Ein lauter Knall. Ich spüre den Aufprall, die Schmerzen. Das Rauschen in meinen Ohren wird lauter, die Worte der Sanitäter klingen dumpfer. Das Licht der Autoscheinwerfer blendet mich und meine Sicht ist verschwommen. Wie in Trance stehe ich auf und ignoriere den stechenden Schmerz in meinem Bein. Ella! Sie liegt reglos und blutverschmiert vor mir. Neben ihr wird James auf eine Trage gehoben. Er sieht genauso schlimm aus wie meine Schwester. Aber ich habe nur Augen für sie. Arme packen mich, legen mich auf eine Trage. Ich werde nach meinem Namen gefragt: „Lucy“, mein Alter: „22“, und wer die anderen Personen sind: „Meine Schwester und ihr Ehemann“. Die Sanitäter und Polizisten sprechen gedämpft, während ich auf das Auto starre, in dem Ella liegt. Regungslos.
***
Schweissgebadet schrecke ich hoch. Meine Augen wandern von der Decke zum Fenster, zu meinem Schrank, und zur leicht geöffneten Tür. Ich bin in meiner Wohnung, im Hier und jetzt, sage ich zu mir selbst und versuche mit einem tiefen Atemzug die Erinnerungen zu verdrängen. Damals war ich zum letzten Mal zuhause in Wisconsin und bin seither nie mehr dort gewesen. Ich kann nicht. Nicht ohne Ella.
Ich stehe auf und hüpfe geübt ins Bad. Wenig später sitze ich frisch geduscht wieder auf meinem Bett, greife nach meiner Prothese und befestige sie an meinem linken Oberschenkel. Es ist nun knapp vier Jahre her, seit dem Autounfall, und das ist nur eine der Narben. Aber die schlimmste Narbe ist der Verlust meiner grossen Schwester. Das Einzige, was ich noch von ihr habe, ist ihre 9-jährige Tochter Noelia. Ich seufze, straffe meine Schultern und gehe nach unten in die Küche, das Frühstück zubereiten. Es sind Sommerferien, weshalb ich Noelia etwas länger schlafen lasse. Als ich sie gerade wecken möchte, kommt Noelia die Treppe runter und setzt sich an den Küchentresen. Nach dem Frühstück machen wir es uns auf dem Sofa bequem und während ich arbeite, spielt Noelia mit unserem Hund Mr. Snuggles.
„Kannst du mir wieder etwas von ihr erzählen, von den Sommern in Wisconsin?“, fragt sie auf einmal. „Natürlich“. Noelia macht es sich bequem, während ich überlege, welche Geschichte ich erzählen kann.
***
„Es war der erste Sommer ohne unsere Eltern. Wir haben uns riesig gefreut und haben während der Fahrt unsere Playlist rauf und runter gehört. Es schien alles wie immer, als wir ankamen. Aber als wir in die Einfahrt fuhren, sahen wir vor dem Nachbarhaus einen grossen roten Landrover. „Ist jemand Neues eingezogen?“ Ich sah Ella fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern und parkte unser Auto vor dem Haus. „Home sweet Home“ Sie lächelte und legte ihren Arm um mich, als wir ausstiegen. Wir begannen, unser Gepäck auszuladen. Gerade als wir den letzten Koffer aus dem Auto stemmten, kam ein junger, gutaussehender Mann in die Einfahrt gejoggt. „Hey!“ Er nahm seine Kopfhörer heraus und musterte uns neugierig. „Ich bin James, mein Freund und ich machen im Haus gegenüber Ferien.“ „Hi“ Ella lächelte und ich konnte ihr förmlich ansehen, wie sie sich genau in dem Augenblick in ihn verliebte. „Du bist also bei den Collins?“ „Ja genau, ich bin mit Brayden hier.“ Ella warf mir einen verschwörerischen Blick zu und ich verdrehte nur die Augen. Brayden war mein erster Kuss gewesen. Als Teenager war ich immer heimlich in ihn verliebt. Aber wir sind nie richtig zusammengekommen. Ella wusste genau, dass ich auch nach Jahren noch nicht über ihn hinweg war. „Ah cool. Dann werden wir uns bestimmt noch öfters über den Weg laufen.“ Ich packte den Koffer und verfrachtete ihn ins Haus hinein. Später kam Ella zu mir und lächelte glücklich. „Da ist jemand verliebt!“, zog ich sie auf und stupste sie sanft in die Seite. „Nein, wir kennen uns nicht einmal!“ Sie winkte ab und half mir beim Koffer ausräumen. Sie liess sich aufs Bett fallen und zog mich zu sich. „Auf unseren Sommer!“ Ella nahm mich in den Arm und drückte mich fest.
Ein paar Tage später trafen wir James und Brayden am Strand beim Surfen. Wir machten gerade eine Pause und sassen alle auf unseren Tüchern in einem Kreis. „Ich hole mir ein Eis. Sonst noch jemand?“ „Gerne!“ „Gut, Brayden, komm mit.“ Ich zog ihn hinter mir her, um den beiden etwas Zeit allein zu geben. „Hey! Was soll das?“ Brayden machte sich von mir los und sah mich verärgert an. „Siehst du‘s nicht? Die beiden sind verliebt! Ich will ihnen nur etwas Raum geben.“ „Verstehe.“
Offenbar ging mein Plan auf, denn schon am nächsten Morgen trafen wir uns alle wieder. Die Wochen vergingen und ich verbrachte die meiste Zeit mit Brayden, wodurch wir uns auch näherkamen. Den letzten Abend vor unserer Abfahrt verbrachten wir am Strand und sahen dem Sonnenuntergang zu. „Ich werde dann mal ins Bett gehen, ich bin schon sehr müde“, sagte ich. Brayden stand auch auf und nahm mir die Decken ab. „Ich helfe dir.“ Seine Hand streifte meine, und mich durchzuckte ein Schauer. „Danke.“ Nachdem ich Ella versicherte, dass sie nicht helfen musste, gingen wir zurück zum Haus. Ich räumte die Gläser in die Spüle und Brayden verstaute die Decken. Ich wollte mich verabschieden. Aber Brayden hielt mich fest und zog mich zu sich, bis kaum mehr Luft zwischen uns war. Er küsste mich so plötzlich, dass ich erst einen Moment brauchte, um zu begreifen, was geschah. Am nächsten Morgen, fuhren wir nachhause. “
***
Noelia hat die Arme aufgestützt und sieht mich erwartungsvoll an. „Und dann?“ „Deine Eltern sind noch in derselben Nacht zusammengekommen, und der Rest ist Geschichte.“ „Aber du und Brayden? Ihr seid nicht mehr zusammen! Weshalb?“ Ich lächle traurig bei dem Gedanken an ihn. In der Nacht, in der wir uns stritten, fuhr ich mit meiner Schwester und ihrem Mann heim. In dieser Nacht habe ich alle drei verloren. Jetzt sitzt mir das Ebenbild meiner Schwester aufmerksam gegenüber. „Ja, mit uns hat es leider nicht funktioniert.“ Ich ziehe das kleine Mädchen in eine feste Umarmung. „Aber jetzt habe ich dich!“ Ich werde für sie sorgen und sie niemals verlassen!
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