"The monster they made me" - Eine Geschichte von Ava Rindlisbacher - Young Circle

«The monster they made me» – Eine Geschichte von Ava Rindlisbacher

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«The monster they made me» – Eine Geschichte von Ava Rindlisbacher

Alle hundert Jahre wird dem Drachen Semelgafh eine Königstochter geopfert – so verlangt es die Tradition. Als die blinde Prinzessin Esme zu ihm in die Höhle geführt wird, erwartet sie ihr Schicksal ohne Widerstand. Doch ein Gespräch zwischen Drache und Mädchen enthüllt eine Wahrheit, die eine ganze Tradition infrage stellt.

Der graue Drache Semelgafh konnte sehen, wie die warme Sommerluft draußen flimmerte. Die Farben der verstreuten Blumen, vermischten sich wie nasse Farbe. Sie waren bis direkt vor den Höhleneingang gestreut worden, nicht weiter. Fast als ob sie Angst hatten das die Schatten die Blumen verwelken ließen. Sie hatten auch Angst, die Menschen, doch nicht vor den Schatten, sondern davor was sie verbargen. 

In der Höhle war es kühl. Angenehm frische Luft drang aus ihren Tiefen, in der ein klarer See lag.

Trommeln erklangen, sie schlugen in einem schnellen Rhythmus. Dann wurde er langsamer, verträumt und eine ätherische Stimme erklang. Die Stimme einer Frau, der Priesterin. Sie sang zu ihm.

Die Worte waren langgezogen und hypnotisch. Er trat auf den Höhleneingang zu. Die Stimme der Priesterin wurde lauter. Dann trat er aus dem Schatten in die Sonne. Die Musik verstummte.

Auf dem Felsvorsprung standen unzählige Menschen. Sie verstummten mit der Musik. Die Tänzerinnen, die um den großen mit Blumen geschmückten Wagen getanzt hatten, zogen sich augenblicklich zurück. Auf dem Wagen stand ein Mädchen. Sie war wie alle anderen in ein luftiges weißes Kleid gehüllt. Ihr Haar war lang und zu unzähligen Zöpfen geflochten, Ein schwerer Kranz aus gelben, roten und blauen Blumen thronte auf ihrem Kopf. Über ihren Augen lag ein weißes Band, das sich von ihrer dunklen Haut abhob.

„Oh Semelgafh, der Drache der reitet in den goldenen Lüften, der von der Sonne trank und der uns das Feuer brachte.“

Die Priesterin trat vor den Wagen. Sie trug unzählige Medaillons und Talismane um den Hals, die bei jedem Schritt aneinander schlugen.

„Dies ist Esme, die dritte Tochter unseres Königs Herkhe des V. sie wird dir oh großer Semelgafh geopfert, wie es Brauch ist.“

Er nickte und trat einige Schritte zurück, damit die Priesterin Esme vom Wagen helfen konnte.

„Edle Esme, es ist eine große Ehre vor unserem Gott und Beschützer zu stehen, nun gehe mit ihm und finde Frieden.“

Esme trat mit erstaunlich sicheren Schritten in die Höhle und Semelgafh folgte ihr. Draußen begann die Musik wieder zu spielen, doch diesmal waren es traurige Klänge.

Esme strich mit einer Hand der Wand entlang und stolpert einmal über einen losen Felsbrocken.

„Du kannst die Augenbinde abnehmen wenn du willst.“, sprach Semelgafh zum ersten mal an

diesem Tag.

Esme tat wie geheißen. Doch anstatt ihn voller Abscheu und Angst anzusehen ging sie einfach weiter in die Höhle hinein. Bald erreichten sie den See, Semelgafh blieb am Ufer stehen doch Esme lief einfach weiter. Mit einem überraschten Aufschrei fiel sie in den See und verschwand unter der Wasseroberfläche.

Semelgafh fluchte und fischte sie mit dem einen Vorderlauf wieder heraus, seine Klauen hatten sich sanft um den Körper des Mädchens geschlossen. Ihr weißes Kleid klebte ihr am Körper, und sie zitterte unentwegt.

„Was hast du dir gedacht!“, herrschte er sie an. „Wolltest du dich ertränken?“

Sie schüttelte hektisch den Kopf.

„Ich habe das Wasser nicht gesehen … Ich habe gar nichts gesehen, so wie ich auch jetzt nichts sehe.“, haucht sie.

Er setzte sie ab, nahm sich Zeit sie genauer zu betrachten und bemerkte das ihre Augen getrübt waren und nicht seinen Bewegungen folgten. Sie war blind.

Plötzlich lachte sie.

„Dein Atem kitzelt.“

Semelgafh zog den Kopf zurück. Doch sie setzte sich auf und hielt ihn fest. Ihre Hände lagen auf seiner Schnauze und strichen über die feinen Schuppen.

„Ich habe immer gedacht das Drachenschuppen glitschig und schleimig sind.“, stellt sie erstaunt fest.

Er blinzelt träge und lies zu das ihre Hände weiter über seinen Kopf strichen.

„Sind sie das denn nicht?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf und stand auf. Ihre Hände waren nun auf seinem Hals.

„Wie fühlen sie sich den an?“, fragte er zu seinem eigenen Erstaunen.

„Weich, fein und glatt. Wie die Rüstungen der Ritter meines Vaters.“

Einen wohligen Schauer durchfuhr ihn als sie über seine angelegten Flügel strich.

„Welche Farbe hat dein Schuppenkleid?“

„Grau.“

„Das ist nicht besonders farbig.“ stellte sie fest. Dann griff sie nach dem Blumenkranz auf ihrem Kopf und löste ihn von den vielen Nadeln die ihn am Platz gehalten hatten. Sie folgte seinem Hals wieder nach vorne zu seinem Kopf und ließ den Blumenkranz über eines seiner Hörner nach unten gleiten.

Dann legte sich ein trauriger Zug um ihren Mund.

„Ich bin bereit,“ flüsterte sie, “tu was du tun musst. Verbrenn mich.“

„Willst du das denn?“

„Es ist meine Pflicht als dritte Tochter des Königs.“

Semelgafh realisierte das er ausgetrickst wurde. „Ich habe gefragt ob du das willst. Nicht ob dein Vater es will.“

„Aber es ist Tradition das-“

Semelgafh schüttelt mit einem traurigen Lachen den großen Kopf. „Ihr habt diese Tradition erfunden. Ihr habt mich zum Monster gemacht.“

Sie trat einen Schritt zurück. „Ich verstehe nicht-“

„Eure Tradition ist es mir alle hundert Jahre eine dritte Tochter zu opfern. Doch woraus entstand das?“

„König Herkhe der I hat dir zum Dank das du uns das Feuer gebracht hast seine dritte Tochter geschenkt.“

Ihre Stimme war fest. Sie glaubte daran.

Semelgafh schüttelte den Kopf. „Dann lass mich dir eine Geschichte erzählen. Die dritte Tochter König Herkhe‘s hatte eine Krankheit die dafür sorgte das sie sich nicht bewegen konnte ohne das Schmerzen durch ihren Körper schossen. Also beschloss der König sie von ihrem Leid zu befreien und bat mich es zu tun. Nach dem ich sie von ihrem Leid befreit hatte, begann es zu regnen, was die Menschen anscheinend als ein gutes Zeichen auffassten. Und so begannen sie mir alle hundert Jahre eine dritte Tochter zu opfern. Nur wusste ich leider nicht das diese Töchter die folgten nicht todgeweiht waren. Ich dachte bis jetzt das ich etwas gutes tat.“

„Oh.“

„Ich habe es nicht gewusst. Ich bitte um Verzeihung. Nun geh und sorge dafür das es nie mehr vorkommt, Esme.“

Sie lächelte, trat vor und drückte ihm einen Kuss auf die Schnauze. Dann tastete sie sich der Wand entlang zurück zum Ausgang.

Eine Träne aus flüssigem Feuer ran über seine Wange und tropfte zischend in den See.


                                     

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