"Queen of the Infinite Worlds" - Eine Geschichte von Lya Neuenschwander - Young Circle

«Queen of the Infinite Worlds» – Eine Geschichte von Lya Neuenschwander

Member Stories 2026

«Queen of the Infinite Worlds» – Eine Geschichte von Lya Neuenschwander

Das Volk nennt sie «Königin der unendlichen Welten», obwohl sie nur eine «gewöhnliche junge Frau» ist, aber manche tuscheln hinter vorgehaltener Hand, dass sie eine Verräterin ist, da sie angeblich einen grossen Fehler begangen hat. Seither muss sie vor der gefürchteten königlichen Einheit flüchten.
Das Witzige daran? Das ist meine Geschichte.

Mein Herz pocht wie wild, als ich hinter mir in der kaum belebten Strasse die Schritte meiner Verfolger wahrnehme. Sie kommen immer näher und mir rennt die Zeit davon, denn bald werden sie mich einholen. «Denk nach, Chiara», überlege ich angestrengt und zu meinem Glück entdecke ich in dem Moment aus der Ferne ein antikes Gebäude mit hohen weissen Säulen, die von Efeu heimgesucht werden. Auf der Fassade steht in goldenen geschwungenen Lettern «Bibliothek Rosewood». Meine Augen werden gross und instinktiv lege ich noch mehr mein Lauftempo zu. Ich stolpere halbwegs über die Aussentreppen bis zur grossen Eingangstür hinein mit dem Wissen, dass man mich schnell erkennen würde. Also ziehe ich meine graue Kapuze über, halte den Kopf möglichst gesenkt und eile zu einer ruhigen Ecke. Mich überwältigen die vielen Eindrücke: die schön verzierten Bände, die geheimnisvolle Ausstrahlung und … ein Kerl. Auf einmal steht er neben mir und ich kann kaum meinen Blick von ihm lösen. «Wissen ist Macht, wissen Sie?», sagt er mit tiefer Stimme, stellt sein Buch zurück ins Regal und dreht sich mit diesen Worten zu mir um. Ich sehe kurz auf bereue es aber, denn beinahe vergesse ich dass ich auf der Flucht bin, als ich mich zu lange in seinen bernsteinfarbenen Augen verliere die mich nicht zu kennen scheinen. «Nur wer es richtig einsetzt», erwidere ich etwas selbstgefällig. Seine Mundwinkel zucken und er fährt sich mit der linken Hand durchs schwarze lockige Haar. «Da haben Sie recht.» Und dann höre ich es, die Einheit. Die Männer schubsen die Besuchenden zur Seite, um sich Platz zu verschaffen. Einer von ihnen bemerkt mich und stürmt in meine Richtung los. Panik erfasst mich und ich greife wahllos nach einem Buch mit einem violetten Einband, leider reicht mir die Zeit nicht um mich einzulesen. Ich fahre mit meinem Zeigefinger über eine bestimmte Zeile und murmle meinen Spruch. Meine Gabe. Goldener Staub wirbelt auf und ich hebe leicht vom Boden ab, dann im letzten Moment, bevor ich verschwinde, spüre ich eine Hand, die mich am Handgelenk packt. Ich sehe nichts, spüre nur die Dunkelheit und dann falle ich.

Eine schwarze Gestalt hat sich über mich gebeugt und als ich blinzle, macht mein Herz einen Salto. Es ist der ominöse junge Mann von vorher. War er derjenige, der nach mir gegriffen hat? Wahrscheinlich, aber weshalb? Ich schrecke auf und er lehnt sich ein Stück zurück, steht auf und sieht mich verwirrt an. «Was war das gerade eben?» Statt ihm eine Antwort zu geben, scanne ich die Umgebung ab. Nach dem Beurteilen der Gebäude und der Kleidung der Menschen, die an uns vorbeilaufen und uns dabei seltsame Blicke zuwerfen, befinden wir uns etwa im Jahr der Mondwende. Das Jahr als das erste Mal eine Frau über das Land regierte. Meine Ururgrosstante. «Hören Sie mir kurz zu, ich weiss das klingt verrückt, aber ich oder besser gesagt; wir sind in ein Buch und somit auch in diese Zeit gesprungen», erkläre ich und bemerke, dass er mir unmöglich glauben kann. Nachdenklich reibt er sich über das Kinn. Innerlich muss ich mir einen kleinen Stoss geben, damit ich das Nächste wirklich sagen kann: «, Weil ich … die Königin der unendlichen Welten bin.» Erstaunt sieht er mich an. «Davon habe ich gehört, aber geglaubt habe ich es nie. Bis jetzt zumindest.» Mit einem Lächeln hält er mir seine Hand hin und ich nehme sie dankend an und stehe auf. «Was nun?», fragt er. «Ich muss ein Rätsel lösen und dann geht’s wieder in die Gegenwart zurück.» Still beobachtet er, dass auf magische Weise eine Karte mit einem eingezeichneten Weg in meinen Händen erscheint und ich laufe los. Er räuspert sich, nachdem wir mehrere Minuten ohne Worte dem Ziel näherkommen. «Wie heissen Sie eigentlich?» Wie verzaubert, antworte ich ihm direkt: «Chiara, und Sie?» «Kenji.» Lächelnd verbeuge ich mich halbwegs vor ihm. «Freut mich, Sie kennenzulernen». Verlegen winkt er ab und ich muss schmunzeln. Wir betreten einen Wald und es wird kühler und die Tannen verschlingen das Licht der Sonne. Und da, mitten auf dem Weg ist ein grosser Spiegel. Das Ziel. Ich stelle mich direkt davor und mein Spiegelbild blickt mir entgegen: mein dunkles Haar, welches ich geflochten habe, sowie mein ganzes Gesicht und meine Kleidung sind schmutzig. Aber das ist nicht das, was mich beunruhigt, sondern meine blauen Augen, die mich warnend anschauen. Mein Mund formt die Buchstaben G-E-F-A-H-R. Und dann sehe ich es; Kenji der wie ein Schatten hinter mir steht und in seiner Hand blitzt etwas Silbernes auf. Ein Dolch! In letzter Sekunde kann ich ausweichen, doch er hat mich an der Schulter gestreift. Schmerz durchzuckt meinen Körper und ich entferne mich von ihm. Doch er bewegt sich so schnell und elegant wie ein Panther, dass ich mir vorkomme wie die Beute, die keine Chance hat. «Weshalb tust du das?», schreie ich. Er lacht kalt und es kommt mir so vor, als wäre der Mann vor wenigen Minuten nur Einbildung gewesen. «Du sagst das so, als ob ich eine Wahl hätte; habe ich aber nicht. Es ist mein Schicksal.» Schockiert wird mir klar, wen ich vor mir habe. Die Art, wie er es offenbart und angespannt ist, als sei er unter Strom. Kenji ist der Kommandant der königlichen Einheit und das uneheliche Kind des Königs. «Du musst das nicht tun», fange ich an, aber er ignoriert mich und springt auf mich zu und hebt den Dolch und atmet schwer, so dass ich seinen inneren Kampf bemerke. «Du hast meine Mutter auf die schwarze Seite getrieben», knurrt er. Wie wild schüttle ich den Kopf. «Wissen ist Macht, erinnerst du dich, denn ich habe deine Mutter nicht umgebracht», beginne ich. Perplex starrt er mich an.

«Der König war es.»


                                     

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