"Von Hundeallergien und Schatten" - eine Geschichte von Amélie Oberson - Young Circle

„Von Hundeallergien und Schatten“ – eine Geschichte von Amélie Oberson

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„Von Hundeallergien und Schatten“ – eine Geschichte von Amélie Oberson

„Ach, was für ein Scheiss-Tag!“, murmle ich vor mich hin und kicke in eine leere Bierdose welche am Strassenrand herumliegt. Die Sonne steht im Zenit und es ist einfach nur heiss.

„Ich hasse Hitze und ich hasse den Sommer“, fahre ich mit meiner Schimpfrede fort und schaue genervt gegen den Boden. Selbst der Asphalt der Strasse ist schon am Schmelzen, stelle ich nur wenig verwundert fest. Es ist Hochsommer in der Schweiz, genauer gesagt in Bern, der Schweizer Hauptstadt. Mein Name ist Finn, ich bin ein normaler 18-jähriger Junge mit blonden gewellten Haaren und leicht gebräunter Haut. Ich bin nicht wahnsinnig gross, habe ein bisschen Muskeln vom Klettern und bin momentan absolut genervt. Schon seit ich klein bin, lebe ich mit meiner Mutter in der Länggasse, einem schönen Quartier der Stadt Bern. Mein Vater ist vor längerer Zeit gestorben, aber das belastet mich mittlerweile nicht mehr so wirklich. Es ist einfach schon lange her. Aber genau heute, wo die Sonne mal wieder vorhat, mich bei lebendigem Leibe zu brutzeln, schickt mich meine blöde Mutter zum Einkaufen. Hätte sie das nicht wenigstens auf einen weniger heissen Tag verschieben können? Ich laufe gerade unter den Lauben am Käfigturm vorbei und bin auf dem Weg zum Migros. Meine Flipflops geben beim Laufen ein schmatzendes Geräusch von sich, da ich vorhin versucht habe, sie mit Brunnenwasser zu füllen. Was natürlich nicht funktioniert hat, da Flipflops bekanntlich Löcher besitzen. Meine Hirnzellen werden wohl auch weggeschmolzen.

Nur im Migros in der Altstadt findest du die speziellen Bio-Süss-Salzig-Mini-Gürkchen, welche ich so mag, Finn!, höre ich meine Mutter in meinem Kopf herumspuken.

Plötzlich werden meine Gedanken unterbrochen. Ich schaue auf die Strasse hinaus und sehe, wie ein kleiner, weisser, wuscheliger Hund in einem rasanten Tempo aus Richtung Zytglogge die Altstadt hinaufsprintet. Hinter ihm rennt ein dunkelhäutiger grosser Junge, ungefähr in meinem Alter. Schnell laufe ich auf die Strasse hinaus und stelle mich vor den Hund. Er läuft direkt auf mich zu und bleibt abrupt stehen. Sein Zunge hängt hinaus und er hechelt wie wild. Ich wundere mich, warum dies so einfach war, bücke mich hinunter und streichle ihm über den Kopf. Sofort fange ich an zu niesen. „Blöde Allergie!“ Mittlerweile ist auch der Junge bei uns angekommen, ebenfalls erschöpft und verschwitzt. Er reibt sich den Schweiss von der Stirn, kniet zu mir nieder und strahlt mich mit einem breiten Lächeln an. „Wow, merci!! Wärst du nicht gewesen, hätte ich ihn noch die ganze Altstadt hinauf jagen können!“ Er gibt ein lautes Lachen von sich und wendet sich seinem Hund zu. „Shira du blöder Hund, wirklich! Wegen dir kommen wir jetzt garantiert zu spät zu deinem Tierarzttermin!“ Ich betrachte den Jungen, welcher neben mir auf den Steinplatten der Berner Altstadt sitzt. Er ist von afrikanischer Abstammung, hat schwarze kurze Haare, ist etwas grösser als ich und eher schmal gebaut. Sein weites grünes T-Shirt wirkt, als wäre es drei Nummern zu gross für ihn. Darunter trägt er lockere Shorts und Sneakers. Auf mich wirkt er wie ein Mensch, der von allen gemocht wird. Einer von der Sorte, welcher sich sofort mit jedem anfreundet und immer gut drauf ist.

Ich mag solche Leute nicht, stelle ich fest und sehe zu, wie er bei seinem Hund Shira die Leine wieder anbringt. Dann dreht er sich zu mir. „Hey, ich muss mich unbedingt noch bei dir bedanken, aber vielleicht sollten wir zuerst noch von der Strasse runter, bevor uns das nächste Bähnli überfahrt.“ Ich nicke und wir stehen auf und suchen uns Zuflucht unter der Laube vor dem Migros. Shira trottet brav hinterher. „Nein wirklich, Mann, wenn du sie nicht aufgehalten hättest, dann weiss ich nicht, ob ich sie noch länger hätte jagen können. Meine Ausdauer ist auch langsam am Ende! Und ich heisse übrigens Danilo“, sagt er grinsend.“ Ich mag solche Menschen nicht, denke ich wieder, aber schon fährt er fort. „Wir waren gerade auf dem Weg zum Tierarzt, aber Shira ist eben nicht so dumm. Sie hat schon gemerkt, wo wir hinwollen und bei der nächsten Gelegenheit ist sie mir ab.“ „Hmm,“ brumme ich. Interessiert mich nicht wirklich. Er schaut mich leicht verwundert an. So als würde er versuchen, einen Draht zu mir zu finden. Plötzlich fange ich wieder an zu niesen und halte mir schnell den Ärmel vors Gesicht. „Bist du zufällig auf Hunde allergisch?“, fragt Danilo mich und rückt Shira etwas weiter von mir weg. „Ja und nicht nur auf Hunde, sondern auf so ziemlich alle Tiere mit Fell“, antworte ich nüchtern. „Krass, dann sollte ich mich wirklich revanchieren. Die meisten Leute mit einer Allergie würden keinen herumrennenden Hund aufhalten!“ „Hmm, ne lass mal. Ich muss ziemlich schnell wieder nach Hause, ich sollte eigentlich nur für meine Mutter etwas einkaufen.“ Dass ich schnell wieder nach Hause muss, war natürlich gelogen, aber ich möchte nicht noch länger hier meine Zeit vergeuden. Er zieht amüsiert eine schwarze Augenbraue nach oben. Ich habe das Gefühl, er hat mich durchschaut. „Wie wär’s, wenn ich dir ein Eis spendieren würde? Shira und ich haben den Termin jetzt eh schon verpasst und ich bin nicht so oft in der Altstadt. Ich könnte hier warten, bis du deinen Einkauf erledigt hast.“ Erst jetzt realisiere ich, dass Danilo ein paar Jahre älter sein musste als ich, denn auf seinem Shirt ist ein kleiner Aufdruck mit dem Logo der Universität Bern drauf. Er bemerkt meinen Blick. „Ah ja, ich studiere Innenarchitektur hier in Bern, aber irgendwie bin ich leider trotzdem nicht oft in der Altstadt.“ Ich weite erstaunt meine Augen. „Du studierst Innenarchitektur? Wirklich? Ich bin im letzten Jahr des Gymnasiums und ich kann mich eben noch nicht wirklich entscheiden zwischen Innenarchitektur oder Architektur.“ Mist, das hat sich jetzt etwas zu begeistert angehört, nerve ich mich ab mir selber und reibe mir am Hals. Er bemerkt meine Verlegenheit und grinst abermals. „Also, ich warte hier.“ Etwas irritiert schaue ich ihn an. Langsam ist er mir gar nicht mehr so unsympathisch, aber dass ich ihn nicht abwimmeln konnte, nervt mich schon.

Ich gehe ins Migros und suche nach diesen blöden Süss-Salzig-Gürkchen. Wie zum Teufel kann etwas gleichzeitig süss und salzig sein, frage ich mich. Dann nehme ich mir noch eine Weile Zeit, bis ich nach draussen zurückkehre. Jetzt wird er wohl gegangen sein, denke ich erleichtert, kurz bevor ich das Migros verlasse. Aber nein. Locker stützt er sich an die Wand der Laube ab und Shira liegt daneben. „Hier“, ruft er mir zu und wir machen uns auf den Weg. Zuerst laufen wir die Altstadt hinunter bis zum Bärengraben. Ich versuche mich ein bisschen zu öffnen und mit der Zeit verstehen wir uns eigentlich ganz gut. Mein erster Eindruck von ihm war wohl ein bisschen voreilig. Als wir uns auf der Brücke zum Bärengraben befinden, verschwindet die Sonne gerade hinter den Wolken und ich atme erleichtert auf. „Was ist?“, fragt Danilo belustigt. Ich linse zu ihm hinüber. „Ich mag den Sommer nicht, es ist viel zu heiss und alle schwitzen und es ist eklig, jemandem die Hand zu geben.“ „Dann gib ihnen einfach nicht die Hand.“ „Aber das gilt doch dann als unhöflich.“ „Ich glaube nicht, dass man sich zu viele Gedanken über Höflichkeiten machen sollte. Die andere Person möchte ja vielleicht deine verschwitzte Hand auch nicht schütteln“, meint er und schaut gegen Himmel. Da merke ich, dass vielleicht noch etwas mehr hinter seinem dauernden Lächeln steckt, als er zugibt. Ich stecke meine Hände in die Hosentaschen und schaue ihn direkt an. „Jetzt mal ernsthaft. Warum wärst du so interessiert daran, mit jemand Fremden eine Stadttour zu machen?“ Mir ist klar, dass meine Frage etwas unhöflich ist für die kurze Zeit, in der wir uns nun kannten. Er lacht. „Was ist daran so witzig?“, frage ich. „Ich dachte irgendwie schon, dass diese Frage kommt. Um ehrlich zu sein, fand ich dich einfach auf den ersten Blick interessant. Und ich lerne gerne neue Menschen kenne. Ausserdem wirkst du wie das komplette Gegenteil von mir.“ Ich gebe ein Schnauben von mir. „Ja, zufälligerweise bitte ich nicht jeden Tag komplett fremde Menschen, mich zu begleiten und sich mit mir anzufreunden…“ „Und trotzdem bist du hier“, sagt er und zieht wieder eine seiner Augenbrauen hoch. Das wirkt irgendwie sexy.

„Oh scheisse“, flüstere ich. Was habe ich gerade gedacht? „Ist was?“, fragt er und bückt sich zu mir herunter. Ich erschrecke, als sein Gesicht sich sehr nahe bei meinem befindet und ich schon fast seinen warmen Atem spüren kann. Er schaut mich etwas verwundert an. Ich schaue verlegen weg und werde wahrscheinlich etwas rot. Warum werde ich rot? Ich bin ein Junge! Dann sage ich schnell: „Es war nett, mit dir herumzulaufen, aber ich sollte jetzt wirklich langsam nach Hause. Sorry.“ „Kein Ding, wir könnten aber noch Nummern austauschen, schliesslich bin ich noch ab und zu in Bern.“ „Okay“, murmle ich und kurze Zeit später bin ich weg. Er winkt mir noch hinterher.

Zwei Wochen später habe ich den ganzen Vorfall schon wieder vergessen. Ich bin gerade im O’Bloc, einem Kletterzentrum in Ostermundigen und der Schweiss tropft mir von der Stirn. Meine Freunde feiern mich von unten an. „Komm schon Finn, nur noch ein bisschen. Zeig mal ein bisschen Muskeln!“ „Jetzt hört schon auf mit diesen behinderten Sprüchen, ich muss mich konzentrieren“, schreie ich nach unten. Gelächter ertönt. Ich strecke meinen Arm nach dem letzten Vorsprung aus und habe es geschafft. Von unten ertönt lautes Klatschen. Dann lasse ich mich abseilen und klatsche mich bei meinen Freunden ab. Immer das gleiche Ritual.

Manchmal bin ich es leid, denke ich, während ich mir den Schweiss mit einem Tuch abreibe. Immer das gleiche Getue, immer mit den gleichen Leuten abhängen. Mein Blick schweift durch den Raum. Da es Samstag ist, sind sehr viele Leute am Bouldern oder Klettern. Das macht mich manchmal etwas nervös. Mein Blick bleibt an einer Gruppe von Anfängern hängen. Es handelt sich um etwa fünf Männer im Studentenalter, wobei einer von ihnen gerade versucht, den anderen abzuseilen. Mann ist der blöd, das Seil ist ja kaum gespannt! „Hey Finn, komm schon. Die neue Boulderstrecke wurde heute eröffnet!“, ruft mein Kollege Andreia und will mich zu den anderen ziehen. Ich löse mich von ihm. „Sorry Bro, ich muss schnell den Anfängern da drüben helfen, ansonsten wird das noch gefährlich. Ich komm gleich nach!“ „Ok, aber mach schnell, ist ja nicht deine Verantwortung.“ Dann rennt er davon. Weshalb hänge ich nochmals mit solchen Typen ab? Ich jogge schnell zu der Anfängergruppe hinüber. „Hey Leute, ich will ja nicht unhöflich sein, aber ihr macht das komplett falsch! Das Seil muss richtig gespannt sein, sonst könnte der Junge im Falle eines Sturzes auf die Matte knallen und das tut sauweh.“ Die vier Studenten schauen mich überrascht an. Mein Blick bleibt an demjenigen hängen, der das mit dem Abseilen verkackt. Ich erstarre. Es handelt sich um niemand anderem als Danilo. Er schaut mich freudig überrascht an und wendet sich dann zu seinen Freunden: „Keine Angst, ihm könnt ihr vertrauen. Er ist derjenige, der mir letzte Woche geholfen hat, Shira einzufangen.“ Er grinst. Ich finde die Begegnung es nur halb witzig und greife nach dem Seil. Ich sage nicht sehr viel, helfe ihnen beim Abseilen, verabschiede mich kurz und bewege mich dann in die Umkleide. Jetzt habe ich keine Lust mehr zum Bouldern, denke ich und ziehe mich um. Ein wenig später kommt Danilo herein. Das Licht in der Umkleide ist eher schummrig und von draussen fliesst Licht hinein. Er bleibt in der Türe stehen. „Hey, du warst vorhin eher wortkarg, aber ich wollte dich trotzdem fragen, ob du Lust hättest, mir morgen das Klettern beizubringen? Ich weiss, dass kommt etwas unerwartet, aber ich hatte letztes Mal sehr viel Spass!“ Er schaut mich überzeugt an. Mir fällt mal wieder innerlich die Kinnlade runter. Wie kann man nur so ehrlich sein und genau sagen, was man will? Ich streife mir ein blaues Sweatshirt rüber, überlege und reibe mir am Hals. „Wenn du möchtest, ja. Ich hätte morgen Zeit…“ „Ah das wird cool, merci! Übrigens hast du wirklich einen grossen Helferinstinkt. Heute hast du mir schon wieder geholfen und jetzt auch wieder!“ „Ist ja kein grosses Ding.“ Mir fällt auf, dass er die Umkleide immer noch nicht betreten hat. „Willst du dich nicht umziehen?“, frage ich. Er zögert. „Ich ziehe mich lieber zu Hause um.“ „Warum denn das? Ist doch hier viel praktischer. Aber ist ja nicht mein Problem.“ Danilo seufzt. „Nein, es ist nur… ich habe Angst vor Schatten. Eine Art Phobie sozusagen.“ Ich schaue ihn ungläubig an.  „Hä, aber als wir vor zwei Wochen in Bern waren, war doch schönes Wetter, da gab es überall Schatten.“ „Nun ja, da habe ich auch darauf geachtet, dass wir nicht unter den Lauben gelaufen sind und dass dein Schatten weit weg von mir war“, meint er verlegen. „Naja, ich bin da sehr offen über dieses Problem, daher sag ich’s dir lieber auch gleich.“ „Du bist doch immer irgendwie offen“, sage ich leicht sarkastisch. Er grinst und sagt: „Bis morgen!“ Dann schliesst er die Türe. Auf eine komische Art und Weise freue ich mich auf morgen.

Am nächsten Tag erwartet Danilo mich schon pünktlich vor dem Eingang des O’Blocks. Er trägt eine weisse, weite Bluse, die sehr gut zu seiner dunklen Hautfarbe passt und darunter lockere Shorts. Er sieht wahnsinnig gut aus in der Bluse, denke ich unverhohlen. Langsam sind mir die Gedanken egal, die ich in seiner Anwesenheit habe. Als er mich auf dem Velo dahinradeln sieht, breitet sich ein freudiges Lächeln auf seinem Gesicht aus und er winkt mir zu. Ich verkneife mir ein Lächeln, denn ich will nicht zugeben, dass ich mich ebenfalls freue, ihn zu sehen.

So trafen wir uns ein paar Mal an den Sonntagen zum Klettern und Bouldern. Für mich wird der Sonntag mit der Zeit zu meinem Lieblingstag in der Woche und ich weiss auch genau, warum. Bald fingen wir auch an, uns in Bern zu verabreden. Dann spazierten wir entweder an der Aare oder wir holten uns Essen beim Inder und breiteten uns dann auf der Bundesterrasse aus. Mit seiner offenen Art brachte er Gesprächsthemen auf, auf die ich nie gekommen wäre und wir verbrachten manchmal Stunden, über eine Sache zu diskutieren. Dank ihm verbrachte ich auch viel mehr Zeit draussen, als mir lieb war bei der Hitze. Er erklärte mir viel über seine Phobie, über sein Innenarchitekturstudium und seine Familie. Wir mussten immer darauf achten, nicht in zu grossen Menschenmengen unterwegs zu sein. Ausserdem muss ich ihm sein Take-away- Essen vom Inder holen, da er den Raum nicht betreten kann. Ich erkannte, dass sein Leben so auch nicht gerade einfach war. Einmal bekam er eine Panikattacke, weil von hinten ein Pärchen an uns vorbeilief und Schatten warf.

Heute liegen wir im Marzili und lassen uns von der Sonne trocknen. Lustigerweise bevorzuge ich nach wie vor den Schatten, während er natürlich in der Sonne liegt. Ab und zu kichern ein paar Mädchen neben uns. Laut Danilo möchte die eine von ihnen mich gerne ansprechen. Aber das interessiert mich nicht wirklich. Danilos Haut glänzt vom Wasser in der Sonne, was unglaublich schön aussieht. Ich liege eine Weile mit dem Kopf auf meinen Oberarmen, bis mir etwas einfällt. „Weißt du eigentlich, woher du diese Phobie hast?“ Er öffnet die Augen und dreht sich auf seinem Badetuch zu mir rüber. „Ungewöhnlich, dass du mal so direkt etwas fragst.“ „Es könnte ja sein, dass ich mich für dich interessiere…“, gebe ich etwas beleidigt von mir. Danilo dreht sich wieder auf den Rücken und seufzt zufrieden ab der Sonne, die seine Haut wärmt. Dann beginnt er zu sprechen. „Meine Therapeutin meint, dass meine Eltern Schuld tragen.“ „Deine Eltern? Das tönt wie ein Klischee.“ Er lacht. „Das habe ich auch gesagt! Aber wahrscheinlich stimmt es. Bevor sie sich scheiden liessen, haben sie sich oft gestritten. Das haben sie oftmals in einem Raum neben dem Wohnzimmer gemacht. Dort war das Licht immer sehr schlecht. Ich fühlte mich dann oft alleine und setzte mich neben ihr „Streitzimmer“ hin und hörte zu. Das bisschen Licht im Zimmer projizierte grosse Schatten von ihnen, welche aus dem Zimmer hinausragten. Also hörte ich zu, wie sie sich stritten und gleichzeitig bewegten sich ihre Schatten dazu. Seither empfinde ich eine ungeheure Angst vor Schatten. Tja, Ende der Geschichte!“ So undramatisch er seine Geschichte auch erzählte, ich glaube nicht, dass es ihm so egal ist. In dem Moment fällt mir etwas ein. „Treffen wir uns morgen nochmals? Ich möchte dir etwas zeigen!“, erwidere ich begeistert. „Hängt es mit dem zusammen, was ich dir gerade erzählt habe?“ „Ja, aber ich möchte dich überraschen!“ Danilo schmunzelt ab meiner Begeisterung.

„Finn, sag mal, hast du eigentlich eine Freundin?“

Verwundert schaue ich zu ihm rüber und nehme einen Schluck von meiner Wasserflasche. Viel zu heiss hier. Dann antworte ich: „Nein… du?“ Es macht mich nervös, dass er eine Weile still ist. „Nein, ich habe keine und werde auch nie eine haben.“ „Also so hässlich bist du jetzt auch wieder nicht, Mann!“, nerve ich ihn. Nein, ganz und gar nicht, aber das könnte ich dir niemals sagen… „Haha, so meine ich das nicht, du Blödmann!“, lacht er lauthals los. „Ich meine, ich bin schwul!“ Vor lauter Lachen fängt er an zu weinen und ich muss bei seinem Anblick mitlachen. Wir rollen uns auf unseren Badetüchern hin und her und der Lachkrampf hört einfach nicht mehr auf. Bei mir kommen bald auch die Tränen. „Haha, dann sag das doch, wie soll ich das denn wissen?!“ Danilo versucht langsam ein und aus zu atmen und sich zu beruhigen. „Sorry, aber ich wollte deine Reaktion sehen.“ „Schon gut“, meine ich und der nächste Lachanfall kommt. Der Tag endet, wir verabschieden uns und tief in mir drinnen bin ich wahnsinnig erleichtert.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, treffen wir uns erst um 16 Uhr. Auch wenn ich mir dieses Mal sehr Mühe gegeben habe, pünktlich zu sein, ist er schon wieder vor mir beim Treffpunkt in Bern. Shira kommt mit auf unseren Trip. Wir begrüssen uns mit einem Handschlag und lächeln. Dann streichle ich Shira über den Kopf und niese wieder ein Mal heftig in meinen Ärmel. Danilo lacht. Während wir am Orell-Füessli-Bahnhof-Shop vorbeilaufen, wird mir bewusst, wie schön es ist, jemanden zu haben, bei dem man sich einfach wohl fühlt. Ich linse zu ihm rüber und denke daran, dass ich ihm auch etwas zurückgeben möchte. Vielleicht wird mir das heute sogar gelingen. Ein Mal kommt von hinten ein grosser Mann vorbei, welcher einen riesigen Schatten wirft auf Danilo. Sofort kauert er sich am Boden zusammen und ich versuche, ihn zu beruhigen. Mittlerweile habe ich mich an solche Situationen gewöhnt. Es zeigt nur, dass nicht jeder Mensch perfekt ist. Nach einer Weile kann ich ihn beruhigen und wir betreten ohne weitere Zwischenfälle unser Gleis.

„Also, wo gehen wir heute hin?“, fragt er mich, während wir im Schnellzug in einem Viererabteil Platz nehmen. Ich überhöre seine Frage und starre fasziniert seine verwuschelten schwarzen Haare an. „Hast du vorhin noch geschlafen, deine Haare sind völlig durcheinander?“, versuche ich möglichst nüchtern zu fragen. „Erstens weichst du der Frage aus“, antwortet er, „und zweitens, gefallen sie dir so?“ Auch wenn ich weiss, dass er mich nur neckt, brumme ich etwas Unverständliches und schaue beschämt gegen draussen. „Hahaha, tut mir leid, aber ich liebe einfach deine Reaktionen, wenn dir etwas peinlich ist.“ Danilo hebt sich die Hand vors Mund, um nicht laut loszulachen. Ich schaue ihn nur halb böse an und fange an zu erklären. „Warst du schon ein Mal auf dem Thunersee? Mein Grossvater hat dort ein kleines Motorboot, welches  wir benutzen könnten und wenn du Lust hast, könnten wir auch ein bisschen im See baden. Ich dachte nur, dass das vielleicht zu uns passen würde. Du magst keinen Schatten und ich mag nicht zu viel Sonne. Auf dem Thunersee hat es keinen Schatten und ich kann mir immer wieder Abkühlung verschaffen. Ausserdem möchte ich dir am Abend etwas zeigen.“ Ich warte seine Reaktion ab. „Wow, du hast dir echt viel Gedanken gemacht!“ „Findest du das gut?“ „Ziemlich gut.“ Wir verbringen die weitere Zeit im Zug mit Erzählungen aus unserer Familie. Warum ist es nur so einfach, mit ihm zu reden?

In Thun angekommen, kaufen wir uns als Allererstes ein Eis und machen uns mit einem Bus auf dem Weg zu dem etwas kleineren Hafen. Die Sonne scheint mal wieder unerträglich heiss und ich sehne mich schon nach dem kühlen Wasser. Als ich mich daran mache, das Boot aus dem Steg zu manövrieren, fällt mir etwas ein. „Hey Danilo, kann Shira eigentlich schwimmen?“ „Keine Angst, wenn jemand von uns es nicht schaffen könnte im Falle eines Schiffbruchs, dann wäre es sehr wahrscheinlich nicht er!“ „Haha, sehr lustig“, meine ich ironisch und fahre mit einem Ruck aus dem Mini-Hafen hinaus. Danilo fällt mir dem Hintern auf den Schiffsboden und wir müssen lachen. Nur Shira fängt an zu bellen. Wir fahren eine Weile, bis wir an der Stelle angekommen sind, welche mir gefällt. Es ist ein kleines Seeufer am Wald, welches etwas abgelegen ist. Trotzdem gibt es dort eine Bratstelle. Ich halte an, wir steigen aus und packen unser Zeug aus. Dann grinse ich. „Hi Dani, komm mal schnell, ich möchte dir etwas zeigen.“ Ich winke ihn zu mir. Langsam kommt er zu mir ans Seeufer. „Was ist?“ Ich packe ihn mit beiden Armen und ziehe ihn auf den Thunersee hinaus. Er prustet vor Lachen und versucht, kein Wasser zu schlucken. „Hey, was machst du, das Wasser ist saukalt!?“, flucht er ein bisschen, während ich ihn weiterhin gepackt halte. „Ich gebe dir eine Erfrischung,“ erwidere ich und tauche seine Kopf unter Wasser. Er taucht erschöpft auf und zeigt mir ein rachesüchtiges Lächeln. „Das wirst du definitiv bereuen!“, schreit er und wirft sich auf mich. Eine Weile blödeln wir im Wasser herum bis wir müde werden und Hunger bekommen. Während wir mit dem wenigen Holz, welches wir gefunden haben, versuchen, ein Feuer zu machen, wird es langsam dunkel. Danilo bleibt unentschlossen vor dem entstehenden Feuer stehen. Mittlerweile haben wir uns umgezogen. „Ich möchte ja nicht nervig klingen, aber ich denke, dass das Feuer für mich ein Problem sein könnte, wenn es dunkel wird.“ Er fährt sich etwas verzweifelt durch die Haare. „Meinst du wegen dem Schatten?“ Ich sitze auf einer Holzbank und puste ins Feuer, um ihm Sauerstoff zu geben. „Ja, deswegen meine ich.“ „Wollen wir es nicht versuchen?“, frage ich ihn und schaue ihm fest in die Augen. Er schaut zurück und versucht offenbar herauszufinden, wie ernst es mir ist. Eine Weile bleiben wir so. Dann setzt er sich neben mich. „Okay,“ sagt er leise, „ich werde mir Mühe geben.“ Ich bin irgendwie stolz auf ihn und gleichzeitig fühle ich mich geehrt, dass er dies bei mir zulässt. Mittlerweile trottet auch Shira zu uns hin und wärmt sich ein bisschen am Feuer. Ich fange an, ein paar Würste auf dem Grill zu platzieren, als ich merke, wie sein Blick nur noch auf unsere Schatten fixiert ist. Seine Augen weiten sich und er zittert am ganzen Körper. Für mich ist es immer noch etwas schwer zu verstehen, wie man eine solche Angst haben kann vor etwas so Harmlosem. Das Feuer flackert gemütlich und der Mond spiegelt sich auf dem See. Richtig kitschig. Jetzt wir mir bewusst, dass es immer er gewesen ist, der mich aufgefordert hat, aus mir herauszukommen. Und das, obwohl ich ihm schon so viele Male geholfen habe. Dieses Mal ist es meine Pflicht, ihm zu helfen, beschliesse ich und rücke näher zu ihm. Dann lege meinen linken Arm um seine Schulter und mit der anderen Hand löse ich seine Hände, welche er fest aneinander presst. Sein Kopf dreht sich zu mir und im Schein des Lichts erkenne ich jedes Detail seines Gesichtes. Seine grossen, runden, schokoladenbraunen Augen. Die vollen schwarzen Augenbrauen, welche mich so oft spöttisch aufgezogen haben. Sein feines, längliches Gesicht mit seiner runden Nase und seinen perfekt definierten Lippen. Und zum Schluss seine kurzen, schwarzen, wuscheligen Haare. Er starrt mich an, bis er bemerkt, dass ich ihn mustere. Ich werde rot und drehe meinen Kopf weg. „Nein, schau mich an,“ sagt er und ich bewege widerwillig meinen Kopf zurück. „Darf ich mir mehr erhoffen, Finn? Oder habe ich alles nur falsch interpretiert?“ Er schaut mich hartnäckig an und ich bemerke, dass er sich gar nicht mehr auf die Schatten konzentriert. Ich hole einmal tief Luft und antworte ihm. „Nein…, du hast es nicht falsch interpretiert.“ Ein kleines Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.

Plötzlich, genau in diesem Moment, fängt Shira an zu bellen und wir schauen erschrocken auf den See. Es ist jedoch nur eine Entenfamilie, welche Shiras Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Ich atme erleichtert auf und schaue zu Danilo. Dieser hat sich mittlerweile wieder zusammengekrümmt und es wirkt, als bekäme er kaum Luft. „Hey, geht es dir gut? Wenn es gar nicht geht, dann sag es!“ „Nein,“ stöhnt  er, „ich möchte es schaffen und ausserdem ist unser Gespräch noch nicht vorbei.“ Er gibt ein klägliches Grinsen von sich. Typisch. Ich knie mich zu ihm hin und nehme sein Gesicht in meine Hände. Er bemerkt, was ich vorhabe und lockert sich ein wenig. Dann kommen unsere Gesichter sich näher und für eine Sekunde sind es nur wir noch wir zwei an diesem Ort, in dieser Welt. Mir ist es egal, denke  ich, ob schwul, bi, hetero oder was auch immer. Dann küsse ich ihn. Er küsst mich mit voller Kraft zurück, versucht seine ganze Angst nur auf diesen Kuss zu verlagern. Ich fahre ihm durch seine Haare, etwas, was ich schon so lange machen wollte. Er fährt mit seinen Händen über meinen Hals bis zu meinen Oberkörper. Obwohl ich derjenige bin, welcher den Kuss startete, hat er definitiv mehr Erfahrung. Zwischendurch müssen wir lachen, weil wir selber nicht mehr begreifen, warum dies so lange gedauert hatte. Es ist, als ob meine ganze Angespanntheit von mir abfällt, weil es jetzt endlich Sinn ergibt. Nach einer Weile flüstere ich: „Hast du jetzt noch Angst?“ Er schaut hinüber zu den Schatten von uns beiden und wirkt verblüfft. „Nein, habe ich nicht.“

Etwas später fahren wir wieder zurück, nachdem wir noch nach Shira suchen mussten, welche sich inzwischen mit ein paar Fröschen beschäftigt hatte. Im Zug nach Hause lehne ich mich an seine Schulter und schlafe beinahe ein. Ich bemerke noch, wie er heimlich ein paar Fotos schiesst von uns. Verschlafen murmle ich: „Lass das!“ „Warum? Ich darf doch wohl ein paar Fotos von meinem neuen Freund auf meinem Handy haben?“ „Hmm,“ sage ich nur, weil nicht wirklich weiss, was ich darauf antworten soll. Am Bahnhof verabschieden wir uns und er umarmt mich lange. „Hey, die Leute fangen noch an zu starren.“ „Sollen sie doch,“ erwidert er und lässt mich noch nicht los. Ich bin zufrieden. Danach trennen wir uns und treffen uns fortan noch viel öfters als nur am Sonntag zum Klettern. Seit dem Ereignis erzählt mir Danilo von Fortschritten in seiner Therapie und wie er es schafft, die schlechten Gedanken beim Anblick von Schatten in Gute umzuwandeln. Ich freue mich für ihn. Mittlerweile fällt es mir auch leichter, ehrlicher zu sein und ich habe mich ein wenig von meiner Freundesgruppe distanziert, mit welcher ich doch eh nie viel anfangen konnte. Ich werde mir Mühe geben, mich den richtigen Menschen etwas mehr zu öffnen. Denn ich werde nicht immer das Glück haben, auf Menschen wie Danilo zu treffen, welche es schaffen, die Mauer um mich herum einzureissen. Da muss ich mir schon selber etwas zusammenreissen. Gestern Abend habe ich meiner Mutter eine Packung Bio-Süss-Salzig-Mini-Gürkchen auf den Wohnzimmertisch gelegt. Sie hat sich enorm darüber gefreut. Eventuell schaffe ich es ja auch, sie etwas mehr zu unterstützen. Erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie wenig ich für sie da gewesen bin nach dem Tod meines Vaters. All diese Dinge hängen mit einer Person zusammen, welche mich jeden Tag ein Stück glücklicher macht, auch wenn ich ihr das noch nicht so gerne zeige. 

Ich lächle, als ich sehe, wie er mir von weitem zuwinkt. Eine sehr einfache Geste, die mir aber zeigt, was ich ihm bedeute.

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Kommentare (2)

Eine schön aufgebaute Geschichte mit toller Charakterentwicklung!

Caroline Lengyel

13. November 2020

Sehr gute Erzählt! Ich finde es toll wie du die beiden Charakter, die doch so unterschiedlich sind zu einander führen lässt und wie Danilo mit seiner Angst umgeht!

ins

05. November 2020

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