"Only in my dreams" - Eine Geschichte von Petra Eichler - Young Circle

«Only in my dreams» – Eine Geschichte von Petra Eichler

Member Stories 2026

«Only in my dreams» – Eine Geschichte von Petra Eichler

Manche Menschen verschwinden aus der Welt, aber nicht aus unseren Träumen. Drei Jahre nach dem Tod ihrer kleinen Schwester begegnet Ava ihr immer wieder in Erinnerungen und in der Nacht. Eine berührende Geschichte über Verlust, Schuldgefühle und die Liebe zwischen Geschwistern.

Der kalte Wind bliess um meine Beine, während ich mit pochendem Herz über das weiche Moos schlenderte. Ein herber Duft der hohen Fichten, welche sich rund um die Lichtung erstreckten, stieg mir in die Nase. Ich blieb stehen und lauschte dem fernen Vogelzwitschern, welches aus den Tiefen des Waldes drang.

Plötzlich ertönten vor mir leise Schritte, die langsam immer näherkamen. Hinter einer der alten Fichten tauchte ein junges Mädchen auf. Ein weisses, mit Rüschen bedecktes Kleid, schmiegte sich an ihre blasse Haut und an ihren Füssen trug sie braune Ledersandalen. Ihr langes, hellblondes Haar leuchtete im gedimmten Licht des Mondes, heller, als man sich vorstellen konnte. Sommersprossen bedeckten ihr Gesicht, während ihre blauen Augen aufleuchteten. «Ava!»

Mit offenen Armen rannte sie auf mich zu, wobei ihre Haare wild herumflatterten.

Lachend fing ich sie auf und drückte sie ganz fest. Es fühlte sich an, als wäre es gestern gewesen.

«Alles Gute Izzy», sagte ich und hielt ihr den kleinen Blumenstrauss hin, welchen ich zuvor gepflückt hatte. Dies war schon, seit ich denken konnte, eine Tradition zwischen mir und meiner kleinen Schwester. Am Morgen unserer Geburtstage gingen wir gemeinsam auf den Feldern vor unserem Haus Blumen pflücken, solange, bis unsere Mutter uns zum Frühstück rufen würde.   

Träumerisch betrachtete sie die Schneeglöckchen. «Die sind hübsch.»

Ich musste mich zusammenreissen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Heute wäre Izzy elf geworden.

Schniefend pflückte ich eine weitere Blume und steckte diese hinter Izzy’s Ohr, wobei sie kichernd zusammenzuckte. Wie sehr ich ihr Lachen vermisste.

Ohne sie war die Welt trüb, unbeschreiblich einsam.

«Ich vermisse dich», sagte Izzy, während sie vorsichtig die Blätter einer Blume abriss und diese nach und nach wie feine Schneeflocken zu Boden fallen liess.  

Lächelnd nickte ich. «Ich dich auch.»

Oh, und wie ich das tat.

Vor drei Jahren gaben mir meine Eltern die Aufgabe, auf Izzy aufzupassen. Es war ein sonniger Tag im Juli, also beschloss ich, mit ihr in den Park zu gehen. Ich schaute stundenlang zu, wie sie auf dem Spielplatz herumtobte, bis sie plötzlich verschwunden war. Ich begann, den Park nach ihr abzusuchen, bis das Sirenengeheul einer Ambulanz mich innehalten liess. Sofort wurde mir bewusst, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Später stellte sich heraus, dass Izzy einem Ball hinterhergeeilt und somit vor ein Auto gerannt war. Bis heute konnte ich mir nicht genau erklären, wie ich sie aus den Augen lassen konnte, doch ich hasste mich dafür.  

Bloss der Gedanke an diesen Tag liess eine Träne meine Wange herunterkullern.

«Warum weinst du?» Izzy legte besorgt ihren Kopf schief. «Hast du dich verletzt?»

       «Nein, nein», entgegnete ich schniefend. «Du fehlst mir bloss so sehr.»

Natürlich gab ich mir selbst die Schuld, dass Izzy heute nicht mehr unter uns war. Für immer werde ich mit dieser Last in meinem Herzen leben müssen und dem schlechten Gewissen, dass ich für den Tod meiner Schwester verantwortlich war, egal wie oft mir Leute sagten, dass ich nichts daran hätte ändern können. Ich sei schliesslich auch noch ein Kind gewesen, sagten sie immer. Doch sie wussten nicht, wie es war, zu wissen, dass man versagt hatte. Als grosse Schwester, aber auch als Tochter.

Izzy die Wahrheit zu erzählen, brachte ich nicht über mich.

Meine Eltern hatten mich nie für den Tod meiner Schwester verantwortlich gemacht, sondern gaben sich selbst die Schuld. Tief in meinem Inneren war mir jedoch bewusst, dass ich mir diesen Fehler nie verzeihen werden kann, egal wie viele Jahre vergingen.

Abends lag ich manchmal heulend im Bett und zerbrach mir den Kopf darüber, was alles anders hätte gehen können. Vielleicht hätte sie überlebt, wenn ich besser aufgepasst hätte oder wenn ich bei ihr geblieben wäre, anstatt mich auf die Bank zu setzten. Möglicherweise könnte sie heute noch kichernd durch die Gegend rennen, wenn wir bloss zu Hause geblieben wären. Doch daran konnte ich nichts mehr ändern, und dies war wahrscheinlich das Schlimmste am Ganzen.

Schnell wischte ich meine Tränen weg und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen.

«Mom und Dad haben dich ganz doll lieb», sagte ich, während ich eine ihrer blonden Strähne hinters Ohr strich. «Sie denken ständig an dich.»

Unbekümmert zupfte Izzy weiter an ihrem Blumenstrauss. «Das ist gut.»

«Ja», stimmte ich lachend ihr zu. «Das ist es.»

Der schrille Ton des Weckers riss mich aus dem Schlaf. Müde rieb ich meine Augen, während ich mich aufsetzte. Erneut breitete sich dieses enttäuschende, bedrückende Gefühl in mir aus, wie jeden Morgen, wenn ich bemerke, dass nichts von all dem echt war. Izzy, war nicht echt.  

Langsam schlüpfte ich in meine Schlappen und stand auf. Doch bevor ich mein Zimmer verlassen konnte, blieb ich angewurzelt vor dem Fenster stehen.

Draussen neben dem farbigen Blumengarten, inmitten des grünen Rasens, stand die rostige Schwingschaukel, welche Dad vor Jahren für uns gebaut hatte. Ich und meine Schwester hatten stundenlang auf dieser Schaukel gesessen, bis es dunkel wurde und Mom uns hineinrief, dass wir uns schlafen legen sollten.

Wie sehr Izzy diese Schaukel geliebt hatte.

Die Art, wie ihre Augen aufleuchteten, sobald man die Schaukel höher anstiess und das Hallen ihres freudigen Lachens durch den Garten, welches jeden Kummer vertrieb.

Doch dieses Lachen existierte nur noch in meinen Träumen.     
                                     

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