Teil 3: Lo & Leduc - Young Circle

Teil 3: Lo & Leduc

Story Lo & Leduc

Teil 3: Lo & Leduc

Riri hatte das Wort ganz deutlich gehört, doch bevor sie irgendetwas darauf entgegnen konnte, fing der Hund plötzlich an, laut und hektisch zu bellen. Und da eilte auch schon Anton herbei und entschuldigte sich für den unfreundlichen Empfang seines Hundes: „Leider hat der Kleine vor Kurzem herausgefunden, wie er mit einem waghalsigen Sprung die Türklinke runterdrücken kann. Seither kommt er mir immer zuvor und knurrt alle Besucher an. Tut mir leid!“ 

Dass der Empfang alles andere als unfreundlich gewesen war, dachte sich Riri nur. In alter Detektivmanier behielt sie ihre Beobachtung, dass dieser Hund sprechen konnte, vorerst für sich. Sie konnte Anton noch nicht einschätzen. Wusste er vom aussergewöhnlichen Sprachtalent seines Haustiers? War er gar ein Spezialist für Dinge und Lebewesen, die eigentlich nicht sprechen konnten, und hatte sich deshalb die elektrische Pfeffermühle gekauft? Oder sprach der Hund vielleicht immer nur dann, wenn Anton ihn nicht hören konnte? 

Das alles galt es herauszufinden, aber das Wichtigste für Riri war, irgendwie in diese Wohnung zu kommen und den genauen Standort der Pfeffermühle auszumachen. Wie genau sie diese dann herausschmuggeln würde, wusste sie noch nicht. Ebenso wenig hatte sie sich eine Ausrede zurechtgelegt, weshalb sie überhaupt an dieser Tür klingelte. Denn Anton hatte nach seinen entschuldigenden Worten über seinen Hund aufgehört zu sprechen und sah sie fragend an.

„Ich bin hier wegen einer Umfrage, die wir während unserer Projektwoche durchführen. Und zwar geht es um die Aufbewahrung von Putzutensilien in Haushalten: ob sie genügend weit weg von den Lebensmitteln stehen und ob sie deutlich angeschrieben sind, damit man den Entkalker nicht mit einer Sirupflasche verwechselt.“ 

Riri hörte sich selbst diese Ausrede aussprechen, die sie soeben erfunden hatte, und war darüber nicht einmal wirklich erstaunt. Sie war äusserst talentiert darin, aus dem Nichts eine mehr oder weniger glaubwürdige Ausrede zu erfinden. Dies hatte sie wohl von Herrn Lethe gelernt. Jedes Mal, wenn sich ein Brockenhausbesucher für einen seiner absoluten Lieblingsgegenstände hinter der Kasse interessierte, machte er ihnen nicht etwa ein Verkaufsangebot, sondern tischte ihnen eine immer variierende Geschichte auf, weshalb er gerade dieses Stück nicht weggeben könne. Riri hatte ihn lange genug dabei beobachtet und diese Methode bald übernommen. Zum Beispiel erfand sie einmal einen kompletten Vortrag über Jupiter. Die Lehrerin, die bei dem Thema glücklicherweise selber nicht sehr sattelfest war, fand ihre Präsentation hoch spannend und bemängelte nur die fehlenden Folien. Nach diesem Erfolgserlebnis wusste Riri, dass es oft weniger darauf ankommt, was man sagt, sondern vielmehr darauf, wie man es erzählt. 

So tischte Riri dem seltsamen Anton ihre an den Haaren herbeigezogene Geschichte auf, von der sie selber nicht wusste, wie sie enden sollte. Sie wusste nur, dass sie auf keinen Fall vor der Haustüre abgewimmelt werden durfte. Doch Anton schien nicht wirklich interessiert zu sein und sah schon etwas ungeduldig aus. Da war ihr klar, dass sie unbedingt eine Schippe drauflegen musste.

„In einem Zufallsverfahren wurde exakt Ihre Adresse ausgelost! Leider gibt es keinen Preis für Sie, nur Ruhm und Ehre, aber ich hoffe sehr, dass Sie fünf Minuten Zeit finden. Ansonsten entspricht die Umfrage nicht mehr den wissenschaftlichen Anforderungen für meine Schule, und eine solche Zufallsziehung ist fast ein bisschen Bürgerpflicht, finden Sie nicht?“

Nun musste Aton lachen und willigte für ein kleines Interview ein. Vielleicht, weil er das mit der Bürgerpflicht lustig fand, oder einfach nur, weil Riri eine grossartige Schauspielerin war und während ihres Vortrags höchst überzeugend mit den Armen fuchtelte. 

Und da stand sie nun. Im Reich des Elefanten Anton. Seine jahrelangen Brocki-Besuche waren unübersehbar. Einige Schätze erkannte Riri sofort. Auf einer Kommode sass die Puppe Paul, und gleich daneben standen einige der kleinen Keramikhündchen. Irrte sie sich, oder wedelte eines der Tierchen kurz mit dem Schwanz, als Riri ins Zimmer trat? Sie hatte jedoch keine Zeit, sich damit aufzuhalten. Sie musste die elektrische Pfeffermühle finden, und die vollgestopfte Wohnung machte ihre Detektivmission nicht einfacher.

„Der Putzschrank ist hier im Gang“, sagte Anton, an den Türrahmen des Wohnzimmers gelehnt, und blickte Riri belustigt und sehr aufmerksam an, während sie sich inmitten der Brocki-Schätze des Elefanten immer noch um die eigene Achse drehte, um ja nichts zu übersehen. „Aber da drin sind keine Lebensmittel. Der Bodenreiniger hat zwar Zitronengeschmack, doch das zählt wohl nicht.“ 

Riri gab sich Mühe, den Schrank genau zu inspizieren, und nahm jede Flasche und jeden Schwamm, jeden Handschuh und jede Bürste kurz aus dem Schrank. „Ich will nur sichergehen, dass Sie da wirklich keine Sirupflaschen stehen haben“, sagte sie mit einer Stimme, die – wie sie fand – ganz fachfrauisch klang. Aber da war tatsächlich nichts, und Riri wurde einen Moment lang unsicher. Im Wohnzimmer hatte sie die Pfeffermühle nicht gesehen – klar, normalerweise stellt man so ein Utensil ja auch in die Küche. 

„Herdreiniger und Ähnliches ist doch bestimmt in der Küche, nicht wahr“, sagte Riri schnell zu Anton, der ihr geduldig zugesehen hatte, wie sie seinen Putzschrank aus- und wieder einräumte. 

„Ja, das kann sein“, sagte er und deutete einladend den Gang entlang Richtung Küche, die sich direkt neben der Eingangstür befand. Es war eine schöne alte Wohnküche mit diesem Steinboden, der aussieht wie ein in Unordnung geratenes Mosaik. Die Wände waren voll mit alten, hölzernen Einbauschränken und mehreren Regalen, die – wie Riri auf einen Blick erkennen konnte – vor allem mit Kochbüchern aus den letzten 200 Jahren vollgestopft waren. Sie stand unschlüssig da und beäugte ein Gestell hinter dem dunkelbraunen Küchentisch, auf dem gewiss ein Dutzend Bratpfannen in verschiedenen Grössen standen.

Der kleine Hund war ihr unterdessen in die Küche gefolgt und setzte sich jetzt schwanzwedelnd vor sie hin. Als Riri ihn ansah, öffnete der Kläffer die Schnauze. „Wenn ich du wäre, würde ich mal unten links im Schrank neben dem Fenster nachsehen“, sagte der Hund und zog die Lefzen hoch. Riri riss die Augen auf, und diesmal konnte sie sich eine Antwort nicht verkneifen. Sie war sich ziemlich sicher, dass der Hund nur sprach, wenn Anton ihn nicht hören konnte, denn der war im Gang stehen geblieben.

„Wieso kannst du sprechen?“, wisperte Riri. 

„Na, als ob Tiere sprechen könnten, du Dummerchen“, sagte der Hund lachend, ohne den Mund aufzumachen. Riri verstand nun überhaupt nichts mehr. 

„Nein, der kleine Wauwau ist auch kein Bauchredner“, fuhr die Stimme fort, und Riri bemerkte, dass sie gar nicht aus der Richtung des Hundes zu kommen schien, sondern aus ebendiesem Schrank neben dem Fenster. Riri öffnete die Tür, und da stand sie, die elektrische Pfeffermühle, und schüttelte sich vor Lachen, so dass die Körner im transparenten Gehäuse rasselten. 

„Hallo, Riri. Du hast dir aber ganz schön Zeit gelassen. Können wir jetzt endlich gehen?“