Samira A., 19 Jahre - Young Circle

Samira A., 19 Jahre

Story Lo & Leduc

Samira A., 19 Jahre

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Die Fortsetzung der Story geschrieben von Samira

«Was, aber wie konntest du wissen, dass ich hierherkomme?», fragte Riri verdutzt.

Die elektrische Pfeffermühle lachte. «Als ob die Mechanische nicht so einfach durchschauen zu wäre. Wir haben zwar nur wenige Stunden miteinander verbracht, aber mir ist sofort aufgefallen, was für ein weiches Herz sie hat. Sie hat mir ständig von dir erzählt, wie sehr sie die Gespräche mit dir liebt und wie einsam die Nächte ohne dich sind.» Jetzt musste auch Riri schmunzeln. Das tönte genau nach der alten Pfeffermühle, so wie Riri sie kannte.

«Findest du, was du suchst, junge Dame?», rief Anton plötzlich aus dem Flur. Das holte die junge Detektivin auf den Boden der Tatsachen zurück. Richtig, sie war auf streng geheimer Mission, und so wie es tönte, machte der Dickhäuter Anton Anstalten, in die Küche zu kommen. «Jetzt muss es schnell gehen», dachte sich Riri und griff grob nach der elektrischen Pfeffermühle und schloss schnell die Schranktür. Diese schrie empört auf. «Au, du tust mir weh!» «Pssst», zischte Riri, «er kann dich sonst hören.»
Inzwischen hatte Anton die Küche erreicht. «Guck mal, was ich hier noch gefunden habe.» Stolz hielt er eine Flasche Allzweckreiniger hoch. „Die war nicht mehr im Putzschrank, habe sie wohl vergessen zurückzustellen.“ Bei diesem Durcheinander im Haus wunderte Riri das gar nicht. Eigentlich grenzte es an ein Wunder, dass der Mann sich überhaupt zurechtfand. Ob wohl das Schlafzimmer auch so vollgestopft war mit Schätzen aus der Brockenstube? Weiter konnte sie nicht denken, denn sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen.

«Wollen wir nun das Interview machen?»

Am liebsten wäre Riri auf dem Absatz umgekehrt und nach Hause gelaufen, denn sie hatte ja bereits alles, was sie wollte, doch das wäre zu auffällig gewesen. Sie zwang sich zu einem Lächeln. «Ja, klar, wieso nicht?»

«Dann komm, gehen wir uns ins Wohnzimmer.» Anton setzte sich in Bewegung und Riri folgte ihm langsam. Ihre linke Hand hielt immer noch die Pfeffermühle umklammert. Sie musste sie irgendwie loswerden, am besten beim Eingang, sodass sie sie beim Verlassen des Hauses nur noch schnappen konnte, um zu flüchten. Doch wie sollte sie das anstellen? Ein weiterer Geistesblitz schoss in ihren Kopf.

«Ich hol nur schnell meinen Stift und Notizblock, bin gleich wieder da.» Mit einer geschickten Bewegung drehte sie sich um, sodass der Elefant die Pfeffermühle auf keinen Fall hätte sehen können. Innerlich dankte sie ihrem Vater, dass er sie auf ihren Touren gelehrt hatte, immer Stift und Zettel dabeizuhaben, falls man mal einen Schatz entdeckte, der so gross war, dass man ihn nicht sofort abtransportieren konnte. So konnte man Name und Adresse hinterlassen und ihn später abholen.
Bei ihrer Jacke angekommen, tauschte Riri unauffällig die Pfeffermühle gegen die Schreibutensilien aus.
Jetzt kam es wieder auf ihr grossartiges Schauspieltalent an. Sie durfte sich keinesfalls anmerken lassen, dass sie heimlich eine Pfeffermühle «ausgeliehen, nicht gestohlen» hatte. Sie setzte sich kerzengerade auf den Stuhl und räusperte sich.

«Sagen Sie mal, Ihr Haus ist ja von aussen ganz unauffällig, doch wenn man es von innen betrachtet, ist es ganz einzigartig. So viele alte Dinge. Sind Sie ein leidenschaftlicher Sammler?», fragte sie, obwohl sie die Antwort schon längst wusste. Er war ein Elefant, und Dickhäuter waren nun mal Gewohnheitstiere, die an ihren Kindheitserinnerungen festhielten, egal zu welchem Preis.

Anton lachte herzlich. Es hätte ihn Riri fast sympathisch gemacht, aber eben nur fast. Irgendwas störte sie ganz gewaltig an ihm, doch sie konnte nicht sagen, was es war, aber sie spürte, wie ihre innere Detektivin die Lupe hervorgeholt hatte und sich auf Spurensuche begab.
«Nun ja, als Sammler würde ich mich nun nicht bezeichnen», erwiderte Anton, «es ist nur so, ich verbinde mit jedem Stück irgendwie eine Erinnerung. Sei es ein Geruch oder eine Melodie, ein einzelner Ton, eine Farbe. Wie ein Auslöser, verstehst du?» Riri nickte. «Wenn ich also ein Stück sehe, das etwas in mir weckt, egal welche Emotion es auch ist, muss ich es haben. Ich will herausfinden, was diese Emotion mir zu bieten hat.»

«Und, welche Emotionen haben Sie bereits erlebt?» Nun war die Detektivin in Riri verschwunden und die Brockenstubenexpertin erwacht.

«Es gibt da schon eine ganze Palette. Ich habe bereits erlebt, dass ich Wut bei einem Stück empfunden habe, oder tiefe Trauer, weil mich etwas an meine verstorbene Grossmutter erinnert hat. Aber auch schöne Emotionen, zum Beispiel, wenn du ein Stück aus deiner Kindheit gefunden hast.»

Anton machte eine kurze Redepause, die Riri gekonnt zu nutzen wusste. «Und was machen Sie mit den Stücken, die schlechte Emotionen auslösen?»

«Oh, das ist ganz einfach. Ich verkaufe sie im Internet weiter. Da gibt es eine grössere Plattform, die eigentlich wie eine Brockenstube funktioniert, einfach online.» Das traf Riri besonders ins Herz. Wie konnte er nur die wertvollen Schätze von Herr Lethe achtlos im Internet verkaufen und womöglich noch Profit draus schlagen?! Einfach unglaublich! Sie hatte genug gehört, sie musste hier raus.

«Nun ja, ich denke ich habe jetzt alles für meine Umfrageauswertung. Vielen Dank für Ihre wertvolle Zeit. Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Den Ausgang finde ich selber.» Mit einem falschen Lächeln auf den Lippen sprang sie auf, flitze zur Tür, warf dem Hund einen mitleidigen Blick zu und liess den armen, völlig verdutzten Anton einfach im Wohnzimmer stehen. Sie rannte nach Hause, die Emotionen kochten in ihr. Atemlos kam sie vor ihrer Haustüre zum Stehen. «Riri, was ist denn passiert?» fragte die Pfeffermühle aus der Jackentasche. «Stimmt», dachte Riri und fasste sich an den Kopf – sie hatte ja die Pfeffermühle mitgehen lassen. «Warte einen kurzen Moment, dann erkläre ich dir alles» raunte Riri. Sie schloss die Türe auf, pfefferte die Schuhe in die Ecke, rief kurz «Ich bin wieder da» und polterte dann die Treppe hinauf in ihr Zimmer, wo sie behutsam die Türe schloss.

Verfasst von Samira A., aus Aarwangen, 19 Jahre