überraschung! ruft. Ich frage einige meiner Freundinnen, ob sie Enya gesehen haben, doch alle erwidern, sie wissen nicht, wer das ist. Zwei Tage später fällt mir auf, dass mein Name in der Gruppenarbeit mit Ted verschwunden ist. Seltsam. Ich denke mir nichts weiter dabei und versuche verzweifelt weiter Beweise für Enyas Existenz zu finden. Doch ich finde nichts.
Je länger das so geht, desto mehr fällt mir auf, dass ich langsam…unsichtbar werde. Also, nicht wortwörtlich, aber ich werde öfters vergessen oder es sieht so aus, als wäre ich nie da gewesen.
Ich lasse mich auf meinen Schreibtischstuhl sinken und starre Löcher in die Luft. Dann gestehe ich mir das Offensichtliche ein. Je mehr ich versuche ihre Existenz zu beweisen, desto mehr verschwinde auch ich.
Ein Geistesblitz durchzuckt mich und ich ziehe schnell ein fast leeres Notizbuch hervor. Dann beginne ich alles aufzuschreiben. Über Enya. So wird sie immer in Erinnerung bleiben. Ich versuche sie zu zeichnen, was mir so halbwegs gelingt. Alle ihre Fotos mit mir waren gelöscht. Mit jedem Wort, das ich schreibe, nimmt die Müdigkeit in meinem Arm zu. Langsam schleppe ich meine Hand über das Papier. Ich befinde mich in einer Art Halbschlafkoma. Mit letzter Kraft schreibe ich am Ende noch die Worte auf:
Wenn du das hier liest, vergiss mich nicht. Ava
In Herr Lehmanns Klassenzimmer setzen sich alle Schüler. Bloss Ted steht noch zwischen den Pulten, sieht stirnrunzelnd auf einen leeren Platz und versucht sich angestrengt zu erinnern, ob seine Schwester krank zuhause liegt oder wieso sie sonst nicht in die Schule kommt.
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