"Verbotene Sehnsucht" - eine Geschichte von Nadeschka Gaberell - Young Circle

„Verbotene Sehnsucht“ – eine Geschichte von Nadeschka Gaberell

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„Verbotene Sehnsucht“ – eine Geschichte von Nadeschka Gaberell

Louisa hat sich das nicht ausgesucht. Und doch hat sie jetzt den Salat. Typisch! Immer trifft es sie. Seit sie klein ist, kennt sie es nicht anders.

Immer ist sie die Aussenseiterin. Nie passen ihr die Vorgaben durch das Gesetz. Allgemein findet sie ihr Leben eine richtige Katastrophe.  Wie sollte sie auch anders? Zumindest in dieser Welt, in der sie lebt? Nie sieht sie ein Lächeln, denn die Menschen wissen nicht, wie das geht. Diese Fähigkeit ging durch eine weltweite, gravierende Pandemie vor 100 Jahren verloren, als überall eine Maske getragen werden musste. Dies führte dazu, dass die Gesellschaft allgemein verlernt hat, was Gefühle sind und so sind diese 2120 nicht mehr existent. Eigentlich. Aber ihrem Tagebuch vertraut Louisa folgendes an:

Es ist so hart, zu wissen, dass ich in Miriam verliebt bin und spätestens in drei Monaten sowieso per Los irgendeinem Mann verheiratet werde. So läuft das hier nun mal. Und doch, wenn ich Miriam nur anschaue, bekomme ich Schmetterlinge im Bauch. Sie ist sooo hübsch und klug und nett. Ihre langen, braunen Haare passen perfekt zu ihrem weichen Gesicht. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als ihre schwungvollen Lippen am liebsten heute noch zu küssen. Aber das wird unmöglich bleiben. Und wenn ich es doch mache, lande ich im Gefängnis. Ich will aus dieser verfluchten Welt ausbrechen. Jetzt, ein für alle Mal! Aber mit Miriam. Aber wie soll ich ihr das mitteilen? Wo doch jedes Wort abgehört wird. Wenn ich Pech habe, wird sogar der Brief von ihren Eltern durchgelesen und ich bekomme das Gefängnis trotzdem zu sehen.

Ja, Louisa weiss noch, was Gefühle sind. Und das seit ihrer Geburt. Sie erinnert sich noch genau, was für eine Verwirrung sie ihren Eltern verursacht hat, als sie gelächelt hat als Kleinkind. Sie konnte natürlich nicht nachvollziehen, wieso sie das nicht verstehen. Ganz schnell war sie damals in einem Büro bei einem Mitarbeiter des diktatorischen Staates, der ihr erklärt hat, dass dies verboten ist. Und seit da hatte sie nur noch heimlich gelächelt, sich gefreut, euphorische Gefühle empfunden. Nach und nach musste sie auf die harte Tour lernen, dass sie die einzige ist, die das kann. Regelmässig hat sie sich Ärger eingehandelt, weil jede Tat beobachtet, jeder Schritt verfolgt, jedes Wort abgehört wird in ihrer Welt. Als sie das noch nicht wusste, machte sie immer seltsame Dinge wie jemanden umarmen oder ein Küsschen auf die Wange geben oder weinen oder in Tränen versinken. Als ob das noch nicht genug anstrengend wäre und ihr eigentlich an Gefühlen reichen würde, ist sie jetzt verliebt. Und zu allem Überfluss noch in ein Mädchen! In einer Welt, wo jeder nach dem 18. Geburtstag per Los an einen Jungen verheiratet wird. Homosexualität ein Fremdwort! Hoffnungslose Sache! Deshalb sitzt Louisa jetzt an ihrem Schreibtisch, überlegt sich mit ihren 17 Jahren und neun Monaten einen Plan, wie sie aus dieser verfluchten Welt fliehen kann. Darüber sprechen kann sie auf jeden Fall schon mal mit niemandem, das wäre zu riskant. Einen richtigen Plan aufstellen kann sie aber sowieso nicht, weil ihre Gedanken ständig zu Miriam abschweifen. Sie sehnt sich bereits nach ihr, obwohl sie sich zuletzt vor zwei Stunden im Physikunterricht gesehen haben. Diese Lippen! So schön geschwungen! Sie ist überzeugt, diese Sehnsucht nach Nähe zu dieser Person, die wird nicht so schnell verschwinden. Und ist verboten!

Plötzlich hört sie eine Stimme in ihrem Zimmer. Moment, das kann doch gar nicht sein. Sie ist doch alleine in ihrem stillen Kämmerchen. Unsicher schaut sich Louisa um, ob jemand hineingekommen ist. Aber geklopft hat niemand. Und sehen kann sie auch niemanden. Aber diese unheimliche Stimme ist immer noch da.
„Louisa, hör mir gut zu. Louisa. LOUISA“, sagt die Stimme. Jetzt kennt dieses unbekannte Ding sogar noch ihren Namen.
Ängstlich flüstert sie: „Hallo, wer ist da? Und vor allem wo?“
„Louisa, hab keine Angst. Dieses Gespräch kann nicht abgehört werden vom Staat. Nenn mich Alan“, gibt er ihr zu verstehen.
„Hallo Alan. Wer bist du? Wo bist du? Wieso kann dieses Gespräch nicht abgehört werden?“, hakt sie nach.

Er meint: „Du wirst mir vermutlich kaum glauben, was ich dir gleich erzähle, aber tu es bitte trotzdem! Ich bin Alan. Ich bin kein Mensch, wie du es kennst. Ich existiere aber wirklich. Als Geist. Ich bin gerade in deinem Zimmer. Das Gespräch kann nicht abgehört werden, weil ich mit dir auf Gedankenebene kommuniziere. Du kannst gerne eine Kontrolle mit dem Aufnahmegerät deines implantierten Chips machen.“
Tatsächlich spult Louisa jetzt den Mechanismus ab, um das Aufnahmegerät in Gang zu setzen. Sie flüstert: „Also gut. Sag jetzt mal etwas, das Programm läuft.“
Alan sagt nochmals denselben Text wie zuvor und gibt ihr dann zu verstehen, dass sie sich die Aufnahme anhören soll.
Dies bringt sie zum Staunen: „Da ist tatsächlich nur mein Geflüster drauf. Wie kann ich in dem Fall mit dir kommunizieren, ohne dass mich alle für verrückt halten?“
„Das ist ganz einfach! Du musst das, was du sagen würdest, einfach nur deutlich denken. Versuchs mal“, ermunterte er sie.
Sie setzt sich im Schneidersitz auf ihr Bett und konzentriert sich darauf, alles ab jetzt nur noch zu denken, aber zuvor schaltet sie das Aufnahmegerät aus.
„Also Alan, was willst du von mir?“, fragt sie jetzt etwas besänftigt.
„Louisa, ich will dir helfen!“, wiederholt er, „Ich weiss von deinem Problem, dass du Gefühle kennst und sie irgendwie benennen kannst, wie es schon vor 100 Jahren gemacht wurde.“
„Aber woher weisst du das?“, fragt sie unsicher.
Er erklärt: „Ich bin ein Geist, deshalb kann ich problemlos die Gedanken von euch Menschen lesen. Und ich lebe schon lange, länger als du dir vorstellen kannst.“
„Das ist ja unglaublich, krass!“, staunt Louisa, „Aber wie willst du mir helfen?“
„Ich kann zum Beispiel mal abchecken, ob ich auch mit Miriam kommunizieren kann. Wenn das klappt, dann kann ich einfach in deiner Nähe bleiben und dann könnt ihr indirekt über mich kommunizieren. Wie klingt das?“, schlägt Alan vor.
Ohne zu zögern, stimmt sie Alan sofort zu. Und dann ist er plötzlich weg. Oder zumindest sagt er nichts mehr.

Sie macht ein verwirrtes Gesicht. In ihrem Zimmer, ihren eigenen vier Wänden, ihrem Reich kann sie das zum Glück noch. Dort können die Beobachter vom Staat aus Personenschutzgründen nämlich nicht hineinsehen. Sie können lediglich sehen, wer sich darin befindet. Und das darf selbstverständlich niemand weiteres als Louisa selber sein. Sie kann nicht nachvollziehen, wie das ganze Gespräch gerade funktioniert hat. Also die Theorie versteht sie schon, aber glauben kann sie es trotz allem nicht. Es ist doch einfach unmöglich! Seit sie klein ist, wird ihr beigebracht, dass es keine Geister, keine Dämonen, keinen Teufel gibt. Genauso wenig wie Engel, Jesus, Gott. Alles sind nur Erfindungen des Homo Imagines, der vor ihrer Art, dem Homo Genius, gelebt hat. Dem darf man keinen Glauben schenken, wenn man dem begegnet. Gepredigt wird ihr dies seit dem kleinsten Kindesalter. Andererseits wird ich auch schon so lange erklärt, dass es keine Gefühle gibt und sie nur Geschichten erfindet, was aber auch nicht möglich sein darf, weil es keine Fantasie mehr gibt. Und das stimmt nicht, das kann sie mit Sicherheit sagen! Wie soll sie dieses Gespräch einordnen? Sie entscheidet sich dafür, vorerst einmal gar nichts zu werten, sondern abzuwarten, ob sich dieser Alan wieder meldet.

Die Tage und Wochen und Monate vergehen, ohne dass sie je wieder von diesem Alan hört. Aber etwas begleitet sie die ganze Zeit über. Jeden Tag und jede Stunde und jede Minute und jede Sekunde geistert zumindest im Hinterkopf das hübsche Mädchen, oder mittlerweile muss man sie eine junge Frau nennen, herum. Auf keinen Fall vergisst sie Miriam je wieder. Mittlerweile sind beide verheiratet mit einem Mann. Doch von Liebe kann Louisa nicht sprechen. Ihre Sehnsucht gilt Miriam, mit ihrem perfekten Körper und den schönen blauen Augen. Das Blau eines tiefen Sees! Darin könnte sie stundenlang versinken. Aber anmerken lassen darf sie sich das auf keinen Fall.

Eines Tages, als sie schon lange nicht mehr damit rechnet, meldet sich Alan wieder: „Louisa, ich habe die Lösung für dein Problem.“
„ALAN???“, erschrickt sie sich.
„Ja, genau!“, bestätigt der Geist, „Willst du die Lösung wissen?“
„Zuerst sagst du mir auf der Stelle, wo du so lange warst und weshalb du mich voller Hoffnung zurückgelassen hast!“, ordnet sie an. In ihren Armen schaukelt sie das Kind, das im Labor gezüchtet wurde und ihrem Mann und ihr zugeteilt wurde.
Alan seufzt: „Es war ein harter Brocken, mit Miriam Kontakt aufzunehmen. Aber ich habe es nach 5 Jahren harter Arbeit endlich geschafft, dass sie mir antwortet. Und weisst du, was ich damit herausgefunden habe? Mit genügend Arbeit kann man in jedem Menschen die Gefühle wieder auferwecken.“
Verwirrt weist sie ihn darauf hin: „Das ist ja schön und gut für dich, aber wenn du in jedem Mensch wieder Gefühle wecken möchtest, dann brauchst du ja eine Ewigkeit. Wie soll mir das helfen?“
„Ich habe doch nicht die ganze Zeit untätig herumgesessen und nur an Miriam gearbeitet. Ich habe alle meine Geisterfreunde zusammengetrommelt, damit wir mehr Menschen bearbeiten können. Mittlerweile haben etwa 1000 Menschen den Zugang zu dieser wunderbaren Welt, die du schon seit immer kennst“, erläutert Alan.
„Das ist ja wunderbar“, freut sich Louisa, „Aber ich verstehe immer noch nicht, wie ich dadurch zu Miriam eine Beziehung aufbauen kann.“
„Wir haben natürlich nicht beliebige Menschen bearbeitet. Konzentriert haben wir uns auf die Regierungen der Staaten. Du glaubst es nicht, es gibt irgendwo, tief im Ozean, noch eine Insel, die von der ganzen Krise dazumal nicht verändert wurde! Zurück zum Thema: Die Regierungen kennen jetzt die Welt der Gefühle, können aber natürlich nicht damit umgehen, weil sie komplett überfordert sind“, erzählt er euphorisch.
Sie blickt überrascht und lächelt zögernd. Sie will wissen: „Kombiniere ich gerade richtig?“
„Ich weiss nicht, was du kombinierst“, schmunzelt Alan, „Aber da du die ganzen Emotionen seit deiner Geburt kennst, würde ich vorschlagen, gehe doch einfach mal zur Regierung des Staates und schlage vor, das Zepter zu übernehmen. Du kannst ja belegen, dass du dies alles schon lange kennst. Und während du dies machst, werden wir natürlich ständig weitere Menschen bearbeiten. Und ich werde mir grösste Mühe dabei geben, Miriam den Umgang damit beizubringen. Und dann wird alles viel besser, als es jetzt ist.“
„JAAA“, jubelt Louisa laut, „Das ist ja genial, das werde ich sofort machen! Wie soll ich dir bloss danken? Wenn das wirklich klappt, das wäre so eine Erleichterung für mich, und für alle, die schon jetzt Zugang zu den Gefühlen haben. Stell dir bloss vor… Wenn ich dann wirklich noch eine Beziehung zu Miriam aufbauen kann… Das wäre so wunderbar!“
„Das wäre es in der Tat“, gibt auch er zu. „Eine Frage habe ich aber noch, bevor ich meiner Arbeit weiter nachgehen kann.“
Sie meint wohlwollend: „Nur zu, ich bin ganz Ohr und werde dir alles beantworten!“
„Woher kennst du die Bezeichnungen für die ganzen Emotionen, die du verspürst?“, fragt er.
„So genau kann ich dir das gar nicht beantworten…“, weicht sie aus, „Irgendwie weiss ich bei einem neuen Gefühl gerade intuitiv, wie es heisst. Es scheint in meinem Unterbewusstsein gespeichert zu sein. Aber das müsste es eigentlich bei allen…“
„Das hilft mir schon sehr viel weiter! Dann kann ich den Leuten nämlich einfach sagen, dass sie gar nicht zu fest darüber nachdenken sollen, sondern einfach darauf vertrauen, was ihnen ihr Gefühl sagt. Auch wenn das für sie alle natürlich gerade noch sehr neu ist. Ich bin überzeugt, dass dies trotzdem klappen muss“, schlussfolgert er und verabschiedet sich.

Am liebsten würde Louisa sofort zu ihrem Diktator rennen und alles geben, um die Führung zu bekommen, aber sie weiss genau, was für ein harter Brocken dieser Mensch ist. Deshalb schmiedet sie in ihrem Tagebuch einen Plan:
Es ist gerade das absolut Genialste aus meinem ganzen Leben passiert. Dieser Geist, von dem ich vor Jahren mal erzählt habe, der ist heute wieder einmal erschienen. Und er hat mir eine Lösung auf dem Silbertablett präsentiert. Ich muss liebevoll mit dem idiotischen Diktator reden, damit ich die Führung des Staates übernehmen kann. Aber so einfach ist das sicher nicht. Mister Ican, dieser Möchtegern-Alleswisser, Möchtegern-Alleskönner, Möchtegern-Genie, wird mir grösste Probleme bereiten. Dessen bin ich mir absolut sicher. Ich muss deshalb äusserst vorsichtig vorgehen. Zuerst werde ich bei den Aufsichtsbehörden die Protokolle aus meiner Vergangenheit anfordern. Ich war ja genügend oft dort, weil ich „gegen die Regeln“ verstossen habe. Mensch, regt mich das Ganze noch heute auf. Ich konnte ja auch nichts dafür, dass ich lachen, weinen oder schreien musste. Jedenfalls, aus den Moralpredigten sticht hervor, dass ich die Gefühle schon eine gehörige Zeit kenne. Besser gesagt, dass ich seit meiner Geburt den Zugang dazu habe. Dann will ich ihm erklären, was für Vorteile die Emotionen haben. Die lauten folgendermassen:

  1. Die Menschen gehen ihrer Arbeit motivierter nach, wodurch die Produktivität gesteigert wird und schlussendlich kann der Staat mehr Profit daraus schlagen.
  2. Es ist viel schöner, wenn nicht mehr alle genau gleich neutral aussehen.
  3. Es ist möglich, Freunde zu finden.
  4. Freude ist eines der schönsten Gefühle.
  5. Mensch kümmert sich besser um die Kinder und die Alten, wodurch alle profitieren.

Und dann werde ich ihm einfach klar machen, dass unsere Welt jemanden in der Führung braucht, der etwas von diesen Veränderungen versteht. Und er ist dafür echt der falsche Mensch. Ich bin überzeugt, dass ich es schaffe, obwohl ich gleichzeitig echt Bammel davor habe. Wenn es nicht klappt, dann werde ich nie in meinem Leben meiner Geliebten einen Kuss auf ihre wunderbaren Lippen drücken können. Aber genau das will ich. Ich weiss, dass die Gefühle illegal sind. Falsch sind sie dennoch keineswegs. Deshalb werde ich mich gegen den Idiot Ican behaupten. Komme, was wolle!

Der Plan steht also, so richtig wohl ist Louisa bei der ganzen Sache trotzdem nicht. Ihre Liebe zu Miriam ist offensichtlich das Einzige, was sie am Plan festhalten lässt. Deshalb macht sie sich am nächsten Morgen auf den Weg zum Staatsbüro. Dieses liegt im Zentrum ihres Bezirks, ein Hochhaus mit weisser Fassade. Optisch fast nicht unterscheidbar der anderen Gebäude. Nur ein Schriftzug weist darauf hin, dass dieser Büroturm etwas Spezielles ist. Typisch für ihre Welt kann sie nicht einfach hineinlaufen. Nein, sie muss zuerst ihre Augen einscannen lassen, wodurch die automatische Registration gemacht wird. Anschliessend führt der Weg sie durch eine Schleuse, in der ein Röntgengerät kontrolliert, ob sie keine Waffen oder dergleichen mitführt. Am Ausgang steht ein Desinfektionsmittelspender bereit, den sie selbstverständlich mit einem Augenrollen benutzt.  Jetzt ist sie schon fast am ersten Ziel, das Büro mit den Akten. Deshalb muss sie mit dem Aufzug in das neunte Stockwerk hoch. Die Fahrt ruckelt ganz leicht, scheint wohl nicht mehr der Neuste zu sein.

„Guten Tag, mein Name ist Louisa Sentir. Ich würde gerne meine Akte abholen, da darin einige Protokolle von Sitzungen mit unserem Präsidenten erhalten sind, die ich nun für ein Projekt dringend bräuchte“, wendet sie sich an den jungen Mann am Empfang, sobald sie aus dem Aufzug ausgestiegen ist.
Er antwortet: „Guten Tag Frau Sentir. Ich werde im System rasch prüfen, ob Ihre Akte noch hier ist. Falls dem so ist, werde ich sie Ihnen sofort übermitteln.“
Rasch tippt er etwas in den Computer ein. Diese Arbeit bleibt ihm trotz dem implantierten Chip nämlich nicht vorenthalten, schliesslich muss alles für den Fall eines Todes extern gesichert werden, was wichtig ist.
„Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen…“, meint der Mann zu ihr, „Es ist angegeben, dass wir diese Akte gerade heute Morgen einer Frau übermittelt haben, die vorgegeben hat, sie dringend zu brauchen. Da wir aus irgendeinem Grund, der für mich unersichtlich ist, haben wir die Originaldatei weitergegeben und keine Kopie bei uns. Das ist ein Fehler, der dürfte auf keinen Fall passieren. Ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen.“
„Na, vielen Dank auch“, zickt sie ihn an, entschuldigt sich aber direkt wieder, „Sorry, aber Sie können ja eigentlich nichts dafür. Es ist nur so, dass ich besonders die Protokolle wirklich dringend benötige…“
Er wiederholt: „Wie gesagt, es tut mir leid, aber ich kann nichts machen. Auf Wiedersehen!“

Sie verabschiedet sich auch und geht wieder in den Aufzug. Für den nächsten Teil muss sie nur noch ein Stockwerk weiter nach oben. Viel Hoffnung und Vertrauen hat sie in ihren Plan allerdings nicht mehr, da sie ihre Beweise für Mister Ican nicht hat. Zuerst muss sie aber noch zu seiner Sekretärin, der sie erklären muss, was ihr Anliegen ist. Das ist gleichzeitig der wichtigste Teil, denn wenn diese Frau den Grund für genügend wichtig hält, wird sie zum Präsidenten gelassen, ansonsten muss sie wieder nach Hause. Als sie deren Büro betritt, wird sie mit einem strengen Blick begrüsst.
Sie sammelt noch einmal all ihren Mut und stellt sich vor: „Guten Tag. Mein Name ist Louisa Sentir. Ich möchte gerne…“
„Mein liebes Mädchen“, wird sie sofort von der Sekretärin unterbrochen, die ihr nun ein Lächeln schenkt, „Mich hat die Gefühlswelt mittlerweile auch erreicht. Und wenn ich ehrlich sein darf, dann wärst du die viel kompetentere Person. Hier sind die Protokolle deiner damaligen Sitzungen mit mir, weil du geweint, gelacht oder gestrahlt hast. Genau heute wollte ich sie eigentlich meinem Vorgesetzten zeigen, um dich als Nachfolgerin vorzuschlagen. Ich kenne dich nämlich schon lange, ich habe damals nämlich die Gespräche mit dir geführt. Übrigens, wenn du mich fragst, hast du sehr gute Chancen, dass er deine Idee akzeptieren wird“, erzählte die grauhaarige Frau mit Brille hinter vorgehaltener Hand und wünschte, „Viel Erfolg!“
Damit hätte Louisa auf keinen Fall gerechnet. Sie hegte sogar die Vermutung, dass sie wieder nach Hause geschickt würde. „Vielen Dank!“, meint sie noch zu ihrem Gegenüber, „Jetzt weiss ich auch, weshalb ich zuvor meine Akte nicht bekommen habe… Sie haben die bereits abgeholt. Lustigerweise mit demselben Vorhaben wie ich.“
Mit einem Stein weniger auf dem Herzen wird sie ins Büro des Staatschefs gelassen.  Obwohl es nicht danach aussah, hat der erste Teil ihres Plans geklappt.

Mit ein bisschen mehr Hoffnung betritt Louisa nun das grossräumige Büro. Umgehend blickt ihr ein überfordertes, rundes Gesicht entgegen.
Ohne ihr Vortragen abzuwarten, meint er: „Egal, was Sie wollen: Die Antwort lautet Nein!“
„Sehr geehrter Mister Ican. Ich bin voller Zuversicht, dass wir trotz ihrer Einstellung ein sehr nettes Gespräch miteinander führen werden, welches zu Ihrer und meiner Zufriedenheit ausgehen wird“, begrüsst sie ihn.
„Wie gesagt, die Antwort lautet Nein!“, wiederholt er sich, „Aber ich merke, Sie werden nicht lockerlassen. Was wollen Sie?“
Sie präsentiert ihre Idee: „Nun, ich habe Ihnen hier einige Protokolle, die beweisen, dass ich seit meiner Geburt Zugriff auf die Welt der Gefühle habe…“
„Und was wollen Sie mir damit sagen?“, unterbricht er umgehend, „Meinen Sie etwa, ich käme damit nicht klar? Was für eine Frechheit!“
„So lassen Sie mich doch zuerst einmal ausreden, bevor Sie falsche Schlüsse ziehen!“, erwidert sie genervt, „Ich bin mir sehr sicher, dass Sie mit der Welt der Gefühle wunderbar umgehen können und sich vielleicht sogar schon damit angefreundet haben. Und Sie sind nicht der Einzige, der nun diesen Zugang bekommt oder bereits hat. Deshalb braucht unser Volk jemanden in der Führung, der ihm helfen kann, damit umzugehen, der ihm beibringt, sie zu benutzen, der ihm erklärt, wie es funktioniert. Mein Vorschlag wäre deshalb, dass ich aus diesem Grund die neue Präsidentin werde. Dann könnten Sie sich ebenfalls ohne Stress von der Arbeit daran gewöhnen. Was halten Sie davon?“
Er zuckt die Schultern, macht ein strenges Gesicht und sagt: „Begeistert von der Idee bin ich überhaupt nicht! Ich will meine Macht behalten. Es muss so bleiben.“
„Aber sind Sie sich sicher, dass Sie diesen ganzen Druck jetzt ausstehen werden? Die Menschen werden klare Anweisungen wollen, wie sie mit diesen Emotionen leben können“, hackt sie nach.
„Um ehrlich zu sein… Man kennt mich als strengen Menschen, aber das kann ich nicht mehr sein. Ich kann keine Entscheidungen mehr treffen. Ich kann mein Volk nicht mehr führen. Ich kann überhaupt nichts mehr!“
Sie gibt sich grösste Mühe, ihr Schmunzeln zu unterdrücken und meint: „Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, wäre es in diesem Fall vielleicht doch besser, wenn Sie mein Angebot noch einmal überdenken.“
Er zögert: „Wissen Sie, dass mir das so was von überhaupt gar nicht gefällt? Sie kommen als unbekannte, wildfremde, junge Person zu mir und erwarten, dass ich Ihnen nur aufgrund einer Akte und einigen Worten und psychischer Instabilität und Unfähigkeit die Macht überlasse.“
„Ich erwarte doch nicht, dass Sie es machen. Es handelt sich lediglich um einen nett gemeinten Vorschlag“, widerspricht sie.
„Trotz allem muss ich zugeben, dass es die beste Lösung ist, die ich momentan habe…“, murmelt Mister Ican.
Sie fragt nach: „Heisst das, dass Sie mit dem Vorschlag einverstanden sind?“
„Ja, es ist abgemacht. Am besten richtest du dich in einer Rede heute Nachmittag direkt an das Volk, um das klarzustellen. Ich werde natürlich alles Amtliche noch ins Rollen bringen, dann ist das erledigt. Ich habe nur eine Bitte: Bring uns Menschen bei, mit dieser neuen Welt zu leben. Viel Erfolg!“
„Oh, vielen Dank“, freut sie sich.

Louisa kann es nicht fassen. Sie hat sich solche Sorgen gemacht und jetzt hat sie ihr Vorhaben ohne allzu grosse Schwierigkeiten in die Tat umsetzen können. Das lief definitiv noch besser als erwartet.
Am Nachmittag, nachdem Mister Ican die Information mit wenig Worten vor dem versammelten Volk bestätigt hat, tritt Louisa auf die Bühne.
„Meine lieben Bürger, meine lieben Bürgerinnen und alle dazwischen und ausserhalb. Wie ihr eben gehört habt, bin per sofort ich eure neue Präsidentin. Ich will aber nicht alles alleine entscheiden, ihr sollt mit einbezogen werden. In den folgenden Tagen werde ich euch erklären, wie genau ich das fertigstellen will.
Was ich euch bereits jetzt versprechen kann, ist Folgendes: Ich kenne mich schon seit immer mit der Welt der Gefühle aus. Viele von euch werden diese Welt demnächst entdecken, einige wenige sind bereits in den Genuss gekommen. Den Umgang damit kann ich euch nicht im Detail beibringen. Das Wichtigste ist, dass ihr euch einfach vertraut. Euer Unterbewusstsein kennt diese Gefühle, unsere Staatsführung hat sie bisher bloss erfolgreich unterdrückt. Das wird sich ab jetzt ändern. Als Rat kann ich euch jetzt sagen, dass ihr einfach mal in euch hineinhören sollt und überlegen, was euer Herz in dem Moment möchte. Ich bin überzeugt, ihr alle werdet das Leben damit erfolgreich meistern. Mir ist euer Wohlergehen wichtig und ich werde mein Bestes geben, um euch ein so schönes Leben wie möglich zu ermöglichen.
Bevor ich es vergesse: Es ist natürlich selbstverständlich, dass alle Gefühle normal sind. Wenn jemand von euch findet, dass er verliebt ist, dann ist es super. Und zwar ganz egal in wen, welches Geschlecht oder welche Herkunft. Niemand wird vom Staat ausgeschlossen.
Und jetzt wünsche ich euch noch einen schönen Abend.“

Tosender Beifall ertönt aus dem Publikum. Schwer zu sagen für sie, ob dies einfach aus der Selbstverständlichkeit heraus passiert oder tatsächlich aus Bewunderung, Begeisterung, Zustimmung oder Akzeptanz. Aber sie freut sich.
Plötzlich rennt jemand auf die Bühne. Und als die Person zum Stehen gekommen ist, kann sie es kaum fassen, wer es ist. Wirklich, wahrhaftig in Person, nimmt sich jetzt ihre Geliebte, Miriam, das Mikrofon und spricht zum Publikum: „Um euch zu verdeutlichen, was die bezaubernde Louisa gerade gemeint hat mit dem Punkt, dass keine Gefühle falsch sind, will ich euch etwas erzählen. Ich habe zwar noch nicht solange wie sie Zugriff auf meine Gefühle, aber man gewöhnt sich doch rasch daran. Und ich muss euch sagen, ich musste mir sofort eingestehen, dass ich unsere neue Präsidentin schon seit meinen Jugendjahren anhimmle und bewundere und verehre. Wenn ich mich nicht täusche, dann nennt sich dieses Gefühl Liebe. Was ich jetzt machen soll, weiss ich zwar nicht genau, aber ich denke, es wäre der richtige Moment für einen Kuss, wenn es dir auch so geht, Louisa!“

Natürlich geht es ihr auch so. Überglücklich stellt sie sich vor Miriam hin, bewegt ihren Kopf langsam ihrem näherkommenden Gegenüber entgegen. Mit ihren Augen blickt sie tief in die ihrer attraktiven Freundin. Schüchtern, und doch voller Gefühle finden sich ihre Lippen. Das löst die Sensation in Louisa aus. Sie wusste ja, das küssen schön sein muss. Aber so schön? Nein, damit hätte sie nicht gerechnet! Und diese Lippen; Sie sind nicht nur wunderschön, sondern auch super weich.

Seit diesem Moment sind fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen Louisa nicht nur voller Leidenschaft Miriam geliebt hat. Mit Hilfe ihrer Ehefrau, Alan und seinen Geisterfreunden sowie allen, die den Zugang zu den Gefühlen bereits hatten, hat sie es geschafft, die Diktatur wieder in eine erfolgreiche, funktionierende und emotionale Demokratie umzuwandeln. Noch an ihrem ersten Amtstag hat sie die ganze Abhörung, Observation, Verfolgung gestoppt. Ihre Welt ist endlich so, wie sie es sich immer gewünscht hat: Frei, gefühlsvoll, bunt!

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Bewertung

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Kommentare (15)

Liebe Nadeschka, ich finde es eine sehr gute Geschichte. Du machst dir extrem viel Gedanken, was eine sehr wertvolle Eigenschaft ist. Schreibe auf jeden fall weiter, probiere aus und lass deinem denken freien Lauf!

Zoë Althaus

17. November 2020

Liebe Nadeschka, die Geschichte ist sehr gut und spannend. Musste sie in einen Liebe Nadeschka, deine Geschichte ist sehr spannend. Weiter so. Grüessli. Esther

Esther Adam

15. November 2020

Diese Geschichte war ein sehr erregendes Erlebnis in meinem Leben. Wirklich super Geschichte. 👌

Raskal Flügelmann

13. November 2020

Erinnert mich ein wenig an Margareth Atwoods Zukunftsbeschreibungen. Bravo Nadeschka!

Simone Gaberell

13. November 2020

Bin sehr beeindruckt und habe diese Geschichte mit Spannung gelesen - BRAVO!

Aebersold Doris

13. November 2020

Die spannende Kurzgeschichte von der jungen Frau Louisa ist leicht zu lesen und dennoch hat sie einen tieferen Sinn. Wenn die Menschheit aus der heutigen Pandemiezeit nichts lernt, könnten wir uns in 100 Jahren vielleicht auch in Louisas Zeit befinden. Das wäre aber nicht erstrebenswert! Was können wir dagegen tun? Das erfährst du in dieser Geschichte von Nadeschka, wo es glücklicherweise doch noch einmal gut ausgeht!

christine hansen

13. November 2020

Passt in die heutige Zeit. Wie möchten wir in der Zukunft leben ? Spannend geschrieben

Beatrice Tecce

12. November 2020

Ist alles sehr spannend und unterhaltsam geschrieben

Zbinden Vreni

11. November 2020

Eine Geschichte zum fühlen und nachdenken ...ganz toll geschrieben !

Sandra Zürcher

11. November 2020

Interessant, wie die Dystopie beinahe in eine Utopie übergeht.

Caroline

11. November 2020

Das ist also toll. Wenn es nur so einfach wäre! Aber. Steter Tropfen höhlt den Stein. Zum lesen sehr angenehm. Mach weiter so!

Aetti

11. November 2020

Gratuliere! Überraschende und spannende Geschichte. Du hast die Fähigkeit für weitere Stories :-)

Susanna

11. November 2020

Starke Geschichte - Aktualität verwoben mit einem berührendem Thema, gewürzt mit witzigen Elementen.

Nina

11. November 2020

Nur wer schreiben kann und Fantasie mit der Aktualität verbindet ist zu einer solchen Story fähig. Bravo!

Dominik S. Gaberell

10. November 2020

Mega schön geschrieben!

Mia Ritzer

10. November 2020

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