"Nur noch Erinnerung" - eine Geschichte von Marina Fellner - Young Circle

„Nur noch Erinnerung“ – eine Geschichte von Marina Fellner

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„Nur noch Erinnerung“ – eine Geschichte von Marina Fellner

Ich nehme meine Schutzmaske ab und trete in das grosse Haus, welches sich Schule nennt. Ich laufe monotone, hellblau-angestrichene Gänge entlang, bis ich zum gesuchten Raum komme. Nun stehe ich vor dem Zimmer der 5. Klasse der Thunberg-Gesamtschule.

Oder sollte ich eher sagen, eine der 20 Unterrichtsräume für zehn- bis elfjährige Kinder von Eltern, die ihr Geld damit verdienen, reich zu sein. Ohne zu klopfen trete ich ein. Ein ganz normales Klassenzimmer. Sehr durchschnittlich für das Jahr 2036. Weisse Tische, weisse Wände, weisse Stühle, weisses Alles. Jedes der Kinder hat einen quadratischen Tisch für sich alleine. Darauf steht jeweils ein Computer und einer der Mini-3D-Drucker. Ich bin informiert, dass die Kinder gerade Kunstunterricht haben. Oder das denken sie jedenfalls; Früher hatte Kunst mit Zeichnen zu tun, heute ist alles Technik. Die Kinder lernen Sachen, man könnte meinen, jeder von ihnen muss den nächsten Supercomputer bauen. Aber ich bin nicht hier fürs Meckern, sondern für Unterricht.

«Ich soll den Kindern vom Meer erzählen?», fragend blicke ich den Lehrer an. Gottchen so wie der aussieht, braucht er dringend mal Ferien! Mit gespielter Überraschung antwortete er mir: «Natürlich, sie können gleich anfangen!» Er weist mit beiden Händen auf ein freies Stück Raum neben ihm. Ich laufe zielstrebig auf den vorgesehenen Ort hin und mustere die Kinder. Alle starren mich an. Einige mit müden Augen, andere wie neu erwacht. Innerlich lächle ich. Nur eines hat sich also in der ganzen Zeit nicht geändert: die Kinder. Vorbereitet für meinen Vortrag fange ich an: «Also, ich bin heute hier, um euch vom Meer zu erzählen. Ich denke, ihr habt schon mal davon gehört, richtig?» Einige nicken zögerlich, andere bewegen ihren Kopf so heftig auf und ab, als wollten sie testen, ob er festsitzt. «Nun gut. Früher, als ich noch jung war, fuhren wir jeden Sommer ans Meer. Ich lernte in der Schule, dass der grösste Teil unseres Planeten mit den salzigen Gewässern bedeckt ist. Es wurde uns gesagt, dass, wenn man aus einer Raumkapsel unseren Planeten betrachte, er vollkommen blau aussähe. Aber warum rede ich immer davon, wie es war? Ganz einfach: Ich möchte euch klarmachen, wie schön es war, um euch danach zu erzählen, was alles im Verlauf der letzten Jahrzehnte passiert ist. Ich habe einen Text vorbereitet.»

Mühsam ziehe ich das Stück Papier aus meiner Hosentasche. Ich horte es kiloweise zuhause, weil ich Panik habe, dass es bald nicht mehr erhältlich ist.

«Vor vielen Jahren habe ich den Text damals noch als Kind verfasst», fahre ich fort. «Stellt euch vor wie glücklich ich damals war und wie sehr ich das Meer mochte.» Ich räuspere mich kurz. «Der schwarze Van fuhr um die Kurve und zum ersten Mal seit langem sah ich das Meer.» Meine Stimme ist belegter als vorhin, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich meine Kindheitserinnerungen vorlese. «Es schimmerte in allen Farben. An der Stelle, wo sich Wasser und Himmel trafen, verschmolzen die Farbtöne in ein unergründliches Nichts. Heute war das Meer sehr ruhig und nur auf wenigen Wellen kräuselte sich die Gischt. Der weisse Schaum sah aus wie ein Krönchen; ein Preis, der verliehen wurde für das unermüdliche Aufbäumen des Wassers. Das Rauschen des Meeres beruhigte mich und ich spürte die feuchte und salzhaltige Luft auf meinen Oberarmen. Schnell rannte ich durch den Sand auf das Wasser zu und zog mir rennend noch das Kleid vom Leib. Der Sand brannte unter meinen Füssen. Ich sprang noch grössere Sprünge. Plötzlich wird es kalt unter mir und kühle Tropfen prickeln mir auf der Haut. Das stetige Kommen und Gehen des Meeres erfasste meinen Körper sofort. Ich fühlte mich geborgen wie in der Umarmung meiner Mutter. Ich tauchte unter. Zuerst brannte mir das Salz in den Augen, doch dann gewöhnten sie sich daran und ich sah unendliche Weiten von weissen, kleinen, gleichmässigen Sandbergen. Um mich herum glitten Fische. Bei jeder Bewegung, die ich machte, zuckten sie leicht zurück. Ich tauchte wieder auf. Die Wellen kamen und gingen. Sie beruhigten mich und schlussendlich wusste ich: Ich wollte hier nie mehr raus, aus dem Meer. Sie ist eine gute Freundin von mir.»

Im Raum ist es ganz still. Sogar die Kinder verstehen, dass dieser Text nicht einfach nur eine schöne Beschreibung ist.

«Wisst ihr, das waren nicht einmal alle Seiten des Ozeans. Er wurde zum Beispiel auch für Sport genutzt. Leute machten regelrechte Segelwettkämpfe! Oder zum Beispiel, der Fisch der darin lebte. Einst war er eine Delikatesse! Oder die Delfine, die Korallen, die Haie, die Anemonen, das Plankton! Einst war es bunt und fröhlich Unterwasser.  Alles hing irgendwie zusammen, alles half sich irgendwie. So war es zu der Zeit, als ich noch etwa fünf war.  Dann langsam fing es an: Es gab immer mehr Proteste, dass das Klima geschützt werden solle und dass der Plastik der Umwelt schade. Immer mehr Menschen versuchten, ökologischer zu leben und zum Beispiel biologische Produkte einzukaufen oder weniger Plastik wegzuwerfen. Doch wenig hat wirklich geholfen. Es hätte anfangs 20er-Jahre eine scharfe Kurve geben sollen. Eine radikale Wendung. Doch wir haben sie verpasst. Im Jahre 2025 konnte nichts und niemand mehr die Veränderungen stoppen. Plastik war der feste Bestandteil unseres Lebens. Die Gletscher schmolzen in einem angsteinflössenden Tempo und der Meeresspiegel stieg unerwartet auf mehr als einen Meter an. Das Plastik im Meer ging nicht zurück. Es hatten sich riesige Inseln an Plastikmüll im Meer gebildet. Fische und andere Meeresbewohner frassen den Müll, da sie ihn vermeintlich für Futter hielten. Der grösste Teil der Wale strandete an diesen Ursachen. Aber nicht nur sie – alle! Manchmal kam es vor, dass riesige Fischschwärme tot ans Meer angespült wurden. Durch Nachforschung fand man heraus, dass die Fische Mikroplastik gefressen hatten und deshalb gestorben sind. Vermehrt kam es auch dazu, dass Öltanker oder -bohrinseln riesige Flächen an Meer verschmutzten. Korallen waren bald vollkommen tot. Mit ihnen auch die zahlreichen, kleinen und bunten Fische, die auf sie angewiesen waren, da sie zum Beispiel ihren Nachwuchs darin grosszogen. Es wurde immer schlimmer. Nichts konnte die Veränderungen noch aufhalten. Heute im Jahr 2036 gibt es nur noch fünf Delfine, zwanzig Fischschwärme und einen einsamen, weissen Hai, die in grossen Aquarien gehalten werden. Wisst ihr was das bedeutet? Die Haie sind Geschichte und bald geht es den Delfinen auch an den Kragen. Ums Meer ist es geschehen. Die Zeiten des endlosen Salzwassers sind vorbei. Es ist nun nicht mehr das Wasser, das unseren Planeten umarmt, jetzt wird es verschluckt vom Plastik. Das wäre alles.»

Ich blicke zum Lehrer, der krampfhaft versucht seine Tränen zurückzuhalten und dabei eine schiefe Grimasse zieht. Ich nicke in Richtung Schüler und verlasse ohne ein Wort den Raum.

Ich muss hier raus. Irgendwo hin, wo ruhe ist. Ich muss nachdenken. Dringend. Schliesslich finde ich eine Bank hinter dem Schulhaus. Ich schliesse die Augen. In mir bebt alles. Es wäre so einfach gewesen! Einfach ein paarmal auf etwas verzichten. Wir hätten es geschafft, ganz knapp den Kollaps zu verhindern. Für heute und morgen. Für alle.  Es war so offensichtlich, was hätte es denn noch gebraucht? Vielleicht eine Backpfeife? Was du heute schon verschwendest, kannst du morgen nicht mehr brauchen! Wer wollte, dass es so kam? Hätte man es ändern können?

Heute ist das Meer nur noch Erinnerung.

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