Teil 5: Lo & Leduc - Young Circle

Teil 5: Lo & Leduc

Story Lo & Leduc

Teil 5: Lo & Leduc

Hier kannst du dir Teil 5 der Geschichte auch anhören:

Viktor nahm Riri in die Arme. Er drückte sein Gesicht in ihr Haar und blieb regungslos so stehen. Riri kannte diese Umarmung – es war eine Mischung zwischen kompletter Geborgenheit und Schraubstock. Viktor murmelte etwas, aber Riri verstand nur einzelne Wörter, die anderen sprach der erleichterte Vater für ihre Haare. Innerlich fluchte sie, weil sie absichtlich einen riesengrossen Umweg zum Brockenhaus gemacht hatte, um eventuelle Verfolger abschütteln zu können. 

Nachdem sie langsam bis 37 (ihre Lieblingszahl) gezählt hatte, löste sie sich sanft von ihrem Vater und wandte sich an Herrn Lethe. „Was hat sich bestätigt?“, fragte sie den alten Mann, der immer noch neben dem Regal stand und sich am Kopf kratzte. 

„Irgendwie hat Anton den Braten gerochen. Also eher den Pfeffer, aber es ist gerade die falsche Zeit für Witze“, ächzte er.

„Was hat er gerochen?“, rief Riri. „Dass die Pfeffermühle sprechen kann?“ 

Lethes Augenbrauen rutschten innert Sekundenbruchteilen zwei Etagen höher. Aber abgesehen von seiner nun noch mehr als üblich gerunzelten Stirn wies nichts darauf hin, dass er sonderlich überrascht war. Ganz anders Viktor. Seine Augenbrauen verrutschten auch – allerdings nach unten. „Willst du mir sagen …“, begann er langsam und in einem Ton, der nichts Gutes verhiess. „Willst du mir sagen, dass du den ganzen Nachmittag einfach so von der Bildfläche verschwindest, und alles, was du dazu zu sagen hast ist, dass Pfeffermühlen sprechen können?“

„Findest du das denn keine pfefferige Neuigkeit?“, rief eine Stimme aus dem Nichts. Viktor und Herr Lethe zuckten zusammen. Riri holte die Mühle aus der Jackentasche. 

„Tadaaa“, rief die Mühle und surrte. Viktor stiess einen hohen Schrei aus. So hoch, dass ihn Riri eher von einer Sopransängerin erwartet hätte. Aber wer konnte ihrem Vater verübeln, dass er die Welt nicht mehr verstand. 

„Nun“, sagte Herr Lethe. „Nicht alle Pfeffermühlen sprechen, glaube ich. Vielleicht tun sie es auch einfach nur selten. Na ja, ich kenne jedenfalls jetzt zwei, die es tatsächlich können, und das nicht eben wenig.“

„Aber wo ist denn jetzt die andere Mühle? Haben Sie sie verkauft?“, wollte Riri wissen. 

„Na, wo wohl!?“, rief die elektrische Pfeffermühle. „Auf dem Weg zum guten Anton!“

In diesem Moment flitzte ein kleines helles Etwas unter dem Regal hervor, zwischen Herrn Lethes Beinen hindurch, sprang über ein kleines Puppenhaus und dann weiter Richtung Ladentür, die nicht ins Schloss gefallen war. Riri erkannte Antons Hund, der die Nase in den Türspalt steckte und die Tür mit einem ruckartigen Drehen des Kopfes ein Stück aufstiess, gerade so weit, dass er hindurchpasste, wenn er den Kopf auf die Seite legte. Zwischen seinen Kiefern klemmte wie ein kunstvoll geschnitzter Stock die Pfeffermühle. Die Türglocke bimmelte und weg war der Hund. Die beiden Männer und Riri rannten zur Tür und hinaus auf die Strasse, aber das Fellknäuel mit der Mühle war bereits verschwunden. 

„Was will Anton bloss mit diesen Mühlen?“, rief Riri. 

„Ich habe da so eine Befürchtung“, erwiderte der Brockenhausbesitzer. „Dieser Anton ist nämlich kein Sammler, sondern Lieferant. Er versorgt Wahrsager, Kartenleger und spirituelle Seelsorger mit Material.“ 

„Material?“, krächzte Viktor, der kreidebleich neben der Tür an der Hauswand lehnte und offensichtlich gerade sehr erleichtert war, an der frischen Luft zu sein. 

„Na ja, diese Leute leben ja davon, den Menschen vorzugaukeln, sie würden sie und ihre Zukunft genaustens kennen. Dann versprechen sie den Einsamen die Liebe des Lebens, den Armen Reichtum und den Kranken Gesundheit. Irgendwann haben diese Betrüger gemerkt, dass Menschen sich grossartige Verheissungen besser einprägen und auch länger daran glauben, wenn sie mit einem Gegenstand verknüpft sind. Der Zinnsoldat steht für Durchhaltevermögen, die goldene Schmetterlingsbrosche weist auf kommenden Reichtum hin, und die Kette mit dem Schlangenzahn, ja, die soll die Krankheit vertreiben. 

Und hier kommt Anton ins Spiel. Er beliefert die Wahrsager mit Kuriositäten, und die kartenlegenden Lügner erfinden die passende Geschichte dazu. Seitdem ich beim Zappen in einer dieser nervigen Horoskopsendung gleich mehrere meiner Gegenstände wieder entdeckte, verkaufe ich Anton grundsätzlich nichts mehr. Aber bei der elektrischen Pfeffermühle habe ich mir wirklich nichts weiter gedacht – die sieht ja weder magisch noch besonders schön aus – im Gegenteil, eigentlich.“

„Was soll das heissen?“, rief es empört aus Riris Jackentasche.

„Ja, ja, jetzt weiss ich es auch besser“, sagte Herr Lethe. „Damit hat Anton zum ersten Mal tatsächlich einen magischen Gegenstand gefunden. Wenn bekannt wird, dass Pfeffermühlen sprechen können, dann kann keine von euch jemals wieder in Ruhe eurer Arbeit nachgehen. Kein Gericht werdet ihr noch würzen können, ohne dass ihr den Leuten voraussagen müsst, ob ihnen ihre Pizza Quattro Stagioni nun auch wirklich schmecken wird.“

„Furchtbare Aussichten“, stöhnte die Mühle.

„Sage ich ja“, meinte Herr Lethe. „Und nicht nur für euch Mühlen! Sondern auch für uns Menschen, denn eine tatsächlich sprechende Pfeffermühle ist in den falschen Händen wirklich gefährlich. Die Leute werden dadurch noch viel mehr an die selbsternannten Wahrsager im Fernsehen glauben und ihr Geld für überteuerte Telefongespräche ausgeben und sich heillos verschulden. Das ist Wasser auf die Mühlen von Antons ausgefuchsten Businessplan, obwohl Wasser elektronische Mühlen ja vielleicht ausschalten würde.“ 

„Wagt es ja nicht!“, zeterte es aus Riris Jackentasche. 

„Natürlich nicht“, beschwichtigte der alte Mann, „aber wir stecken klar in einer Zwickmühle und brauchen einen Plan.“

Für Viktor war das sehr viel auf einmal. Einerseits war seine Tochter endlich wieder aufgetaucht. Andererseits schien sie bereits eingetaucht in eine Welt, an die er bis vor fünf Minuten nicht im Traum geglaubt hätte. Der Beweis lag in Riris Jackentasche und kommentierte lauthals das Geschehen. So auch jetzt. 

„Ich weiss, was wir tun müssen!“, rief die elektronische Pfeffermühle in die Stille, die kurz darauf von einem heftigen Donnerschlag unterbrochen wurde.