"Noah – 6.7.97" - eine Geschichte von Nicol De La Rosa - Young Circle

„Noah – 6.7.97“ – eine Geschichte von Nicol De La Rosa

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„Noah – 6.7.97“ – eine Geschichte von Nicol De La Rosa

Da stand ich nun im nassen Rasen, vor meinen Füssen lag er. Dort unten musste es bestimmt dunkel und kalt sein. Ich wollte doch nur dazu gehören, aber diesmal waren wir zu weit gegangen. Dieser Junge war doch erst 17 Jahre alt. Wie hatte es bloss so weit kommen können?

Ich konnte mich an diesen Tag genau erinnern, als er unsere Klasse betrat. Man konnte seine Neugier förmlich sehen. Es war der 12. August 1996, als Noah mein Leben betrat. Damals war ich 16 Jahre alt. Unglaublich, dies ist schon 10 Jahre her, dachte ich und setzte mich auf die feuchte Bank. Plötzlich durchlebte ich die letzten 10 Jahre wieder. Ich sah die Schule, den Pausenhof, wo wir immer Mittag gemacht hatten, meine Mitschüler und vor allem meine „Mädels Gruppe“. Eine kleine Wut brach in mir aus, gleichzeitig auch ein Gefühl der Enttäuschung. Ich wollte immer dazugehören, weil ich nie alleine sein wollte. Da hatte Noah gar keine Probleme, er war immer alleine. Ein bisschen klischeehaft:
Der neue Schüler, der in der Cafeteria alleine an einem Tisch sass, der im Sport zuletzt ausgewählt wurde, der immer unangebrachte Notizen auf seinem Platz fand oder der, der immer sein Schliessfach putzen musste, weil man dummes Zeug darauf gesprüht hatte. Das Schlimmste daran war, dass ich zu den Leute gehörte, die mitgemacht hatten.

Meine „Mädels Gruppe“ hatte Noahs Schuljahr ganz schön schwer gemacht und Noah hatte nie etwas gesagt oder sich dagegen gewährt. Manchmal hatte ich mir gewünscht, dass er die Schule wechseln würde und ein besseres Leben führen könnte. Ich wusste nie genau, wieso gerade Noah, er war durchschnittlich gross, hatte braune Haare, die ihm bis zu den Ohren gelangten, war schlank und sein Gesicht weder hässlich noch schön. Er war manchmal witzig, wenn er leise einen Kommentar herausliess, da musste ich immer vor mich hin lachen. Laut Katia, die „Chefin“ der Gruppe, waren das Sachen, die ein perfektes Opfer ausmachten. Meiner Meinung nach wollte sie ihm nur zeigen, wer das sagen hatte.

Noah kam schliesslich eine Weile nicht mehr in die Schule. Bis heute kannte ich den Grund nicht, aber ich hatte eine Vermutung. Mir wurde plötzlich kalt, wahrscheinlich weil der Gegenwind stärker wurde. In diesem Augenblick wünschte ich mir, dass ich mich für ihn eingesetzt hätte, aber es war zu spät. Noah war an einer Überdosis gestorben, am 06. Juli 1997. Ich hätte nie gedacht, dass ich teilweise Schuld an seinem Tod gewesen war, Tränen kamen mir aus den Augen geschossen. Wie hatte ich bloss einen Jungen sterben lassen können? An seine Beerdigung hatte ich nicht hingehen können, da ich mich abgrundtief schämte. Besucht hatte ich ihn dann einen Monat später.

Seitdem war ich jeden 6. Tag vom Monat zu seinem schön dekorierten Grab gekommen. Plötzlich spürte ich eine Hand an meiner Schulter und mein Körper zuckte zusammen. Als ich meinen Kopf umdrehte, stand ein grosser, blonder Mann mit dunklen Augen da. Er fing an zu sprechen: „Er war immer ein glücklicher Junge gewesen und hatte ein Herz, das grösser ist als die Welt selber. Woher kanntest du Noah?“, er sah mich mit seinen funkelnden braunen Augen an und ich antwortete; „ Ich..ich ging mit ihm in die selbe Klasse von 96. Sagen Sie mal, sind Sie sein Vater oder ein Onkel?“ „ Sehe ich wirklich so alt aus?“, sagte er lachend, „Nein ich bin Joel, Noahs älterer Bruder. Unsere Eltern sind schon vor einigen Jahren gestorben. Autounfall, weisst du?“ Mir wurde übel. Er sprach weiter: „Weisst du, Noah hatte es nicht gut aufgenommen. Er wurde unglücklich und hatte Depressionen. Er konnte den Sinn des Lebens nicht mehr wahrnehmen.“ Ich spürte, wie mein Kopf pochte und wie die Farbe in meinem Gesicht verblasste. „Mein Beileid, Joel. Hatte er jemals die Schule erwähnt?“, fragte ich mit Sorgfalt. Joel meinte, Noah hätte es nie leicht gehabt und Freunde habe er nie erwähnt. Ich hatte nichts anderes erwartet. „Momentmal..“, sagte er überlegend; „Da gab es jemanden, den er immer erwähnte. Wie hiess sie nochmals?… Louisa? Ja, eine Louisa mochte er sehr. Ich hätte sie gerne mal kennen gelernt. Ich weiss noch, wie er von ihr sprach.“ Ich antwortete schnell: „Joel.. Ich bin Louisa. Ich kann nicht glauben, dass er mich mochte. Wir Mädels waren immer so gemein zu ihm. Ich war nicht ganz unschuldig an seinen Tod. Es tut mir wirklich leid.“ Joel sah mich kurz an, lachte und sagte schliesslich: „Nein, eure Sticheleien machte ihm nichts aus. Er mochte sie, so konnte er dich sehen. Und er mochte es, wie du über seine Kommentare lachen musstest. Louisa, ihr seid nicht schuld an seinen Tod, meine Eltern sind es. Weisst du, wegen diesen Depressionen nahm er diese scheiss Tabletten. Er wollte sich das Schwarze in seiner Brust nehmen.“ Meine Gefühle waren komplett durcheinander. 10 Jahre lang hatte ich gedacht, ich sei schuld an seinen Tod. Doch das Einzige, was ich tun musste, war, Joel zu begegnen, um die Wahrheit zu kennen. Ich drehte mich zu Joel und sagte: „Erzähl mir mehr über Noah.“ Joel fing an, Geschichten zu erzählen, und wir sassen noch Stunden lang auf dieser Bank und ich wusste, dass mein Leben eine andere Richtung nehmen würde.

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Kommentare (1)

Diese Geschichte zeigt einfach, wie traurig die Realität manchmal ist. Und die Moral davon: Lasst das Mobbing sein - Ihr werdet es nur bereuen! Ganz genial geschrieben. Ich wünsche dir viel Glück!

Nadeschka Gaberell

11. November 2020

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