"Das Leben" - eine Geschichte von Hannah Schmitt - Young Circle

„Das Leben“ – eine Geschichte von Hannah Schmitt

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„Das Leben“ – eine Geschichte von Hannah Schmitt

Vertrauen kann man sich bildlich vorstellen, indem man einfach an ein Messer denkt. Eines mit einer scharfen, gezackten Klinge und einem hölzernen Griff.

Eines, das gut in der Hand liegt und mit dem man gerne schneidet. Dieses Messer gibt man einer Person in die Hand, der man vertraut, und entweder sticht sie mit diesem Messer jeden nieder, der dir zu nahekommt. Oder die Person fällt dir mit dem Messer in den Rücken.

Wie auf Befehl fängt mein Rücken im unteren Bereich der Wirbelsäule an zu stechen. Es ist so unangenehm, dass ich mich am liebsten sofort umdrehen möchte, um dem Schmerz aus dem Weg zu gehen. Doch man kann sich nicht so einfach bewegen, wenn man in der Narkose liegt und eigentlich vollgedröhnt von Schmerzmitteln sein sollte. Eigentlich. Ganz offensichtlich muss den zuständigen Ärzten bei der Dosierung ein Fehler unterlaufen sein. Zwar sind meine Augen geschlossen und doch habe ich das Gefühl, jede Regung und jedes Wort der Ärzte hören zu können. Nicht als verständliche Worte, eher als leises Summen oder Brummen in meinem Hinterkopf. Ich habe – oder besser gesagt, ich sollte – grosses Vertrauen in diese Ärzte haben, denn von ihnen hängt es ab, wie meine Zukunft aussehen wird. Ob ich eine Zukunft haben werde.

Das Vertrauen,

das ich in sie habe, dass sie den Eingriff richtig durchführen werden, doch wenn ich mir überlege, dass ich trotz der Narkose so klare Gedanken fassen kann, schrumpft dieses Vertrauen auf die Grösse einer Baumnuss zusammen. Zwar noch immer vorhanden, aber nicht besonders gross. Ich verlasse mich jetzt einfach mal darauf, dass alles gut gehen wird und ich nach diesem Eingriff ein normales Leben führen kann. Ein Leben mit Freunden, dem Besuch einer Schule, mit rauschenden Partys und dem Gefühl, die Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren.
Fast mein ganzes Leben habe ich in diesem Krankenhaus verbracht. Bis die Nachricht kam, dass sie endlich den erhofften Spender gefunden haben.

Die Hoffnung,

dass mein Körper den Spender akzeptieren wird, darauf, ein normales Leben führen zu können, endlich. Nach all diesen Jahren des Schmerzes und der Trauer. Nach all den vergossenen Tränen und verlorenen Hoffnungen. Nach dem Krankenhaus-Alltag endlich den Alltag kennenzulernen, den ich nur aus Büchern oder Filmen kenne. Partys, Schule, Jugendlieben.

Die Liebe,

ist rätselhaft und doch so schön. Ich hatte erst einmal einen Freund. Und selbst bei dem bin ich mir nicht so ganz sicher, ob ich ihn wirklich als meinen Freund bezeichnen kann. Ex-Freund, wenn schon. Wir kannten uns seit frühester Kindheit. Wir hatten beide die gleiche Krankheit und sind in diesem Spital zusammen aufgewachsen, ausgeschlossen von der realen Welt und gefangen in unserer Krankenhaus-Welt. Noch heute sehe ich ihn, wie er sich auf der anderen Seite des Korridors lachend an der Türe festhält. Wie er den schrecklich schmeckenden Schokopudding aus dem braunen Plastikbecher schlürft oder wie er sich einen Spass daraus macht, die Krankenschwester zu ärgern. Doch er hatte noch mehr Glück als ich.

Das Glück,

das er hatte. Bereits vor Jahren wurde für ihn der richtigen Spender gefunden, im Gegensatz zu mir. Ohne ihn ist das Krankenhaus noch trostloser. Die Wände wirken noch kahler, das Essen schmeckt noch mehr nach Karton und die Luft ist noch stickiger. Die Korridore, durch die sein Lachen jeweils hallte, sind totenstill. Sein Zimmer ist neu belegt. Das einzige, was von seiner Anwesenheit zeugt, sind Bilder, die wir als Kinder gemalt haben, anschliessend den Pflegern geschenkt haben und die nun vorne am Empfang am Tresen hängen.

Die Sehnsucht,

nach dem Vergangenen. Die Sehnsucht nach einem Leben. Die Sehnsucht nach Freunden. Die Sehnsucht nach ihm. Nach seiner Entlassung hat er mich nicht ein einziges Mal besucht, obwohl er es versprochen hatte.

Die Enttäuschungen,

auch die sind ein Teil vom Leben, wenn auch ein unschöner. All die Enttäuschungen nach den grossen Hoffnungen, dass endlich der passende Spender gefunden sein könnte. Und doch schmerzt es jedes Mal aufs Neue. Und doch kann ich es irgendwie nachvollziehen, dass er mich nie besucht hat. Mehr als nur nachvollziehen. Ich kann es verstehen.

Das Vergangene,

das will man einfach hinter sich lassen. All die unguten Gefühle vergessen. Nach vorne schauen. Der Zukunft mit offenen Armen entgegenspringen. Sich auf das Neue freuen, auf das, was alles noch sein wird.

Die Zukunft,

die wird ein Fest. Ich weiss es und ich kann es kaum erwarten, endlich Rasen unter meinen Füssen zu spüren. Und Sand, während die Sonne auf meinen Kopf scheint und meine Zunge an einem Eis schleckt. Und auf das Gefühl, wenn Schneeflocken auf der Zunge landen und sich schleichend von fest in flüssig verwandeln. Auf das Gefühl, den Wind in meinen Haaren zu spüren und das Wasser an meinen Waden. Auf die anderen Menschen, da draussen in der Welt.

Die Freundschaften,

die ich schliessen werde. Freunde, die nicht im Krankenhaus leben und sterbenskrank sind. Freunde, die gesund sind und vor Lebenskraft strotzen. Freunden, denen man alles erzählt, mit denen man lachen und weinen kann. Richtige Freundschaften, mit denen man durch dick und dünn geht. Mit denen man sich streitet und wieder verträgt. Denen man vertraut und die einem vertrauen.

Das Vertrauen,

das man seinen Freunden entgegenbringt. Freunden, denen man ein Messer in die Hand gibt, denen man vertraut, dass sie mich damit beschützen und mir hoffentlich nicht in den Rücken fallen werden. Vertrauen braucht Mut. Mehr Mut, als es ein Fallschirmsprung braucht. Mehr Mut, als es ein Sprung vom Fünfmeter braucht. Mehr Mut als alles andere in der Welt.

Der Mut,

ist ein Vertrauensbeweis. Mut macht uns zu den Menschen, die wir sind. Mut zeigt, wer wir sind. Mut lässt uns Dinge tun, vor denen wir uns fürchten, vor denen wir Angst haben.

Die Angst,

ist ein ständiger Begleiter im Leben, ganz besonders im Krankenhaus. Angst davor, was es Widerliches zum Mittagessen geben könnte. Die Angst vor Spritzen. Die Angst vor Enttäuschungen. Die Angst vor dem eigenen Tod. Oder noch schlimmer, die Angst vor dem Tod eines geliebten Menschen.

Die Trauer,

über das Vergangene, über die Verlorenen, über das Verpasste, über das Geschehene. Die Trauer, auch sie ist ein Teil vom Leben.

Von etwas, was ich nach dieser Operation haben werde. Ein Leben. Ein Leben mit Vertrauen, Sehnsucht, Hoffnung, Liebe, Glück, Mut, Vergangenem und Zukünftigem. Aber auch mit Freundschaften, Mut und Trauer. Das ist das Leben. Es besteht nicht immer nur aus Spass und Party, Lachen und Sonnenschein. Es besteht auch aus Regentagen, Trauer und Tränen. Aber das ist okay, solange die Sonnentage die Regentage überwiegen und die Freude die Trauer übertrumpft.

Man kann nicht immer nur glücklich sein, man darf auch mal traurig sein. Mal wütend sein oder verärgert. Das alles gehört zum Leben dazu.

Das Leben, das mir hoffentlich mit dieser Operation geschenkt wird.

Das Leben, wie ich es mir wünsche.

Das Leben, das ich nur aus Büchern kenne.

Das Leben in der realen Welt und nicht in dieser Krankenhaus-Welt.

Das Leben ohne Schmerzen.

Das Leben ist nicht fair, doch ich hätte gerne eines, das an ein «normales» herankommt.

Das Leben, wie auch jeder andere es führen kann.

Das Leben, das wünsche ich mir.

Das Leben, das werde ich hoffentlich bekommen, denn ich will noch ganz viel sehen, erleben und die ganze Welt bereisen.

Das Leben steckt voller Überraschungen.

Das Leben ist einzigartig.

Das Leben.

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Kommentare (2)

Wow, fantastisch, konnte gar nicht mehr aufhören!😍😍

Herzensduo

06. November 2020

Wunderschön, danke für diese berührenden Gedanken...

Birgitta

06. November 2020

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