"Trauer ohne Ende" - Eine Geschichte von Aditi Jyoti - Young Circle

«Trauer ohne Ende» – Eine Geschichte von Aditi Jyoti

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«Trauer ohne Ende» – Eine Geschichte von Aditi Jyoti

Manche Erinnerungen bleiben für immer. Für eine junge Frau beginnt alles mit einem Sommertag auf der Wiese und einem harmlosen Streit mit ihrem Bruder über Wolkenformen. Doch wenige Wochen später zerbricht ihr Leben: erst der Mord an ihrem Bruder, dann der Verlust ihres Vaters und schließlich auch ihrer Mutter. Zwei Jahre später lebt sie noch immer mit der Stille – und mit den Erinnerungen, die nie ganz verschwinden.

Der Duft von Gras im Sommer. Mein Bruder und ich lagen auf der Wiese hinter dem Haus und beobachteten die Wolken. „Der da oben sieht aus wie ein Hund“, sagte er. „Wie ein Löwe“, sagte ich. Er lachte wegen meiner Zahnspange, die in der Sonne glitzerte. „Eisernes Maul. Meine kleine Schwester, der Roboter.“ Ich boxte ihm in den Arm. Ich war 16, er 21.

Drei Wochen später fanden sie ihn im Wald.

Es war Dienstag. Der Direktor rief mich aus dem Unterricht. Meine Eltern sassen in seinem Büro. Meine Mutter hatte rote Augen. Mein Vater starrte auf den Boden. „Sie haben ihn gefunden. Jemand …“ Er konnte den Satz nicht beenden.

Ich riss mich los und rannte nach Hause. Sein Zimmer roch nach seinem billigen Deo. Auf dem Schreibtisch lag ein Zettel: *Milch kaufen*. Ich steckte ihn ein. Ich habe ihn noch heute.

Mein Vater konnte ihn nicht identifizieren. Also ging ich hinein. Ich, seine sechzehnjährige Schwester. Er lag auf einer Metallplatte, sein Gesicht grau. An seinem Hals klaffte etwas, das nicht stimmte. Ich dachte: Jetzt kann er sich nicht mehr über mich lustig machen. Dann hasste ich mich so sehr für diesen Gedanken, dass ich mich übergeben musste.

Die Beerdigung war drei Tage später. Das ganze Dorf kam mit mitleidigen Blicken. Ich hasste sie. Ich warf Erde auf seinen Sarg. Das Geräusch, als sie auf das Holz prallte – ich werde es nie vergessen.

Mein Vater wurde still vor Wut. Nachts hörte ich ihn im Wohnzimmer auf und ab gehen. Meine Mutter weinte leise in der Küche. Ich sass in meinem Zimmer und starrte die Wand an.

Einmal legte ich mich auf sein Bett. Es roch nicht mehr nach ihm. Jemand hatte gelüftet, seinen Geruch weggespült. Ich wollte ihn zurück.

Die Polizei kam oft. Hatte er Feinde? War er in etwas verwickelt? Mein Vater schrie sie an. Sie kamen trotzdem. Keine Spuren. Keine Zeugen. Nichts.

Meine Mutter wurde immer dünner. Wir sassen am Tisch und schoben uns das Essen hin und her. Wir sprachen nicht.

Eines Abends kam sie in mein Zimmer. „Er hat dich so sehr geliebt“, sagte sie. „Selbst wenn er dich geärgert hat. Weißt du noch, wie er dich Roboter genannt hat? Er hat mich gefragt, ob deine Zahnspange wehtut. Er hat sich Sorgen gemacht.“ Ich weinte zum ersten Mal seit seinem Tod.

Vier Wochen später kam mein Vater nicht nach Hause. Meine Mutter stand die ganze Nacht am Fenster. Ich sass bei ihr. Gegen Morgen kamen sie wieder, dieselben Männer. „Ihr Mann hatte einen Unfall. Er war sofort tot.“

Meine Mutter nickte nur. Sie sah mich mit leeren Augen an und zog mich an sich. Ihr Herz raste.

Ich hatte keinen Bruder mehr. Ich hatte keinen Vater mehr.

Die zweite Beerdigung war kleiner. Mein Vater wurde neben meinem Bruder begraben. Zwei Gräber, Seite an Seite. Ich stand davor: Jetzt sind sie zusammen. Und ich bin allein.

Meine Mutter war noch bei Kräften, aber sie war nicht mehr da. Nachts hörte ich sie im Flur, wie sie von Zimmer zu Zimmer ging. Immer der gleiche Weg, immer im Dunkeln.

Ich ging nicht mehr zur Schule. Die Leute im Dorf sahen mich an, als wäre ich verflucht. Meine Freunde hörten auf zu schreiben.

Eines Nachts wachte ich von Schritten auf. Schwerere Schritte. Sie kamen die Treppe hinauf und blieben vor meiner Tür stehen. Die Tür öffnete sich. Ein Mann in einem schwarzen Mantel stand im Türrahmen. Ich konnte nur seine Silhouette erkennen. Er lächelte, drehte sich um und ging.

Am nächsten Morgen fragte ich meine Mutter. Sie antwortete: „Nein, mein Schatz. Ich habe nichts gehört.“

Zwei Wochen später wachte ich in einer bedrückenden Stille auf. Meine Mutter war nicht in der Küche. Ihr Bett war unberührt.

Ich sass auf der Treppe, als das dunkle Auto vorfuhr. Ich öffnete die Tür nicht. Sie kamen mit dem Ersatzschlüssel herein. Sie sei ertrunken, sagten sie. In dem Fluss, in dem wir als Kinder immer gespielt hatten. Ein Unfall.

Ich nickte. Genau wie meine Mutter.

Ich war 16. Ich war allein.

Jetzt bin ich 18. Zwei Jahre sind vergangen. Die Zahnspange ist weg. Abends gehe ich meine Runde wie meine Mutter. Vom Wohnzimmer in die Küche, vorbei an den Zimmern, zurück. Immer dieselbe Runde, immer im Dunkeln.

Manchmal, wenn ich nachts aufwache, vergesse ich für Sekunden, dass sie tot sind. Ich höre meinen Bruder Musik spielen, meinen Vater husten, rieche den Kaffee meiner Mutter. Aber wenn ich wach bin, ist da nur Stille. Nur der alte weisse Schäferhund, der bei mir schläft und im Schlaf wimmert.

Die Trauer hört nicht auf. Sie wird nur leiser. Sie ist kein Gefühl mehr. Sie bin einfach ich.

Und manchmal, sehr selten, liege ich auf der Wiese und suche nach Wolken, die wie Hunde aussehen. Oder wie Löwen.


                                     

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