"Tochter der Strasse" - Eine Geschichte von Laura Steger - Young Circle

«Tochter der Strasse» – Eine Geschichte von Laura Steger

Member Stories 2026

«Tochter der Strasse» – Eine Geschichte von Laura Steger

Nachts streift eine junge Diebin durch die Gassen von Otavion und überlebt von dem, was sie stiehlt. Doch eine unerwartete Begegnung mit einem hilflosen Kind bringt etwas in ihr zum Vorschein, das sie längst verloren glaubte. Eine düstere Geschichte über Überleben, Vergangenheit und die Chance auf Veränderung.

Meine hohen Absätze hallten bei jedem Schritt durch die verlassenen Gassen von Otavion, einer kleinen Stadt in der Nähe des gestorbenen Sees. Die Abendsonne war schon hinter den hohen Dächern versunken und der Himmel leuchtete blutrot.

Mein Blick erfasste mein Ziel. Ein Ladenschild mit goldener Aufschrift beschrieb den Namen des Luxus-Geschäfts.

Bevor ich eintrat, musterte ich mich ein letztes Mal im Spiegelbild der Fensterscheibe. Ich hatte ein enges schwarzes Kleid an, das mein Dekolleté gut betonte. Und trotzdem war der Rock genug luftig, sodass man den Abdruck des darunter versteckten Dolches nicht sah. Ausserdem hatte ich meine Haare hochgesteckt, damit man die Länge nicht erahnen konnte. Ich hatte die Wahl zwischen möglichst unauffällig, was wiederum auffällig war oder so auffällig, dass ich im richtigen Mass nicht auffiel. Und ich hatte mich für das Zweite entschieden.

 Ich stiess die Ladentür auf. Im Inneren war es angenehm still. Leises Klappern war im Hintergrund zu vernehmen, wohl waren das Verkaufspersonal gerade beschäftigt. Sie hatten nicht bemerkt, dass jemand eingetreten war. Gut so.

 Ich streifte mit den Fingern durch ein paar überteuerte Kleider, damit es aussah, als würde ich mich begeistert umsehen. Mit 2 Blicken hatte ich die Kameras, für das ungeschulte Auge unerkennbar, entdeckt. Perfekt, der tote Winkel war enthüllt. Endlich war ich in die richtige Abteilung stolziert. Ich verlagerte mein Gewicht so, dass mein Oberkörper die Kamera von rechts verdeckte, während ich mit einer Hand interessiert die Ringe musterte. Ein schneller griff und er war hochgespickt und in meinem Ausschnitt gelandet. Der Zweite folgte, jedoch an meinen Finger. Da ich schon andere Ringe trug würde das nicht weiter auffallen. Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich noch einen mitgehen lassen sollte. Aber meine Mission war erledigt. Ich schaute gespielt enttäuscht, dass kein Schmuckstück da war, welches mir gefiel und drehte mich langsam um, das Gesicht immer im Schatten haltend.

Das vertraute Geräusch, von nähernden Schritten erschrak mich. Eine Frau betrat den Laden und ging zielstrebig auf die Ringabteilung zu. Heute war mein Glückstag, ich konnte sie als Täterin dastehen lassen, falls man den Verlust bemerkte. Also wartete ich noch ab, schnappte mir mit der einen Hand noch hastig eine Kette und vergrub sie in meiner Faust. Ich drehte mich weg, dabei rutschte ich flink aus den schwarzen Absatzschuhen und liess die Kette hineinfallen. Das Gehen wird wohl schmerzhaft werden, aber zumindest hatte ich mir dadurch zusätzliches Geld für mein Abendessen besorgt. Klammheimlich verliess ich den Tatort.

Es war ruhig verlaufen, schön. Ein zufriedenes Lächeln umspielte meine roten Lippen, die tatsächlich von einem Schnitt an der Fingerkuppe gefärbt wurden.

Sichtlich angetrunken schwankte ein Mann an mir vorbei, dabei starrte er mich mit offenem Mund an. Meine Augenlieder zuckten, wie ich das hasste. Dieser Aufzug war nur Tarnung. Eine hübsche Frau fiel nie negativ auf. Ansehen und Geld, danach musste eine Meisterdiebin aussehen. Aber darunter war etwas viel Tödlicheres. Ich konnte nichts dafür, ich wurde dazu geschaffen.

Ich strich mein ebenfalls geklautes Kleid glatt. Die Farbe war das Einzige, was mir daran gefiel. Eigentlich am ganzen Outfit, ich musste schnellstmöglich aus diesen unbequemen Schuhen raus.

Mein zu Hause- wenn man es so nennen konnte- war nicht weit weg. Ich konnte mir als ausgesetztes Mädchen ein gutes Versteckt in einer einigermassen sauberen Strassenecke sichern. Mit einem kleinen Seufzten öffnete ich den strammen Dutt und fühlte, wie meine Sicherheit zurückkam. Da das Kleid auch am Rücken einen weiten Ausschnitt hatte, war ich froh über den Schutz meiner langen, offenen Haare. Mein Rücken war geprägt mit etwas, dass niemand sehen sollte: An die Erinnerungen, die meine Eltern mir jedes Mal gegeben haben, wenn ich nicht das perfekte Kind abgab. Mindestens 11 lange Striemen erklärten mir, dass ich nicht weinen und nichts fühlen soll. Ich würde sagen, das haben sie damit erreicht. Profitieren davon konnte ich mit 14 Jahren plötzlich allein und ohne Geld auf der Strasse stand. Nur darum konnte ich die letzten 5 Jahre überleben.

Ein leises Wimmern riss mich aus meinen Gedanken. Ich sah im Schatten einer Abzweigung eine Gestalt kauern. Beim Näherkommen erkannte ich einen zusammengerollten Jungen, nicht älter als 6 Jahre. Er hatte schmutzige Kleidung an und erinnerte mich schmerzhaft an mich früher. So hilflos. In der Hand hielt er ein beschriebenes Plakat auf dem fehlerhaft «Ich brauche Geld für meine Mami», gekritzelt war. Das Kind wischte sich über die Augen und schaute fragend hoch, als ich vor ihm stehen blieb. Ich konnte seinen Schmerz fühlen. Am Anfang meiner Obdachlosigkeit hatte ich auch gebettelt, bevor ich weitergegangen bin, zu weit.

Seine Hilflosigkeit und der leere Becher vor ihm lösten bei mir Bedenken aus. Er würde werden wie ich, ein Monster. Wollte ich das? Klar, ich war zufriedener als früher, aber auch kaputt. Was wäre aus mir geworden, wenn ich zu dieser Zeit Hilfe bekommen hätte?

Durch einen spontanen Impuls ging ich in die Knie und warf 2 Ringe in den Becher. Aber solche, die ich schon lange gestohlen hatte und wohl niemand vermissen würde. Dazu noch ein mit Juwelen besticktes Haarband und einen meiner Ohrringe. Der Kleine schaute mich so hoffnungsvoll an, dass sich das erste Mal seit Jahren etwas in mir regte.

Gerade als ich den zweiten Ohrring abnehmen wollte, trat ein anderer Junge aus dem Schatten.  «Ben, wir gehen heim, ich hab’ dir gesagt, es…», seine letzten Worte werden wohl nie seine aufgeschlagenen Lippen verlassen. Er war gross, hatte grau-braunes verwuscheltes Haar und musste ungefähr in meinem Alter sein. Er schaute zuerst zu Ben und dann zu mir. Seine strahlend grünen Augen fanden meine und zogen mich in seinen Bann. Es fühlte sich an, als würde er tief in meine verletzliche Seele sehen, alles darin lesen und ohne, dass ich etwas sagen musste, verstehen. Sein Blick brannte vor Gewissheit. Kannte er mich von den «WANTED»-Plakaten? Nein, das konnte nicht sein. Trotzdem fühlte es sich wie eine vertraute Bindung an. Plötzlich war mir nach weinen zumute. Konnte ich an meiner Situation doch etwas ändern, irgendetwas? Dieser Junge gab mir durch seinen Blick die unerklärbare Bestätigung.
                                     

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