Die Sonne scheint und man hört nur die Vögel singen. Unter einem auslandenden Apfelbaum sitzt ein kleiner Junge. In der einen Hand hält er ein kleines Schnitzmesser, in der anderen ein Stock. Er nimmt die Vögel um sich herum nicht wahr, so fokussiert ist er an seinem Kunstwerk beschäftigt.
Auf einmal rutscht ihm das Messer ab. Er weint nicht. Er beobachtet nur die kleinen roten Tropfen die aus dem Schnitt an seinem Finger quellen. Es ist kein tiefer Schnitt. Wenig später ist das Blut getrocknet. Er legt das Messer und den Stock zur Seite, steht auf und rennt zum nahen Bach. Er taucht den verletzten Finger ein und wäscht sanft das Blut ab. Als er aufblickt entdeckt er auf der anderen Uferseite ein schwarzes Etwas. Neugierig beobachtet er es. Es bewegt sich. Fast scheint es zu atmen. Er überlegt sich über den Bach zu springen, entscheidet sich aber dann doch das es an dieser Stelle ein wenig zu breit ist. Er schaut den Bachlauf hinauf und sieht einen Baumstamm der weit ins Wasser reicht. Er könnte darüber balancieren und dann rüber springen, denkt er sich. Er steht auf und rennt zu dem Baumstamm. Wie geplant balanciert er erst und springt dann. Nach der geglückten Landung rennt er wieder den Bachlauf hinunter zu dem schwarzen Etwas. Als er genau davor steht sieht er das es ein Rabe ist. Er scheint am einen Flügel verletzt zu sein. Sei Kopf konnte der Junge nicht sehen. Pechvogel, denkt er sich und versucht den Vogel vorsichtig umzudrehen. Der Vogel kreischt auf und richtet sich auf. Auf einmal scheint er nicht mehr verletzt, doch sein eines Auge ist irgendwie komisch. Es leuchtet und ist leicht bläulich. Wahrscheinlich ist er blind, denkt der Junge. Er hat ein solches Auge schon einmal bei einer der älteren Frau im Dorf gesehen. Der Vogel dreht seinen Kopf und schaut ihn mit dem anderen, schwarzen, Auge an. Der Junge schaut seine eigene Spiegelung im Auge des Raben an. Dann blinzelt er einmal und der Rabe ist weg. Als er auf blickt ist alles verschwunden. Der Bach, der Apfelbaum und die grüne Wiese. An ihrer Stelle ein stürmisches Meer aufgetaucht.
Der Junge steht auf und dreht sich einmal im Kreis. Er steht auf einem Boden der aus einem schwarzen Stein besteht. In der Nähe sieht er auf einem niedrigen Hügel einen grossen Leuchtturm aufragen. Doch er ist dunkel. Sonst gibt es nichts. Nur Wasser, Stein und diesen Leuchtturm. Unschlüssig was er tun soll und was geschehen ist, macht er sich auf den Weg zum Leuchtturm. Vielleicht ist dort jemand der ihm all das erklären kann. Langsam steigt er den Hügel hinauf. Umso näher er dem Turm kommt, umso grösser scheint dieser zu werden. Als er ankommt steht die Tür offen. Er ruft hinein, bekommt aber keine Antwort. Drinnen führt eine massive, steinerne Treppe nach oben. Da niemand da zu sein scheint, betritt er vorsichtig den Leuchtturm. Er beginnt langsam und vorsichtig, auf ein Geräusch achtend, die Treppen zu besteigen. Jede Windung sieht gleich aus. Bis er oben ankommt. Auch hier hat es eine offenstehende Tür. Eine Falltür. Er betritt den dunkeln Raum in dem eigentlich das Licht leuchten sollte. Die Wände scheinen ganz aus Glas zu bestehen In der Mitte steht die Halterung mit dem grossen Scheinwerfer. Er sucht nach einem Schalter der das Licht entzünden würde, doch er kann nichts entdecken.
Auf einmal nimmt er eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Der Rabe ist wieder da, denkt er sich. Er sitzt majestätisch auf der Lichthalterung und schaut ihn mit seinem gesunden Auge an. Der Junge geht langsam auf ihn zu. Der Rabe krächzt auf und der Junge zuckt erschreckt zurück. Der Rabe neigt nun den Kopf und schaut neugierig auf die Hand des Jungen. Dieser hebt sie und schaut sie, dem Blick des Raben folgend, an. Der Schnitt ist noch gut zu sehen, doch er schmerzt nicht. Mit erhobenen Hand nähert er sich dem Raben. Dieser schaut unverwandt seine Hand an. Der Junge streckt sie aus um den Vogel zu streicheln. Er weiss nicht weshalb er das tut, doch er weiss einfach das er es tun muss. Als er langsam seine Finger über das weiche Gefieder gleiten lässt, fängt er an Bilder zu sehen. Bilder von ihm selbst. Zuhause, unter dem Apfelbaum, am Bach…und noch viele mehr. Er will die Hand zurückziehen, doch er kann sie nicht bewegen. Als die Bilder endlich verschwinden, öffnet er die Augen. Er sieht den Raben an. Er scheint sich irgendwie verändert zu haben, doch der Junge kann nicht sagen was anders erscheint.
Plötzlich hat er das dringende Bedürfnis sofort zu gehen. Er läuft auf die Falltür zu, oder auf jeden Fall dorthin, wo sie sich befunden hat. Denn sie ist verschwunden. Nervös blickt er sich nach einem weiteren Ausgang um, doch er findet keinen. Er ist eingesperrt. Pechvogel, denkt er sich wieder. Sein Blick fällt wieder auf den Raben. Nun kann er sehen was sich an ihm verändert hat. Er beginnt langsam sich in einem schwachen, schwarzen Rauch aufzulösen. Bis er ganz verschwunden ist. Auf einmal ist der Junge allein. Gefangen in einem Raum aus Glas. Verzweifelt lässt er noch einmal den Blick durch die Leere schweifen. Die nicht mehr komplett leer ist. Im Schatten sieht er ein längliches Objekt am Boden liegen. Er tritt näher. Es ist seine angefangene Schnitzerei und dahinter sein Schnitzmesser. Er hebt beides auf. Instinktiv dreht sich zum Scheinwerfer um. Er weiss nun, dass wenn er das Licht zum leuchten bringt, er hier rauskommen wird. Sein Ausgang hat etwas mit der Schnitzerei zu tun. Sie würde als Schlüssel funktionieren. Er findet schnell das passende Schlüsselloch in der Halterung. Es ist so unscheinbar das er es vorhin wohl einfach übersehen hat. Da der Schlüssel, noch, nicht funktioniert setzt er sich eine Ecke und beginnt wieder mit Schnitzen. Er hat kein Bild im Kopf was es werden soll, doch seine Hände wissen es. Als er fertig ist steckt er den Schlüssel wieder in das dazugehörige Loch und versucht ihn zu drehen.
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