"Schatten" - Eine Geschichte von Malik Frank - Young Circle

«Schatten» – Eine Geschichte von Malik Frank

Member Stories 2026

«Schatten» – Eine Geschichte von Malik Frank

Theo steckt nach einer schmerzhaften Enttäuschung in einer tiefen emotionalen Krise. Wochenlang hat er sich in seinem Zimmer versteckt, gefangen zwischen Erinnerungen, Schuldgefühlen und der Frage, ob das, was er erlebt hat, jemals wirklich gewesen ist. Während sein Umfeld versucht, ihn aufzubauen, fühlt er sich leer und allein. Doch langsam beginnt er zu erkennen, dass jeder überstandene Tag ein kleiner Schritt zurück ins Leben sein kann.

Jemand schrie wütend im Haus. Nichts ungewöhnliches, nur wieder der tägliche Streit zwischen Theos Mutter und Schwester. Dennoch wurde Theo von den Stimmen geweckt. Mühsam kroch er aus seinem Bett und sah sich in seinem Zimmer um. Überall lagen Kleider am Boden und sein Schreibtisch war bedeckt mit dreckigen Tellern. Müde trat Theo durch den Flur ins Bad. Als er in den Spiegel schaute, erkannte er sich kaum. Seine Haut war totenbleich, sein Gesicht von dunklen Augenringen geschmückt und die Augen selbst von Tränen gerötet. Seine dunklen Haare waren fettig und standen von seinem Kopf ab. Sein schwarzes Shirt und seine roten Boxer, hätten beide mal wieder eine Wäsche vertragen. Wie lange war es her, seit er sein Zimmer zuletzt verlassen hatte? Er konnte sich nicht erinnern.

Theo kehrte zurück in sein Zimmer zurück. Der Streit im Erdgeschoss war immer noch im vollen Gange. Er drehte seine Stereoanlage auf, um die wütenden Stimmen zu übertönen und tippte auf sein Hady. Keine neuen Nachrichten. Weshalb auch? Es gab niemanden der ihm hätte schreiben können. Seine Freunde hatten seine Abwesenheit in der Schule vermutlich noch gar nicht bemerkt. Und ER würde ihm definitiv nie wieder schreiben. ER war schon weitergezogen.

Tränen flossen aus Theos Augen. Weshalb schmerzte es nur so sehr? Er wollte das es aufhört. Er wollte diesen Schmerz nicht mehr spüren. Schnell kletterte er in sein Bett und suchte hektisch in seinen Laken nach seinen Zigaretten. Zu spät fiel ihm auf, dass er sein letztes Pack schon vor Tagen leer geraucht hatte. Nun war Theo allein mit seinem Schmerz. In seinem Bett zusammengerollt heulte er in sein Kissen hinein. Er konnte einfach nicht aufhören an ihn zu denken. An das, was sie gehabt hatten. Oder doch nicht? Waren sie wirklich jemals mehr als Freunde gewesen? Waren sie überhaupt jemals Freunde gewesen? Theo wusste es nicht. Er wusste, dass er es mal geglaubt hatte. Er hatte geglaubt, dass er gemocht wurde. Oder war er einfach nur zu naiv gewesen und hatte Freundlichkeit mit Zuneigung verwechselt? Nein, so konnte es nicht sein. Es muss echt gewesen sein. Zumindest war es für ihn echt gewesen. Theo schloss seine Augen.  Vor ihm konnte er jenes Gesicht sehen, das ihn so sehr verletzt hatte. So klar als läge er direkt neben ihm. Seine Arme um Theos Hüfte gelegt, die Augen verschlossen. Worte der Zuneigung drangen aus seinem Mund und er setzte zu einem Kuss an. Nein! Theo wich zurück und wurde wieder in die Realität gezogen. Das war nie passiert. So lange hatte er darauf gehofft, doch die Wirklichkeit hatte ihn eingeholt. Er hatte niemals Gefühle für Theo gehabt. Was auch immer zwischen ihnen vorgefallen war, es war für sie niemals bestimmt gewesen zusammen zu sein. Und dennoch konnte Theo seit Wochen an nichts anderes mehr denken. Es war einfach nicht fair. Wieso musste Theo so oft an ihn denken, so viel Schmerz fühlen und er, für ihn war alles gleichgültig. Er verschwendete keinen Gedanken mehr an Theo, als hätte es ihn nie gegeben. Er hatte Theos Herz in tausend Stücke zerbrochen und es war ihm total egal. Er lebte sein Leben normal weiter, während Theo sich seit Tagen in seinem Zimmer in der Dunkelheit versteckte. Wie ein Feigling war er davongerannt. Er wollte aufgeben, mehr als alles andere, aber er konnte es einfach nicht. Er konnte dieses Leben weder verlassen, noch konnte er es weiterleben. Er war nur noch eine leere Hülle. Allein und gebrochen im Schatten. Seine Familie hatte versucht ihn aus seinem Zimmer zu holen. Seine Freunde versuchten ihn davon zu überzeugen, dass er etwas Besseres verdient hätte und ihn schnell vergessen würde. Leere Worte ohne Bedeutung. Theo hatte gelernt, wie einfach Worte zu fälschen waren. Wie wenig man ihnen vertrauen konnte.

Er wischte sich die Tränen vom Gesicht. Sein Shirt und sein Kissen waren völlig durchnässt. Theo trat in den Flur. Irgendwann sind die Schreie seiner Schwester verstummt. Es war ihm gleichgültig, weshalb sie und seine Mutter erneut gestritten hatten. Sie taten dies jeden Tag. Noch mehr Worte, ohne jegliche Bedeutung. Theo schlich sich ins Bad und starrte in den Spiegel. Zum ersten Mal seit langem, erkannte er das Gesicht, das ihn anstarrte. Es war noch immer tränenüberströmt und totenbleich, aber er erkannte sich wieder. Theo kehrte in sein Zimmer zurück und legte sich ins Bett. Er war nicht von seinem Schmerz geheilt. Aber jeden Tag, den er durchstand, war ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Schritt aus den Schatten heraus.


                                     

Hier geht’s zu den weiteren Member Stories:

Bewertung