"Schatten der Vergangenheit" - Eine Geschichte von Anouk Noser - Young Circle

«Schatten der Vergangenheit» – Eine Geschichte von Anouk Noser

Member Stories 2026

«Schatten der Vergangenheit» – Eine Geschichte von Anouk Noser

Was passiert, wenn alte Mythen plötzlich real werden? Als Quinn auf dem Campus ihrem Kindheitsfreund Nikos wieder begegnet, scheint ihr grösstes Problem zunächst ihr Herz zu sein. Doch als ihre Projektgruppe ausgerechnet Nachfahren antiker Götter vereint, wird klar: Die Konflikte der Vergangenheit sind noch lange nicht vorbei – und Quinn steht plötzlich mitten in einem gefährlichen Spiel.

Was ist die richtige Reaktion, wenn man die Person wiedersieht mit der einen rein statistisch am meisten verbindet?

Ich weiß es nicht. Seit ich ihn wiedergesehen habe, kann ich an nichts anderes denken als an sein gottverdammt vollkommenes Gesicht. Es ist wirklich lächerlich, wie oft ich mir die schokoladenbraunen Augen und die perfekt unordentlichen Haare in den letzten 48 Stunden vorgestellt habe. Dabei sollte es mich nicht mal überraschen. Es hätte mir klar sein sollen, dass seine wortwörtlich göttlichen Gene sich in den letzten zehn Jahren entwickelt haben. Genau wie meine, so zermürbe ich mir seit zwei Tagen, als ich ihn auf dem Campus wiedergesehen habe, den Kopf. Darüber was ich tun sollte, was ich tun will und was ich wirklich nicht tun darf. Denn anders als vielleicht erwartet habe ich durch meinen etwas ungewöhnlichen Stammbaum nicht die Fähigkeit erhalten alles klar und weise zu sehen. Manchmal fühle ich mich, als wäre das Einzige, was ich erhalten habe der Druck, welcher damit einherkommt, Nachfahrin einer Athena-Polias Priesterin zu sein.

Der beste Beweis für meine manchmal mangelnde Weisheit ist, dass ich mir bis zum Schluss erfolgreich eingeredet habe, dass es ein anderer ‘Nikos Davies’ sein muss, welcher auf der Liste für mein Seminar in griechisch antiken Mythen stand. Doch jetzt sitzt der Mann, den ich nicht mehr gesehen habe, seit wir beide zehn waren, drei Reihen vor mir, und hat den Kopf aufmerksam in die Richtung unserer Dozentin gedreht. Diese erläutert gerade die Gruppen für unsere Projektarbeiten in diesem Semester. „In Gruppe drei sind Emma Smith, Nikos Davies, Sloane O’Kelley und Quinn Riley. Bitte haltet euch an die Vorgaben, gebt euer –“ Das reist mich endgültig aus meinen Tagträumereien. Wie kann es sein, dass in meiner Gruppe die Nachfahrin des Zeus und der Erbe des Prometheus sind?! Mein Vater hat mich vor Sloane, und vor allem vor ihrem Stammbaum, gewarnt. Als ich mich mehr mit dem Wesen ihres Ahnen befasst hatte, verstand ich warum. Und ja, wegen Nikos, da habe ich andere Probleme…

„Quinn, warte!“ Ich erstarre mitten in meiner Bewegung, denn die wunderschöne Stimme, die nach mir ruft, gehört definitiv zu Mr. Schokoladenaugen und den wollte ich mir gerade, mithilfe der trockenen Fachliteratur, die ich aus der Bibliothek mitgenommen habe, aus dem Kopf schlagen. Er tritt durch einen der Arkadenbögen auf mich zu und ich muss mich wirklich zusammenreißen ihn nicht schamlos anzustarren. Den Hoodie mit dem Unilogo, welchen er in der Vorlesung noch getragen hatte, hängt nun über seinem Arm und sein weißes T-Shirt betont seinen sportlichen Oberkörper.

„Meine Augen sind hier oben, kleine Eule.“  

Hitze schießt mir in die Wangen und ich bin versucht meinen Kopf in den Händen zu vergraben. Aber Angriff ist die beste Verteidigung, also entgegne ich schnell:

„Was willst du? Und wage es ja nicht, mich nochmals so zu nennen.“

Was fällt ihm aber auch ein. Das gefiederte Vieh, mit welchem sich meine Göttin so gerne umgeben hat, ist wirklich nichts, womit ich gerne in Verbindung gebracht werde. Er besitzt doch tatsächlich die Frechheit zu grinsen und ich schaue schnell auf meine Bücher.

„Okay schon gut, eigentlich wollte ich mit dir über Sloane sprechen“, sagt er beschwichtigend. „Ich glaube, wir sollten ihr nicht unvorbereitet gegenübertreten.“

Ich gebe es ungern zu, aber da könnte er recht haben. Sloane ist wirklich konservativ angehaucht und ich schließe es nicht aus, dass sie die Differenzen unser Vorfahren fortführen will.

„In Ordnung, ich denke, das Beste ist es, die ganze Göttergeschichte aus allem herauszuhalten. Ich meine Emma denkt wir sind ganz normale Studierende und das soll auch so bleiben, oder nicht?“
„Ich fürchte, dass es nicht möglich sein wird. Sloane hat mich nach dem Seminar abgepasst und gemeint, dass sie die Geschichte mit dem Adler schnellstmöglich wiederholen will…“

Ich erschrecke, denn obwohl ich mit einem gewissen Argwohn auf Seiten von Sloane gerechnet habe, hätte ich nicht gedacht, dass sie so weit gehen würde.

Als ich am Donnerstag mit meinem Rad auf den Campus fahre, wartet Nikos schon auf mich. Wir haben ausgemacht, uns direkt vor dem Gruppentreffen noch einen Plan zurechtzulegen. Als ich auf ihn zugehe, wiederhole ich innerlich meinen Vorsatz. Der soll mich nämlich daran erinnern das Richtige und Weise zu tun. Was bedeutet, dass ich mich von Nikos fernhalte, sowohl emotional als auch körperlich.

„Hey, wartest du schon lange?“ frage ich, um die seltsame Stimmung zu überspielen.

„Nee, passt schon. Auf dich warte ich doch gerne little owl.“
Ich verdrehe innerlich die Augen. Wenn er begreifen würde, welchen Sturm solche Worte von ihm in mir auslösen, wäre er vermutlich ziemlich still. Außer er will genau das erreichen, schnell unterbreche ich mein liebeskrankes, verwirrtes Hirn. Solche Gedanken kann ich mir nicht erlauben…

„Also lass uns doch hineingehen und noch kurz die wichtigsten Dinge besprechen.“
„Zu Befehl Ma’am!“

Oh Gott, wenn er nicht bald seinen Mund hält…

Als die anderen 30 Minuten später zu uns stoßen, bin ich so nervös wie schon lange nicht mehr. Es kommt mir vor, als würde Sloane mich mit ihren Blicken erdolchen, seit sie den Raum betreten hat. Nikos sitzt mir gegenüber und als Emma sich nach einiger Zeit auf Toilette entschuldigt, geht alles ganz schnell.

Bevor ich überhaupt verstanden habe, was passiert ist. Hat Sloane in ihre Tasche gegriffen, eine Waffe herausgezogen und diese auf mich gerichtet.

„Mach was ich sage. Es wäre doch schade deine kleine Eulenfreundin zu verlieren!“, sagt sie an Nikos gewandt.

Für einen Moment lang geschieht gar nichts und dann irgendwie alles auf einmal. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, steht Nikos zwischen mir und der Waffe. In diesem Moment verstehe ich es. Dies war von Anfang an ihr Ziel gewesen. Nicht mich, sondern Nikos will sie haben. Und jetzt gerade stehen unsere Karten schlecht, denn er hat sich ernsthaft vor mich gestellt, genau wie sie es geplant hat. Aber ich werde nicht zulassen, dass ihm etwas passiert. Ich verstehe nicht warum, vielleicht drücken die Gene meiner Göttin doch noch durch, aber etwas weiß ich ganz sicher:

Diesen Kampf werde ich gewinnen!


                                     

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