"Sind Tauben taub?" - Eine Geschichte von Romina Lehmann - Young Circle

«Sind Tauben taub?» – Eine Geschichte von Romina Lehmann

Member Stories 2026

«Sind Tauben taub?» – Eine Geschichte von Romina Lehmann

Ein Junge beobachtet im Zoo einen schlafenden Tiger, dessen ruhige Präsenz ihn seltsam beunruhigt. Kurz darauf begegnet er einer älteren Frau, die freundlich wirkt und ihn bittet, sie zu ihrem Auto zu begleiten. Doch was harmlos beginnt, verwandelt sich schnell in eine gefährliche Situation – und der Junge muss blitzschnell handeln, um zu entkommen.

Jeder Tiger hat ein einzigartiges Streifenmuster. Keines ist gleich wie das andere, wie der Fingerabdruck bei einem Menschen. Ich hatte das seltsame Gefühl, diesem Tiger hier schon einmal begegnet zu sein. Seine Augen waren geschlossen, doch etwas an ihm wirkte wach, als würde er mich im Schlaf beobachten.


Ich hatte nur einmal, vielleicht zweimal an die Fensterscheibe geklopft. Und als er immer noch nicht reagierte, klopfte ich, ja hämmerte ich fast ein drittes Mal an das feste Glas. Sein Gehege war klein und dunkel. Seine Artgenossen lagen etwas abgelegen auf einem grossen Stein und schliefen. Wahrscheinlich schlief auch er. Er lag auf der Seite und ignorierte mich. Doch vielleicht hatte er auch einfach keine Lust auf weitere nervige Zoobesucher wie mich. Ich wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Stattdessen stand ich nah am Fenster und betrachtete seine flauschigen Ohren. Sie bewegten sich leicht, als würde er träumen.


Plötzlich zuckte sein Körper so stark zusammen, dass auch ich mich erschrak. Eine Hand streifte meine Schulter und ich drehte mich um meine eigene Achse. Hinter mir stand eine ältere Dame. Sie trug alte Klamotten und stützte sich auf einem geblümten Regenschirm ab. Seltsam – heute regnete es doch gar nicht. Verwirrt und mit einem fragenden Blick lächelte ich sie an.


«Mein kleiner Junge, hast du mir ein paar Münzen Kleingeld?»


Ich wühlte in meiner Jackentasche und stiess auf eine klebrige, undefinierbare Substanz. Verlegen zog ich drei kleine Münzen hervor, die mit brauner, geschmolzener Schokolade überzogen waren.


«Entschuldigen Sie, das ist alles, was ich habe.»


Die fremde Frau lachte laut auf und berührte mich schon wieder an der Schulter. Ihre Hand war rau und von runzligen Narben überzogen. Ich schnappte nach Luft, als ich sah, dass ihr ein kleiner Finger fehlte. An seiner Stelle war nur ein abgestorbener Stummel, der unkontrolliert zuckte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Sie bemerkte meinen ängstlichen Blick und lächelte mich schief an, ihre Hand zog sie aber nicht zurück.


«Du bist ein zu gütiger Junge. Möchtest du mich vielleicht zu meinem Auto begleiten, dann kaufe ich dir eine neue Schokolade.»


Die Stimme meiner Mutter drang durch meinen Kopf, welche mich davor warnte, fremden Menschen zu folgen. Doch ihre Lachfalten wirkten echt, und ihr Griff war so schwach, dass ich mich fast schämte, Angst zu haben. Etwas an ihr wirkte harmlos, fast zerbrechlich. Vielleicht war es genau das, was mich beruhigte. Ich nickte, langsam.


«Na dann komm!», sagte sie und zog an meinem Arm.


Verunsichert blickte ich noch ein letztes Mal zum Tiger – doch das Gehege war leer. Zögernd folgte ich der unbekannten Dame, welche mich wiederholt aufgefordert hatte, ihr zu folgen. Wir verliessen den Zoo und gingen Richtung Parkplätze. Ich schwieg, als wir an den vielen Autos vorbeiliefen. Als wir ganz am Ende bei einem kleinen, weissen Van ankamen, blieb ich stehen. Die Frau öffnete die Tür, ohne sich umzudrehen.


«Warten Sie!», rief ich und packte ihre Handtasche, welche sie über ihre Schulter gehängt hatte. Dabei riss der Henkel und der Inhalt breitete sich auf dem Boden aus. Die Frau fluchte und schrie mich an.

 «Heb das sofort wieder auf!»

Schnell bückte ich mich und sammelte die verstreuten Gegenstände wieder ein. Es waren banale Dinge: ein altes Telefon, ihr Portemonnaie, Hustenbonbons und ein Autoschlüssel. Mit einem Ruck zog sie die Handtasche an sich. Ich stolperte und schob dabei unauffällig meine Hand in die Jackentasche. Dann scheuchte sie mich ins Auto und ich stieg ein.


Jetzt war alle Freundlichkeit aus dem Gesicht der Frau verschwunden und sie fuhr mich harsch an.

«Anschnallen!», befahl sie mir.

Doch ich reagierte nicht. Ich konnte mich nicht bewegen. Mein Körper war wie eingefroren. Seufzend beugte sie sich über mich und zog den Anschnallgurt an. Ihr Körper kam mir zu nah und ein modriger Geruch gelang in meine Nase, so als hätte sie ihre Kleidung schon lange nicht mehr gewaschen.

Ich wollte sie wegdrücken, einfach nur davonrennen. Ich zog meine Hand aus der Tasche und stiess den kleinen, spitzen Gegenstand in ihren Bauch. Sie gab ein überraschtes Grunzen von sich, stöhnte auf und sank in ihren Sitz zurück. Ich reagierte, bevor ich nachdenken konnte. Ich riss die Tür auf und floh aus dem Van. Mein Herz schlug zu schnell, und meine zitternden Hände wollten mir nicht gehorchen, sodass ich kaum den Schlüssel halten konnte. Hastig schloss ich die Türen ab. Die Scheinwerfer blinkten auf, doch ohne den Schlüssel war sie gefangen und konnte mir nicht folgen. Ich rannte los, ohne zurückzuschauen, und schleuderte das Stück Metall in hohem Bogen ins Gebüsch.

Den Tiger besuchte ich nie mehr wieder. Vielleicht, weil ich wusste, dass manche Gefahren nur schlafend harmlos wirken.


                                     

Hier geht’s zu den weiteren Member Stories:

Bewertung