"Der beliebteste Schüler meiner Schule, der Tagtraum und ich" - eine Geschichte von Adina Derungs - Young Circle

„Der beliebteste Schüler meiner Schule, der Tagtraum und ich“ – eine Geschichte von Adina Derungs

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„Der beliebteste Schüler meiner Schule, der Tagtraum und ich“ – eine Geschichte von Adina Derungs

Ich war so darauf konzentriert gewesen, meine ganzen Schulbücher in einer und meinen Kaffeebecher in der anderen Hand zu balancieren, dass ich gar nicht bemerkte, wie ich voll in ihn hineinrannte.

In ihn, den Schwarm aller Mädchen, den besten Schwimmer unseres Schwimmteams und den beliebtesten Schüler unserer gesamten Schule. Ich hörte, wie alle Gespräche um uns herum plötzlich verstummten und einige erschrocken die Luft einsogen. Meine Bücher knallten zu Boden und der Inhalt meines Bechers verteilte sich auf Liams Shirt. Erschrocken schrie ich auf und blickte nach Oben, in Liams strahlend blaue Augen. Dieser sah genauso geschockt aus wie ich und ich machte mich darauf gefasst, vom Schülerliebling zur Schneck gemacht zu werden. Ich meine, ich war geradewegs in ihn hineingelaufen und hatte dazu auch noch sein Shirt zerstört. Hinter mir nahm ich vereinzeltes, leises Gelächter war und mir drehte sich der Magen um. Ich war sonst schon nicht gerade die beliebteste Schülerin der Maryland High, doch nach diesem Auftritt, werde ich zu den Unbeliebtesten der Unbeliebten gehören: Zum Abschaum. 

Ich sah immer noch wie gebannt in Liams Augen, erwartete jedoch, dass er diese jeden Moment vor Wut zusammenkneifen würde, doch stattdessen geschah etwas völlig Unerwartetes. Er fing einfach an zu lachen. Einfach so. Dies hatte ich nun wirklich nicht erwartet, ich hatte gedacht, dass er voller Wut in die Luft gehen würde, jedoch nicht, dass er mich auslachen könnte. Innerlich seufzte ich auf und mir wurde noch schlechter. Es wäre ja schon übel gewesen, wäre er wütend geworden, doch wenn er mich auslachte, wurde ich zu einem noch grösseren Gespött. «Ach Livi», begann er plötzlich zu sprechen und ich kräuselte verwundert meine Stirn. Livi nannten mich sonst nur meine Familie oder meine engsten Freunde, wobei ich eigentlich gar nicht mehrere Freunde hatte. Da war genau Shane, mehr gab es da nicht. «Ich weiss ja, dass du mich magst, aber sei doch nicht immer gleich so stürmisch mit deinen Umarmungen», schloss er mit einem kleinen Augenzwinkern und kniff mir in den Arm. Nun wurde ich immer verwirrter. Was war denn mit dem los? Machte er sich über mich lustig oder versuchte er gerade tatsächlich, mir aus der Patsche zu helfen? 

Fragend zog ich eine Braue hoch und schaute ihn abwartend an, ich war gespannt, was er vorhatte. Doch was dann geschah, war wirklich unglaublich. Er beugte sich vor und küsste mich. Mitten auf meinen Mund. Einfach so, als hätte er das schon tausendmal gemacht. «Ich freue mich auch dich zu sehen, aber sei das nächste Mal doch bitte ein Wenig vorsicher», sagte er so laut, dass es jeder im Gang gehört haben musste, denn um uns herum war es plötzlich totenstill. «Komm wir gehen, wir haben ja eh nur noch Bio, unwichtig», sprach er weiter und zwinkerte mir erneut zu. Kurzerhand legte er seinen Arm um meine Schulter uns zog mich Richtung Ausgang. Ich versuchte gar nicht erst, mich zu wehren, da ich wusste, dass ich keine Chance gegen ihn hätte. Also liess ich mich benommen von ihm mitziehen und folgte ihm nach draussen. 

Als wir draussen ankamen, war der ganze Pausenhof wie leergefegt, was ja auch klar war. Es war eiskalt hier draussen und in wenigen Minuten würde der Unterricht beginnen. Liam zog mich weiter zu der kleinen Sitzbank die ein Wenig entfernt vom Eingang stand und setze sich. Wiederwillens setzte ich mich ebenfalls und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn darauf jedoch wieder, da ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. Schliesslich schaffte ich es jedoch doch, etwas zu sagen und fragte mit leiser, fast schon peinlicher Stimme: «Was hat das hier zu bedeuten?» 

«Was meinst du?», stellte mir Liam verwundert eine Gegenfrage und sah mich Abwartend an. «Naja, du bist anscheinend nicht sauer, dass ich meine Kaffee auf dir verschüttet habe und du hast mich nun hier gebracht und ausserdem hast du mich geküsst», gab ich zurück. «Ah das, ich mag dich eben», antwortete er schulterzuckend und sah mich wieder mit diesem forschen blick an. «Wie, du magst mich eben? Wir kennen uns ja gar nicht und ich meine, du bist Liam Parker. Der beleibteste Schüler 

der ganzen Schule und ich bin Livia Taylor, ein Niemand», erklärte ich lachend. «Ach sei doch nicht immer so voreilig. Du bist kein niemand. Du bist toll. Die Anderen wissen das nur nicht, weil sie dich nicht kennen», entgegnete er lächeln und knuffte mich zum zweiten Mal an diesem Tag in meinen Arm. 

Nun war ich wirklich verwirrt. Konnte es sein das Liam tatsächlich die Wahrheit sagte, oder wollte er mich gerade veräppeln? Ich wusste es nicht, doch ich musste es unbedingt herausfinden. 

«Also, und du denkst, du kennst mich?», fragte ich zögernd. «Nicht annähernd so gut, wie ich es gerne würde, aber ich denke ein wenig schon, ja.», antwortete er gelassen uns zuckte schon wieder mit seiner Schulter. Langsam fragte ich mich wirklich, ob er zu nichts anderem im Stande war. Stopp, ermahnte ich mich dann jedoch selbst. Er war gerade so nett mit mir, wie es sonst eigentlich nur Shane war und auch wenn es nicht erst gemeint war, genoss ich diese Freundlichkeit. «Und inwiefern denkst du mich zu kennen?» fragte ich nun sichtlich gespannt. «Also», begann er, «du magst keine Limetten, jedoch leibst du Zitronen. Wenn du über etwas nachdenkst, wickelst du dir deine Haare um deinen rechten Zeigefinger. Wenn du im Unterricht etwas nicht verstehst kräuselst du immer deine Stirn und wenn dich ein Lehrer aufregt, beisst du dir immer auf deine Lippen, damit dir nicht falsches rausrutscht.» Mit jedem Detail, dass Liam von sich gab, wurden meine Augen grösser und grösser. Er hatte mich wohl genau so sehr beobachtet wie ich ihn. «Deine Lieblingsfarbe ist violett, denn du trägst diese Farbe praktisch jeden Tag. Zum Mittagessen trinkst du am liebsten Apfelsaft und du liebst Kartoffeln», fuhr er fort und liess meine Augen noch grösser werden. 

«Aber weshalb weisst du das alles?», fragte ich ihn immer noch geschockt. «Ich beobachte dich gerne», antwortete er -schon wieder- schulterzuckend. «Aha», war meine lahme Reaktion darauf und ich schüttelte ungläubig den Kopf. Da fiel mir ein, dass ich immer noch nicht wusste, weshalb Liam mich geküsst hatte, da er mir diese Frage nach wie vor nicht beantwortet hatte. «Ähm, und weshalb hast du mich geküsst», fragte ich dann schüchtern und sah ihn fragend an. «Keine Ahnung», antwortete er eben so leise und sah in meine Augen. Es fühlte sich an, als würde er direkt in mich hineinsehen und ich erschauerte. Liam der dies bemerkt, aber falsch gedeutet hatte, zog seine blaue Jacke mit dem Logo der Maryland High aus und legte sie über meine Schultern. Auch wenn mir eigentlich nicht kalt war, flüsterte ich ein leises «Danke» und lächelte verstohlen zu ihm hinauf. 

Gerade in diesem Moment fiel mir auf, wie nahe wir uns eigentlich waren. Unsere Arme berührten sich und wir waren einander zugewandt. Plötzlich wurde mir brennend heiss und meine Wangen fingen an zu glühen. Ich fragte mich, ob das hier gerade wirklich geschah. Ich sass auf dieser Bank mit Liam Parker, für den einige andere Mädchen töten würden, und unterhielt mich mit ihm. Konnte es sein, dass er mich wirklich mochte? Ich stand insgeheim schon seit Jahren total auf ihn, hatte mich jedoch natürlich nie getraut, ihn anzusprechen. Ich bemerkte, wie sich unsere Gesichter immer näherkamen und hielt erwartungsvoll die Luft an. Würde er mich nun wirklich küssen? Schliesslich waren wir uns so nahe, dass er das laute Schlagen meines Herzes hören musste und ich schluckte. Da legten sich seine warmen, weiche Lippen auf meine und ich stiess einen leisen Seufzer aus. 

«Hey, Erde an Livi!», erschrocken zuckte ich zusammen und sah zu meinem besten Freund Shane, der mit seiner Hand vor meinem Gesicht herumwedelte. «Was ist denn?», fragte ich verwirrt und immer noch ganz benommen. «Du starrst ihn an», antwortet Shane trocken und ass weiter. «Wen?» fragte ich gespielt verwundert und sah fragend in Shanes Richtung. «Na Liam, wen sonst?» antwortete dieser und grinste. Ertappt blickte ich auf meinen Teller und schaufelte mir eine Gabel Bratkartoffel in den Mund. Wie tief konnte ich eigentlich noch sinken? Ich war erbärmlich. Einfach nur erbärmlich. 

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Kommentare (1)

Das kommt einem doch bekannt vor, mit diesem Tagträumen :-D

Nadeschka Gaberell

11. November 2020

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