"Unergründliche Wege" - Eine Geschichte von Donat Isufi - Young Circle

«Unergründliche Wege» – Eine Geschichte von Donat Isufi

Member Stories 2026

«Unergründliche Wege» – Eine Geschichte von Donat Isufi

Charlie kommt zu einem Treffen, um Hoffnung zu verspotten, doch stattdessen begegnet er seiner eigenen Schuld. Zwischen Zorn, Glauben und Verantwortung entsteht ein Gespräch, das mehr aufdeckt als jede Beichte. Eine eindringliche Geschichte über Reue, Verantwortung und den schwierigen Weg zur Selbstvergebung.

Das Freizeitzentrum im Kreis 4 war ein Betonklotz, der versuchte, durch orangefarbene Fensterrahmen freundlich zu wirken, aber scheiterte. Es roch nach Bohnerwachs und altem Turnschuhschweiss. Charlie suchte Raum 12 im ersten Stock. Die Tür stand offen, genau wie auf der Karte versprochen, die man ihm zugesteckt hatte.

Er hatte eine Gruppe erwartet. Mitleidige Blicke, schlechten Kaffee in Styroporbechern und das Händchenhalten im Kreis. Er war gekommen, um diese Versammlung mit seiner blossen Anwesenheit zu sprengen, um ihre wohlfeile Hoffnung mit seinem Zynismus zu vergiften. Doch der Raum war fast leer. Nur zwei Stühle standen sich gegenüber, dazwischen ein kleiner Tisch mit einer Thermoskanne.

Monsignor Hill sass auf einem der Stühle. Er trug keinen Talar, sondern einen dicken Wollpullover und Jeans. Er las in einem Buch, sah auf, als Charlie im Türrahmen erschien. Charlie blieb stehen. Die Enttäuschung mischte sich mit einer seltsamen, schmerzhaften Erleichterung.

„Wo sind die anderen?“, fragte Charlie schroff.

„Heute gibt es keine anderen“, sagte Hill ruhig und klappte das Buch zu. „Manchmal kommt niemand. Manchmal kommen zehn. Heute bist nur du hier.“

Charlie schnaubte. Er wollte sich umdrehen, wollte die stickige Luft dieses Betonbunkers hinter sich lassen. Aber seine Füsse fühlten sich an, als wären sie in den Boden einbetoniert. Die Stille im Raum war anders als die in seiner Wohnung. Sie war nicht tot. Sie war wartend.

„Ich hatte nicht darüber nachgedacht, wie komisch es nur mit zwei Menschen sein könnte“, murmelte Charlie und vergrub die Hände tief in den Jackentaschen. Hill lächelte kaum merklich und deutete auf den leeren Stuhl.

„Charlie. Alkoholiker“, stellte er sich vor, die Worte wie eine Kriegserklärung ausspuckend.

„Hallo Charlie. Gut, dass du da bist.”

„Wie wollen Sie das machen? Beichte? Analyse? Exorzismus?“

„Wir reden einfach“, sagte Hill schlicht.

Charlie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Er spürte den drängenden Wunsch, diesen Mann zu provozieren. Er wollte sehen, ob die fromme Fassade Risse bekam, wenn man sie mit der Realität des Viertels konfrontierte. Er deutete vage auf die nackten Wände.

„Sie sind neu hier, Monsignor. Sie wissen wahrscheinlich nicht, auf welchem Fundament wir hier sitzen.“ Charlie lachte bitter auf. Er erzählte von dem Chemieskandal, der Jahre zurücklag. Von den Giftstoffen im Seebecken und den Vertuschungen, die damals mit dem Segen der Kirche – oder zumindest dem Schweigen der Institution – abgewickelt wurden. „Man baute dieses Zentrum hier mit Geldern, die eigentlich Schmerzensgeld für kranke Anwohner hätten sein sollen. Die Kirche taucht überall dort auf, wo die Menschen bluten, wie eine fette Zecke, die sich vollsaugt und dann behauptet, sie würde für die Heilung beten.“

Er fixierte Hill, wartete auf den Widerspruch. Doch Hill wirkte nur nachdenklich. „Ich verstehe Ihren Zorn auf die Institution, Charlie. Aber wir sind nicht hier, um über Immobilien zu reden. Sie waren früher Messdiener, nicht wahr?“

Charlie erstarrte. Die Erinnerung an den Weihrauchduft seiner Kindheit war ein stechender Schmerz. „Woher wissen Sie das?“

„Mein Vorgänger schrieb, dass es Ihnen damals nicht an Glauben fehlte“, sagte Hill sanft.

„Darauf möchte ich nicht eingehen“, würgte Charlie das Thema ab. „Das ist vorbei. Ich glaube an Logik. Ich glaube nicht das eine höhere Macht mich vom Trinken abhalten kann. Das schaff ich selbst.“

Hill nickte. „Und wie läuft es bisher für Sie, wenn Sie selbst die Höhere Macht sind?“

„Ich habe seit fast acht Monaten keinen Tropfen mehr angerührt“.

„In diesen Monaten hatten Sie auch nicht sonderlich viel Zeit für anderes“, stellte Hill fest, als würde er direkt in Charlies isoliertes Leben blicken. Er lehnte sich vor. „Wissen Sie, Alkohol betrifft einen von zwölf Menschen. Eine biblische Zahl, ein trauriger Zufall. Für diesen einen wird der Wein zum Gift, zur Quelle von grossem Leid. Aber Gott kann dieses Leid verwandeln. Leiden kann ein Geschenk sein, wenn wir lernen, damit umzugehen.“

Das war der Moment, in dem Charlies mühsam aufrechterhaltene Beherrschung zerbrach. Die Arroganz dieser Aussage brannte wie Säure in seiner Kehle.

„Nein…“, flüsterte er. „Alkohol ist weder gut noch schlecht, aber die Version, die aus mir wurde, wenn ich trank… die war böse.“

Er starrte auf seine zitternden Hände.

„Er war egoistisch. Da steckt ein Saboteur in mir. Ich dachte, ich könnte ihn zähmen, dass er mir nicht wehtun würde, nicht mir, ich habe ihn gefüttert. Aber eines Morgens wachte ich auf und erfuhr, dass er das Leben von jemandem zerstört hatte…
Ich… habe Das Leben eines kleinen Mädchens zerstört“ Er sprang auf und tigerte durch den kleinen Raum, die Schritte hallten auf dem Linoleum.

„Und Gott? Er hat zugesehen. Er lässt zu, dass Menschen in Abgründe rutschen, während wir hier sitzen und sagen: Gottes Wege sind unergründlich‘. Claras Tod brachte rein gar nichts Gutes! Es gab keinen Plan, keine höhere Absicht. Nur Metall, das auf Fleisch traf, und die Stille danach.“

Er blieb vor Hill stehen, bebend vor Zorn, die Augen brannten. „Die Vorstellung, dass dieses Leid ein Geschenk sein könnte, ist monströs, Pater!“

Hill sah ihn an. In seinen Augen lag keine Verurteilung, nur eine tiefe, unerträgliche Traurigkeit. Er stand langsam auf. „Charlie, nichts im Programm der AA besagt, dass Gott persönliche Verantwortung ablehnt. Ganz im Gegenteil. Aber ich glaube, dass er selbst unser schlimmstes Werk nehmen und es verwandeln kann. Dass er Liebe findet, wo wir nur Ruinen sehen.“

Charlie starrte ihn an. Liebe in Claras Tod? In den schlaflosen Nächten, in denen er den Geschmack von Kupfer und Verzweiflung auf der Zunge spürte? .

„Behalten Sie Ihren Gott“, zischte er. „Und behalten Sie Ihre Verwandlung. Ich will meine Schuld behalten. Sie ist das Einzige, was mir von ihr geblieben ist. Wenn ich die Schuld weggebe, vergesse ich sie. Und das werde ich nicht tun.“

Er drehte sich um und stürmte hinaus in die kühle Nachtluft des Kreises 4, doch der blinde Zorn wich einer schweren, klaren Entschlossenheit. Er wollte keine göttliche Vergebung, die seine Tat ungeschehen machte, sondern die Kraft, die Last der Verantwortung selbst zu tragen. Die Schuld war kein Geschenk, aber sie war sein Zeugnis – und er würde sie aufrecht durch das Licht des nächsten Tages tragen, ohne sie im Alkohol zu ertränken.

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