"Die Verwandlung" - eine Geschichte von Juri Riescher - Young Circle

«Die Verwandlung» – eine Geschichte von Juri Riescher

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«Die Verwandlung» – eine Geschichte von Juri Riescher

Blut rann seitlich meines rechten Auges herab. Wo ich war wusste ich nicht. Weshalb ich hier war auch nicht.

Plötzlich viel mein Blick auf eine glänzende Klinge, unter einer durchsichtigen Servierhaube. Sie lag auf einem mintgrünen Samtkissen. Erschrocken stellte ich fest, dass sie über und über mit Blut verschmiert war. An der Haube klebte ein kleiner Zettel, auf dem mit schwarzem Filzstift stand: „Essenszeit!“ Von Panik ergriffen stütze ich mich mit beiden Händen am Boden ab und stiess mich Stück für Stück rückwärts, weg von diesem grusligen Ort. Mit einem Mal berührten meine Schulterblätter etwas. Ich erstarrte. Langsam drehte ich mich um und stiess einen Schrei aus. Haarscharf sauste ein Hackbeil an mir vorbei und bohrte sich tief in den Boden vor meinen Füssen, den ich zuvor noch gar nicht wahrgenommen hatte. Doch woran hatte ich mich eigentlich angestossen? Als ich aufblickte, sah ich einem pausbackigen, schelmisch grinsenden Plastikkoch in seine dämonisch flackernden Augen. Offenbar war ich hier bei einem Mitternachtssnack zugegen, mit mir als Hauptgang. Wir schauten uns lange in die Augen, der Plastikkoch und ich. Aber dann zog er unvermittelt seine Kochmütze vom Kopf und gab sie mir. Zitternd nahm ich die Kochmütze in meine Hand. Sie begann sich sogleich, zu entfalten, bis ich ein beschriebenes Stück Stoff in der Hand hielt. Es war schon wieder mit Filzstift bekritzelt. Zuerst wollte ich es nicht lesen, zu gross war meine Angst. Doch dann nahm ich all meinen noch verbliebenen Mut zusammen und las: „Du hast die Rechnung ohne den Wirt gemacht!“ Was um alles in der Welt war hier los? Wer hatte diese Drohungen geschrieben? Diese Frage warf auch die Frage auf, wo ich hier überhaupt war. Eins war sicher: ein Escape Room war es nicht! Als ich meinen Blick wieder auf den Ort richtete, an dem vorher noch der Plastikkoch gestanden hatte, sah ich nur noch ein flackerndes Licht in der Ferne verschwinden.

Ich war am Rande der Verzweiflung! Was sollte ich jetzt tun? Ich versuchte, mich zu beruhigen, und blickte umher. Es gab nicht viel zu sehen. Nebel, Nebel und nochmal Nebel. Soweit das Auge reichte. Als ich resigniert in die Ferne schaute, sah ich eine ovale, breite Öffnung im Nichts, hinter der warmes Licht leuchtete. Was war das? Neugierig ging ich auf den Lichtpunkt zu. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Vor mir erstreckte sich zunehmend deutlich ein grosses Tal mit mächtigem Gebirgswall dahinter.  Es sah einfach traumhaft aus. Ein idyllischer Ort voll unberührter Natur. Ich stand auf einem Felsvorsprung, von dem aus an der Seite ein gewundener Pfad ins Tal hinabführte. Auf einmal hörte ich eine Stimme im Flüsterton zu mir sprechen. Sie sagte: „Hallo.“ Ich erwiderte die Begrüssung unsicher. Woher kam diese Stimme? „Willkommen.“ Die Stimme war jetzt etwas näher gekommen. „Was verschlägt dich ins Kontrollzentrum deines Gehirns?“ Ich… bin in… meinem GEHIRN?“, stammelte ich. Als ich aufsah, entdeckte ich eine kleine Gestalt, die vor mir stand. Sie sah aus wie eine Mischung aus Gnom, Zwerg und Kobold und wirkte freundlich. Statt zu antworten wies das Wesen zu der Öffnung, aus der ich gekommen war. Darüber hing ein Schild, auf dem „Amygdala“ stand. Moment, die Amygdala ist doch der Ort im Gehirn, in welchem die Gefühle, der Stress und die Angst verarbeitet werden. „Wir wissen nicht, was du gemacht hast, aber eines schönen Tages gingen bei uns plötzlich die Alarmglocken los. Wenn das passiert, dann hat sich bei dir zu viel emotionaler Stress angesammelt. Aber wir haben sofort reagiert und haben aus all deinem Stress und deiner Angst einen Film gemacht, den wir dir, als du schlafen gegangen bist, als Traum abgespielt haben. So warst du quasi einer Überdosis Angst und Stress ausgesetzt. Du bist durch deine Angst hindurchgegangen. Versuche zukünftig, nicht so viel davon anzusammeln. Lass dich nicht mehr stressen! Aber nun ist bald morgen. Du solltest wieder in deine Welt zurückkehren. „Aber ich möchte doch noch so viel fragen!“, protestierte ich. Kein aber, mein Freund. Manche Dinge brauchen Zeit. Plötzlich verschwamm die Welt um mich herum. „Leb wohl, mein Lieber.“ Dann fiel ich in einen tiefen entspannten Schlaf.

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