"Der Brief von früher" - eine Geschichte von Raphaela Sohm - Young Circle

„Der Brief von früher“ – eine Geschichte von Raphaela Sohm

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„Der Brief von früher“ – eine Geschichte von Raphaela Sohm

Es war ein Sonntagnachmittag, als ich den Brief, den meine Ur- ur- ur- Grossmutter geschrieben hatte, zum ersten Mal in meinen Händen hielt.

Ich konnte es nach 15 Minuten immer noch nicht fassen, dass dieser Brief ORIGINAL im Jahre 1895 geschrieben wurde. Ruckartig wurde ich aus meinen Tagträumen in s hier und jetzt zurückgeholt. «Kommst du mit Julia, Tim und mir auf den Spielplatz, bitte Laula?» fragte mein 1 ein halb jähriger Bruder Benjamin mit Hundeblick.

«Was hältst du davon, wenn ich in 15 Minuten nachkomme. Ich muss noch kurz im Internet etwas über Ur-ur-ur Oma herausfinden, für die Schule morgen. Nachher komme ich euch hinterher?» «Okay» antwortete er mürrisch und schlenderte los zum Spielplatz im nächsten Quartier.»

Nachdem ich Papa um Erlaubnis gebeten habe, stürmte ich hinauf ins Arbeitszimmer und sass mich an den PC. Meine Fingerspitzen fingen an zu kribbeln als ich den Internet Explorer öffnete und den Namen meiner Ur-ur-ur Oma eingab: «Rosalie», hauchte ich ihren Namen vor mich hin. Richtig edel und altmodisch. Leider and ich Internet nicht viel über sie heraus.

  1. Sie war gar nicht berühmt und es gibt deshalb keine Informationen über sie.
  2. Sie starb im Kindesalter und es gibt nicht viel von ihr zu erzählen
  3. Es ist zu früh und niemand hat die Informationen über sie überliefert
  4. Noch 1000 andere Gründe…

Schon wieder wurde ich schmerzhaft aus meinen Gedanken gerissen, es war wieder mein Bruder: «Kommst du jetzt endlich? Julia, Tim und ich warten schon seit einer Stunde auf dem Spielplatz.» Ich sah auf die Zeitanzeige unten rechts am PC. Es waren zwar erst 45 Minuten aber schlecht hatte er nicht geschätzt. Ich liess mich von ihm zum Spielplatz ziehen. Nicht mal den PC konnte ich herunterfahren, so eilig hatte es Benjamin. Das würde später beim Abendbrot wieder eine heisse Diskussion gegen Papa geben. Und mit Papa darüber zu diskutieren was er am Meisten hasst (1. Den PC nicht herunterfahren 2. Am Arbeitszimmer oder Bücherregal etwas verändern oder 3. Den PC nicht aufladen, wenn der Akku leer ist) bringt nicht wirklich viel.

Im Grunde genommen gar nichts. Nach zwei Stunden auf dem Spielplatz war ich dermassen durchgefroren, dass ich schnellstmöglich nach Hause rannte (!) und mir ein heisses Bad einliess. Nachdem ich das herrliche Schaumbad eine Dreiviertel Stunde genossen hatte zog ich in meinem mintfarben gestrichenen Zimmer mein Rot-Weiss Streifen Pyjama (für den Winter) an. Ein wenig später rief Papa aus der Küche zum Abendessen. Ich machte mich auf ein grosses Donnerwetter gefasst, doch Papa war zu entspannt und ruhig. Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu?!?

Nach dem Znacht hatte ich es immer noch nicht herausgefunden, aber Mama verriet mir das Geheimnis, als Papa im Wohnzimmer schon den Fernseher auf ohrenbetäubende Lautstärke angeschaltet hat. «Ich habe dir den PC heruntergefahren, ich bin durch Zufall etwas ausdrucken gegangen und habe bemerkt, dass der PC an war. Da ich dir das Donnerwetter mit deinem Vater ersparen wollte habe ich ihn schnell abgeschaltet. Ich fiel Mama um den Hals. Sie war einfach die Beste und hat mich schon aus so manch zwinglichen Lage gerettet.

In der Nacht schlief ich kaum. Ich grübelte immer noch am Brief über Rosalie nach. Leider war morgen wieder Schule. Das bedeutet zum einen, dass ich einigermassen ausgeschlafen sein sollte und dass ich morgen keine Zeit haben werde, um nach weiteren Informationen zu suchen. SCHADE! Aber von 17.00-20.00 habe ich noch genug Zeit um ein wenig im Internet zu recherchieren. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag in der Schule, ihre Lehrerin in Geschichte Frau Salzmann zu fragen wie man die Schrift entziffern könne und was man im Jahre 1895 schon alles zum Leben hatte (oder eben nicht). Am nächsten Tag in der Schule habe ich Frau Salzmann nach der Stunde tatsächlich gefragt wie man die Schrift entziffern kann und was man 1895 zum Leben (nicht) hatte. Da es Schulschluss war (16.00) und Freitagabend hat sie mir einen kurzen «Vortrag» über 1890-1900 gehalten. Also kurz zusammengefasst was sie ungefähr 45 min aus ihr herausgesprudelt kam:

1895

  • Es war eine sensationelle Entdeckung, die der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen im Jahr 1895 machte. Die Strahlen, die er aufspürte, revolutionierten die Diagnostik in der Medizin. Ohne sie wäre mancher Bruch nicht sichtbar geworden wie es heute der Fall ist. Die neuen Strahlen wurden später nach dem Physiker benannt, die Röntgenstrahlen. Was Röntgen im November 1895 entdeckte, publizierte er noch im Dezember desselben Jahres in seiner Schrift „Eine neue Art von Strahlung“. Als erster Mensch erhielt Röntgen dafür im Jahr 1901 den Nobelpreis für Physik. Noch nie hatte sich eine Nachricht über eine wissenschaftliche Entdeckung so rasant verbreitet wie die der neuen Strahlen. Diese „X-Strahlen“ und deren Nützlichkeit waren auch für Laien sofort unmittelbar verständlich gewesen.

1905

  • Blutsonntag in St. Petersburg, beginnt der Revolution von 1905. (22. Januar 1905)
  • Albert Einsteins Papier, „Ist die Trägheit eines Körpers hängt von ihrem Energiegehalt?“, wird in der Zeitschrift Annalen der Physik veröffentlicht. Dieses Papier zeigt die Beziehung zwischen Energie und Masse. Dies führt zu der Masse-Energie-Äquivalenz Formel E = mc. (21. November 1905)
  • In Indien, ein Erdbeben des Kangra-Tales und tötete 20.000 und zerstören die meisten Gebäude in Kangra, Mcleodganj und Dharamshala (4. April 1905)
  • Russisch-Japanischen Krieg: Die Schlacht von Tsushima beginnt. (27. Mai 1905

1913

  • Die Jungtürken übernahmen im osmanischen Reich die Macht
  • 1. Balkankrieg
  • Stummfilme

1965

  • Berliner Mauer wurde gebaut (1961)
  • Fortschritt in der Raumfahrt
  • Bombenkrieg USA gegen Nordvietnam
  • Ausschwitz-Prozess -> In/Ausland Proteste!
  • Leben in der Sowjetunion -> 220 mio. Menschen / 6.4mio. Moskau

1990

  • Berliner Mauer wurde gefällt (1989)
  • Zahlreiche politische Neuerungen
  • Wiedervereinigung in Deutschland
  • Kinderheime in Rumänien unter menschenunwürdigen Bedingungen -> Waisen und Behinderte Kinder
  • Satz des Günther Jauch -> » Republikaner haben sich als politischer Kaffeesatz erwiesen.»
  • Deutschland wir Fussball-Weltmeister
  • Auflösung der DDR und Wiedervereinigung

Ich war ein wenig geflasht und überfordert mit den ganzen Informationen. Deshalb bedankte ich mich höfflich bei ihr und lief schnell nach Hause. Denn ich war schon 55 Minuten zu spät. Zu Hause erwartete mich schon wieder kein Donnerwetter. Denn die Direktorin habe angerufen, dass ich 60 Minuten später nach Hause komme, weil Frau Salzmann mir noch etwas Wichtiges erkläre. Ich habe gar nicht gemerkt das Frau Grrünwald, unsere Schuldirektorin 15 Minuten neben uns stand und zuhörte. Dass habe sie anscheinend gemacht wie Mom mir jetzt weitererzählt. Sie habe gesagt: «sie sahen sehr konzentriert aus und es werde bestimmt noch 35 Minuten dauern bis sie mich «entlässt». Der Nachmittag war relativ entspannt. Wir hatten zwei Lektionen (das entspricht 50 Minuten) Zeichnen und eine Lektion ERG (Ethik Religion Gemeinschaft) das ist zwar zum Einschlafen, so langweilig ist es, aber wenigstens muss man nichts lernen, es gibt keine Note und auch kein richtig oder falsch. D. h ich könnte praktisch alles Mögliche sagen, es wäre nicht falsch! Und das ist genau das Coole am Fach. Man muss nicht aufpassen, kann irgendetwas labern und bekommt keinen Scheiss dafür (Check 😉).

Nach der langweiligen ERG- Stunde in der niemand aufpasst ausser Noemie und Janes. Das sind die Nerds (Klassenbeste/Streber). Deshalb fragen nach der Stunde etwa die Hälfte der Mädchen dies interessiert Noemie (mich auch) und etwas weniger als die Hälfte der Jungs Janes um was es in der Lektion eigentlich ging. Um es kurz zusammen zu fassen. Die Themen des heutigen Jahres in ERG waren (jetzt ist Januar also Halbzeit des Schuljahres):

-Judentum und Hitler
-Holocaust und Auschwitz
-Was ist Glück
-Suizid
-Sucht
-Hinduismus und Buddhismus
-Muslime, Kopftuch, Allah & Beten
-Schöpfungsmythen
-Religionen im Vergleich
u.s.w

Jetzt wusste ich schon einiges über die Zeit damals als meine Ur-ur-ur- Oma auf die Welt kam, 10/18/65 und 95 Jahre alt war. Aber über sie selbst als Person, wusste ich immer noch nichts ausser das ihr Mann Werner hiess und si zum Nachnamen Röthlisberger. Wie meine Ur-Oma und meine Grossmutter.

Zwei Wochen später war mein Geburtstag und ich wünschte mir, dass wir ihn bei meiner Grossmutter feiern dürfen. Sie ist jetzt schon 80 Jahre alt und hat am gleichen Tag Geburtstag wie ich, nämlich am 13.01.2005/1940. Meine Eltern, Tanten, Gotten, Onkel, Göttis Omas Opas und sogar meine 100-jährige Ur-Oma war da. Als nur noch meine Eltern mein Bruder meine Grossmutter, mein Grossvater und Ur- Oma da waren, fragte ich meine Grossmutter und mein Ur-Oma wie ihre Gross-/Mutter so als Person war. Beiden flitze ein Grinsen übers Gesicht.

Und sie antworteten beide nacheinander mit:

Grossmutter: «Ach, Schätzchen, sie ist doch schon seit über 20 Jahren Tod. Man darf und kann nicht ständig an der Vergangenheit festhängen bleiben. Dieser Abschnitt ist in unseren Leben schon längst abgeschlossen. Aber ich kann verstehen, dass es dich interessier. Hast du denn Brief gefunden?»

Ich: «Ja, genau Grossmutter. Von wo weißt du, dass es diesen Brief gibt? Und wieso hast du ihn mir nicht als ich 12 wurde gezeigt wie es bei Mutter, bei dir und bei Ur -Oma auch war??? ICH MUSSTE AUF DEM ACHBODEN RUMKRIECHEN, WEIL ICH ETWAS MAGISCHES UNGEWÖHNLICHES FINDEN WOLLTE!!!

«In gewisser Weise hat Laura schon recht» schaltete sich Ur- Oma jetzt ein.

«Aber ich muss dazu sagen, dass Grossmutter dir ein wenig geholfen hat, den Brief zu finde. Denn sie hat dich gefragt ob du zuhinterst auf dem Dachboden in der untersten Kiste nach dem Testament der Familie Röthlisberger (7-3 Generationen vor uns).

Grossmutter: Weil ich fand, dass diese Tradition mit der vierten im Bunde gebrochen werden sollte. Vier war die Lieblingszahl deiner Ur-Ur-Ur Grossmutter Ur-Ur Grossmutter deiner Ur- Oma, von mir und deiner Mutter. Da du die vierte im Bunde bist darfst du den Brief nochmals aus heutiger und deiner Sicht schreiben und deine Lieblingszahl wählen. Deine weiblichen Nachfahren (also deine Tochter, Enkelin Ur-enkelin u.s.w. werden ihn mit 12 bekommen solange die Anzahl Male weitergeben nicht überschritten wurde. (Bsp. Wenn du 10 nimmst wird das Mädchen in der 10. Generation nach dir den Brief selbständig auf dem Dachboden am genau gleichen Ort wie du den Brief von 1895 finden müssen, aber diesmal von 2020. Und dieses Mädchen muss dann auch einen neuen Familien Brief schreiben).

Jetzt musst du bis zum Geburtstag deiner Ur-Ur-Ur Oma (13.05.2020) einen solchen Brief mit dem haargenau gleichen Inhalt schreiben nur aus deiner heutigen Sicht vom Jahr 2020.

Washington, der 25. März 2020

Ich, Laura Sohm habe den Brief meiner Ur-Ur-Ur Oma kurz vor meinem 15. Geburtstag auf dem Dachboden gefunden. Bis jetzt bekam meine Ur Oma, meine Grossmutter und meine Mutter diesen Brief immer an ihrem 12. Geburtstag den ganzen Tag zu Gesicht und fertig war die Geschichte. Da ich aber die vierte weiblich Generation war und die Lieblingszahl von Rosalie vier war. Hiess es in der Tradition, ich müsse den Brief von selbst finden. Kurz vor meinem 15. Geburtstag hatte meine Grossmutter wohl keine Geduld mehr zu warten und schickt mich in den hintersten Ecken des Dachbodens um in der untersten Kiste von allen (und der dreckigsten von allen ! ☹) unser Familien Testament «Family Book wie wir es liebevoll genannt haben zu holen. Jetzt muss ich diesen Brief nochmals aus meiner heutigen Sicht schrieben. Die 5. Weibliche Generation nach mir muss diesen Brief selbständig finden und den Brief neu erfinden und schreiben. Da jetzt alles Organisatorische und Wissenswertes geklärt wäre, fangen wir doch mit dem richtigen Brief an.

Ich bin die Tochter von Alexandra Sohm und die Enkelin von Elisabeth Röthlisberger/Sohm.

Ich freue mich riesig diese Ehre zu haben, diesen langen traditionsreichen Brief neu zu erfinden und schreiben. Das macht mich sehr stolz, verbindet mich noch mehr mit Rosalie und das wichtigste ich werde es auch noch meinen UR-Grosskindern erzählen (wenn alles gut läuft in meinem Leben und ich noch fit genug bin dafür).

Das letzte was ich noch zu sagen habe ist hört immer auf eure Mutter, Grossmutter oder je nachdem sogar Ur- Grossmutter! Der Rat von ihnen ist wirklich im wahrsten Sine des Wortes Gold wert!!!

Ich merke gerade, dass mein Brief seeeeehr viel kürzer sein wird als der von meiner Ur- Ur- Ur Grossmutter Rosalie. Aber man kann nun mal nicht alles von seinen Vorfahren erben. Die Fähigkeit schöne, spannende und vor allem lange Texte zu schreiben habe ich garantiert nicht von ihr, sondern von meiner Mutter geerbt. Denn sie schreibt kurz, spannen und mittelmässig gute Texte. Und man sollte mit dem Zufrieden sein, was man von Gott bekommt. Nämlich nette Eltern, ein zu Hause, keine Gewalt in der Erziehung, zu nichts gezwungen werde, genug zu essen und zu Trinken, warme Kleidung und genug Freizeit .

Alles Gute wünscht euch/dir

Laura Sohm

Bis in 5 Jahren wieder ein anderes Mädchen den Brief neu erfinden wird…

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Kommentare (3)

Guet gmacht, E..b..ri!

Therese Sohm

08. November 2020

Voll Gut ❤️❤️

Annik

04. November 2020

gute Geschichte

AnneMarie Sohm

04. November 2020

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