"Hauptsache du lebst" - eine Geschichte von Alamea Müller - Young Circle

«Hauptsache du lebst» – eine Geschichte von Alamea Müller

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«Hauptsache du lebst» – eine Geschichte von Alamea Müller

Rauch drang mir in die Lunge und ich hustete kräftig. Ich stolperte weiter und wich bestmöglich den Flammen aus, die hungrig über den Boden züngelten.
Ab und zu musste ich zur Seite springen, um herabfallendem Geröll auszuweichen.
Und dann endlich entdeckte ich sie.

Ich sass zu Hause auf meinem Bett und las.
Das tat ich meistens, da ich beim Lesen noch nie einen Asthmaanfall erlitten hatte, aber trotzdem etwas erleben konnte. Ich hatte Asthma seit ich klein war und musste daher ständig meinen Inhalator mit mir rumschleppen und hustete bei jeder noch so kleinen körperlichen Anstrengung wie ein Ross. Beim Lesen hustete ich fast nie.
Mit einem leisen lächeln auf den Lippen dachte ich an Amelie und fragte mich wie es ihr und Anissa wohl gerade ging. Amelie und Anissa waren Freundinnen. Jedoch nicht so gute wie Amelie und ICH. Wir kannten uns seit wir klein waren und Amelie hatte mir auch schon mehrmals meinen Inhalator geholt, wenn ich ihn wieder einmal vergessen hatte. Wir waren beste Freundinnen. 
Amelie und Anissa hatten sich heute zum Übernachten in der Bibliothek verabredet. Natürlich heimlich. Ich wollte zuerst auch mitgehen musste dann aber absagen da es in der Bibliothek einfach zu viel Staub hatte.                                                                                                                                                     Blödes Asthma!
Trotzdem hoffte ich, dass sie nicht erwischt wurden, Amelie hatte sich ja so darauf gefreut. Ich las weiter und versank völlig in der Geschichte während es draussen langsam eindunkelte.

Ein ohrenbetäubender Knall der das ganze Haus erzittern liess, riss mich aus dem Buch und ich kippte beinahe aus meinem Bett. Ich blickte kurz auf mein Handy. Amelie hatte mir nicht geschrieben, also hatte sie niemand bemerkt. Glück gehabt!
Schnell eilte ich in die Küche zu meiner Mutter. Diese starrte bereits aus dem Fenster und schüttelte entsetzt den Kopf.  Aus der Richtung in der unser Schulhaus lag, nur etwa zwei Minuten Fussmarsch von mir zu Hause entfernt, ragte eine riesige graue Rauchwolke in den Himmel. Mir wurde eiskalt.
«Du meine Güte! Ich glaube da hat gerade jemand das Schulhaus gesprengt», flüsterte meine Mutter entsetzt und riss mich aus meiner Starre. Ohne darüber nachzudenken rannte ich zur Tür und riss diese schwungvoll auf.
«Wo willst du denn hin?», rief mir meine Mutter noch hinterher, doch ich war bereits zur Tür heraus und stolperte die Treppen runter. Unten angekommen stürzte ich hinaus und rast in Richtung Schule.                Amelie darf nichts passiert sein, Amelie darf nichts passiert sein. Meine Gedanken kreisten nur um diesen einen Satz, während ich mich an Leuten vorbeizwängte und vor hupenden Autos durchsprintete. Ich sah schon von weitem das meine Mutter recht gehabt hatte. Jemand hatte das Schulhaus gesprengt.
Es hatte sich bereits eine kleine Traube Schaulustige gebildet und in der Ferne hörte ich die Sirenen. Ich zwängte mich ohne etwas zu sagen an den Leuten vorbei und stürzte mich in das halb eingefallene und in Flammen stehende Gebäude. Im Hintergrund hörte ich die Leute schreien, doch ich achtete nicht darauf. Ich rannte durch die Gänge und hüpfte immer wieder schnell zur Seite, wenn wieder ein Teil der Decke einstürzte.
Ich hustete kräftig und hielt mir das T-Shirt vors Gesicht, um nicht ganz so viel Rauch einzuatmen. Schweiss rann mir über die Stirn, während die Flammen immer höherschlugen. Ich sah mich kurz um und rannte dann weiter, auf der Suche nach der Bibliothek. Fluchend erreichte ich das Zentrum der Zerstörung. Ich machte einen grossen Bogen darum herum, was mich jedoch einiges an Zeit kostete.    Ich musste über einige Trümmer und ein bisschen Geröll klettern, doch schliesslich stand ich vor der Bibliothek. Die Türe hatte es aus den Angeln gesprengt und so hatte ich freie Sicht in den Raum hinein. Die Regale waren umgefallen und mehrere Bücher hatten bereits Feuer gefangen.
Schnell suchte ich den Raum ab und entdeckte schliesslich eine Gestalt die seltsam verdreht am Boden lag. Trotz des Feuers wurde mir noch kälter als zuvor, bei uns zu Hause in der Küche. Schnell huschte schnell zu der Gestalt hin. Es war Anissa. Ich drehte ihren kalten Oberkörper zu mir.                         Ich musste ihren Puls nicht befühlen um zu erkennen, dass sie tot war. Ihre Augen starrten leer und ausdruckslos an die Decke, während ich erneut hustete und mir Tränen die Sicht verschleierten.
Ein klumpen der Angst bildete sich in meinem Magen und drohte mich zu ersticken. Ich kriegte kaum noch Luft. Vor allem wegen des Asthmas, aber auch wegen des Rauchs der sich giftig durch meine Lunge frass. Ich drehte mich um und mein Blick viel auf eine zusammengekauerte Person die am anderen Ende des Raumes lag. Die Flammen leckten bereits an den Büchern neben dem kleinen, dunklen Häufchen, das ich erblickt hatte.
Schnell hastete ich zu Amelie und warf mich neben ihr auf die Knie. Geröll und Steinchen schnitten mir in die Knie, doch ich nahm es kaum wahr. Ich drehte Amelie vorsichtig zu mir, ihre Augen waren geschlossen. Ich suchte ihren Puls… und fand ihn!                                                                                           Erleichtert atmete ich auf, versteifte mich jedoch sogleich wieder. Ihr Puls war kaum noch zu spüren und sie atmete nicht. Obwohl ich selbst kaum genug Luft bekam und immer wieder vom Husten geschüttelt wurde zerrte ich sie möglichst behutsam weg von den Flammen und holte tief Luft.
Ich beugte mich über sie, hielt ihr die Nase zu und blies ihr zweimal kräftig in den Mund. Hustend drückte ich ihr auf die Brust und hoffte, dass meine Mund zu Mund Beatmung und Herzmassage nicht ganz umsonst war. Still zählte ich bis dreissig und wiederholte das ganze immer und immer wieder während ich immer stärker hustete und selber kaum noch genug Luft bekam.
Zwischendurch checkte ich immer wieder ihren Puls um erleichtert festzustellen, dass er noch immer vorhanden war.
Gerade als ich aufgeben wollte hustete Amelie schwach und als ich ihren Puls erneut befühlte stellte ich freudig fest das ihr Puls schon beinahe wieder normal war. Ich redete ihr ermunternd zu und ihr Blick irrte glasig umher, während er bei mir kurz hängen blieb. Schliesslich fielen ihr die Augen wieder zu. Panisch redete ich weiter auf sie ein und tätschelte ihr das Gesicht um sie wach zu halten.
Ich hustete und begann laut um Hilfe zu schreien, während ich entsetzt feststellte, dass das Feuer und schon beinahe erreicht hatte.
Ich zerrte Amelie weiter weg, sank jedoch gleich darauf erschöpft und nach Luft ringend in mich zusammen. Schwach rief ich nochmals nach Hilfe, was jedoch in einem schmerzendem Hustanfall endete. Verzweifelt rang ich nach Atem. Ich massierte weiter ihr Herz und ab und zu blies ich ihr noch ein wenig meines pfeifenden Atems in den Mund. Ich war müde und fühlte mich schwach, aber ich zwang mich weiter zu machen. Meine Umgebung verschwamm langsam zu einem Schleier, als mehrere Leute in den Raum gestürzt kamen. Kräftige Arme hoben mich vorsichtig hoch und lösten einen erneuten Hustanfall bei mir aus. Ich bemerkte wie ich langsam aus dem Raum getragen wurde und zappelte kraftlos in den Armen des Mannes.
«Amelie. Amelie ist noch da drinnen. Amelie», krächzte ich schwach. Immer und immer wieder. Der Mann sprach beruhigend auf mich ein, doch ich verstand ihn nicht. Ich konnte nur immer wieder Amelies Namen flüstern und war völlig unfähig das Gesagte zu verarbeiten.

Der Mann hatte mich nach draussen getragen und dort auf eine Trage gelegt. Sofort war ein hochgewachsener Mann herbeigeilt der sich als Doktor Huber vorgestellt hatte. Er hatte gefragt ob es mir gut ginge und ich hatte mit einem verzweifelten Ruf nach Amelie und ersticktem Husten geantwortet. Erst als Amelie etwa zwei Minuten später ebenfalls aus dem mittlerweile lichterloh brennenden Schulhaus trugen beruhigte ich mich ein bisschen. Sie schnallten sie auf eine Trage und brausten blitzartig, mit lauten Sirenen und viel Blaulicht davon. Ich erkundigte mich bei dem Doktor hysterisch danach wo sie sie jetzt hinbrächten und entspannte mich erst als er mir erklärte, dass sie auf direktem Wege ins Spital gebracht werde und er mir versprach, sofort Bescheid zu geben, wenn es Neuigkeiten gäbe. Als ich vor lauter husten fast zusammenbrach und sich meine Lunge anfühlte als würde sie gleich platzen, fragte der Arzt sofort was ich bräuchte und ich keuchte erstickt: «Asthma». Sofort holte er mir einen Inhalator und sah angespannt zu wie ich gierig meine Lungen mit dem Medikament füllte. Als ich wieder einigermassen normal atmen konnte legte ich den Inhalator beiseite und der Arzt sah mich ernst an. «Hast du noch Schmerzen oder brauchst du noch etwas?», fragte er mich. Ich schüttelte den Kopf und log: «Nein, mir geht es gut.» Ich verschwieg ihm das stechen und brennen in meiner Lunge, wo sich noch immer der giftige Rauch hindurch frass.
«Sag mal woher wusstest du eigentlich wie man jemanden beatmet?», fragte er kurz darauf und ich sah ehrliches Interesse in seinen Augen funkeln, also flüsterte ich leise zurück: «Ich wusste es nicht», und nach einer kurzen Pause fuhr ich fort, «aber ich musste es schaffen.»

Ich spürte wie mir die Tränen in die Augen stiegen und ich schneller zu atmen begann. «Ihr scheint ziemlich gute Freundinnen zu sein, wenn du dich sogar in Lebensgefahr bringst um sie zu retten», schlussfolgerte er und drückte mir tröstend die Schulter. Ich nickte nur. «Wie heisst du?», fragte er mich jetzt und ich hörte den Arzt durchdringen. «Alexa», antwortete ich schlicht. «Gut Alexa», fuhr er fort. Jetzt war er auf Informationssuche, das hörte ich deutlich an seiner Stimme. «Was hat deine Freundin überhaupt noch in der Schule gemacht…», er atmete tief ein und schielte vorsichtig zu mir, bevor er fortfuhr, «und wer war das andere Mädchen, dessen Leiche die Feuerwehrmänner in den Trümmern gefunden haben?» Ich schluckte schwer und erzählte dann mit monotoner Stimme wie die zwei sich zum übernachten in der Bibliothek verabredet hatten und wie ich zu Hause geblieben war, wegen meines Asthmas und dem ganzen Staub in der Bibliothek. Ich erzählte wie ich die Explosion gehört hatte und dann schnellstens in die Schule gerannt war, da Amelie ja noch dort war und ich die Einzige war die davon wusste. Ich erzählte weiter wie ich die beiden zwischen den Trümmern gefunden hatte, wie ich Amelie beatmet hatte und wie uns die Feuerwehrmänner schliesslich gefunden hatten. Der Arzt hörte mir aufmerksam zu und forderte mich am Ende auf mit ihm mitzukommen. Er führte mich zu einem der Ambulanzwägen und ich stieg neben ihm ein.
«Lass uns mal nach deiner Freundin sehen und ausserdem möchte ich dich trotzdem noch untersuchen lassen», erklärte er mir als wir losfuhren. Ich schwieg.

Als wir etwa zehn Minuten später im Krankenhaus ankamen eilte ich ungeduldig voran und Dr. Huber musste mich mehrmals zurückrufen da in vor lauter Eifer in die falsche Richtung gelaufen war. Als wir endlich ankamen schluchzte ich laut auf und warf mich auf Amelie, die bereits wieder aufgewacht war und gerade hustend zu lachen begann und schliesslich ebenfalls zu weinen.
«Du hast mir das Leben gerettet!», schluchzte sie immer wieder und viel mir stürmisch in die Arme. Als sie sich wieder einigermassen beruhigt hatte begann sie noch immer weinend zu schimpfen: «Du hättest sterben können! Was hast du dir nur dabei gedacht! Und dann auch noch du mit deinem Asthma!» Sie zeterte noch eine Weile weiter und flüsterte schliesslich: «Danke.»
«Hauptsache du lebst», flüsterte ich zurück und liess die Mauern, die ich die letzte geschätzte Stunde aufgebaut hatte, in sich zusammenbrechen.  Ich kämpfte nicht mehr gegen den Rauch und den Schmerz in meiner Lunge an. Ich liess mich einfach fallen. Ich begann zu husten und keuchen während sich der Rauch, der mir schon die ganze Zeit das Atmen erschwert hatte, ungehindert durch meine Lunge frass. Ich brach mitten in Amelies Armen zusammen, die panisch zu schreien begonnen hatte.                                                                                                                                                               «Hauptsache du lebst», wiederholte ich flüsternd…
…und dann blieb mein Herz stehen.

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