"One Friday" - Eine Geschichte von Giulia Bieri - Young Circle

«One Friday» – Eine Geschichte von Giulia Bieri

Member Stories 2026

«One Friday» – Eine Geschichte von Giulia Bieri

Ein verschneiter Nachmittag, mysteriöse Spuren im Schnee und eine unerwartete Begegnung. Was als Neugier beginnt, wird zu einer Entscheidung, die alles verändert.
Eine Geschichte über Mut, Freundschaft und zweite Chancen.

Freitag der 10 November

Als die Glocke endlich schrillte packte ich meine Sachen zusammen und stand auf. «Evelyn ich beende den Unterricht nicht du. Pack dein Zeug wieder aus.» Ich stöhnte, aber setzte mich wieder hin. Frau Huber nickte mir mit ihrem ewig mürrischen Gesicht zu. Ob die wohl je lächeln würde? Na wegen mir jedenfalls nicht. «Gut meine Lieben ihr dürft zusammenpacken und gehen. Schönes Wochenende.» Ich schnaubte. Dem Blick nach den sie mir zuwarf, wünschte sie mir alles andere als ein «Schönes Wochenende». Ich ging nach draussen und zog meine Schuhe an. «Ach Evelyn. Kannst du nicht einmal geduldig sein und warten bis der Unterricht vorbei ist?» Sagte eine Stimme hinter mir. «Haha sehr witzig.» «Ja echt!» «Ach hör doch auf. Ich habe keine Nerven mehr Tom.» «Hey ich auch nicht. Kommst du heute noch…» Ich seufzte. «Ich habe keinen Bock sorry. Ich geh nachhause. Ich schreib dir. Okay?» Ohne seine Antwort abzuwarten, schnappte ich mir meine Jacke und Mütze und lief los. Als ich das Schulgebäude verliess, flogen mir eisige Schneeflocken um die Ohren. Na super. Ich lief, mit kräftigem Gegenwind im Gesicht, den Weg hinunter. Ich schaute auf meine dicken Winterstiefel, die Spuren in den Schnee auf der Strasse pflügten. Da sah ich vor mir plötzlich noch andere Fussspuren. Es mussten zwei Personen hier entlanggelaufen sein, erst vor kurzem, denn die Spuren wurden noch nicht vom neuen Schnee überdeckt. Doch die eine spur zeigte sich nur alle fünf schritte, während die andere stetig weiterführte. Ich blickte auf. Die Spuren führten, Moment mal in den Wald? Ich stand für eine Minute regungslos da. Sollte ich der Spur folgen? Oder besser einfach nachhause gehen? Ich war müde und hungrig, doch meine Neugier war geweckt. Also tappte ich vorsichtig den Spuren hinterher an den Waldrand. Das Gelände war hier wieder flacher, sodass man ziemlich weit sehen konnte. Die Spuren verliefen nicht gerade, sondern in einer Art Zickzackmuster, hin und her.

Ich hielt inne. Wahrscheinlich reagierte ich nur wieder über.  «Ich lese einfach zu viele Krimis! Na was solls nachsehen kann ich ja trotzdem.» Ich lief weiter über den Asphalt den Blick auf die Spuren am Boden fixiert. Da sah ich plötzlich ein paar Schwarze Schuhe vor mir. Ich blickte auf aber da stiessen wir auch schon zusammen. Ich fluchte und sah auf.  Vor mir im Schnee lag ein Mädchen, mit Schuhen die Definitiv mehr als eine Nummer zu gross für sie waren.  Sie hatte hellorange haare, die ihr bis zur Schulter reichten und trug einen Mantel und Mütze, Beide ebenfalls in schwarz gehalten. Doch trotz ihres neuen Haarschnitts und der Mütze erkannte ich sie. «Ähm hi.» Ich schwieg. «Ja lange nicht mehr gesehen.» Antwortete sie mir. Stille. «Was machst du hier?», platzte es aus mir heraus. Sarah schloss die Augen für eine Sekunde.  Als sie sie wieder öffnete, trat ein Ausdruck in ihre Augen. Schmerz? Wut?  Sie erhob sich und klopfte sich den Schnee ab. «Was wohl. Ich lebe hier» Ungläubig starrte ich sie an. «Im Wald? Aber dein Bruder ist verletzt?» Sie grinste.  «Er wollte auf einen Baum klettern. Kannst dreimal raten was er nicht geschafft hat.» Klassisch. Zu Klassisch.  «Sarah.» Ich sah sie warnend an. Sie seufzte. «Schon gut Sherlock Steiner, du hast mich ertappt.» Sie schnaubte. «Du solltest vielleicht jetzt auch mal aufstehen, du holst dir noch eine Lungenentzündung.» Ich stand schnell auf und wischte mir ebenfalls den Schnee ab. «Was ist passiert? Ich rufe meine Mutter an, sie kann uns abholen.» Ich griff nach meinem Handy doch Sarah schüttelte hastig den Kopf. «Besser nicht. Nach dem was ich und Nick abgezogen haben will uns nicht mal mehr deine Mutter helfen.» Ich sah sie fragend an, steckte aber das Handy wieder zurück in meine Jackentasche.  «Also.» Sie holte tief Luft. «Ich und Nick brauchten was zu essen und da haben wir versucht uns was im Supermarkt zu besorgen.  Vor etwa einer Stunde. Wir brauchten was zu essen… Nur hat das nicht besonders gut geklappt. Nick hat sich dann noch das Bein auf einer Treppe verstaucht. Das vermute ich zumindest.» Ihr rann eine Träne die Wange hinunter. Mir stand der Mund offen. Seit sie und ihr Bruder vor ein paar Monaten von der Schule genommen wurden hatte sie nicht mehr an sie gedacht. Wir hatten alle vermutet sie wären auf eine andere Schule gekommen. Nun stand sie da. «Deine Eltern?» Erkundigte ich mich. «Sie gaben uns ein wenig Geld und haben uns rausgeschmissen. Wir wären nun beide alt genug und könnten selbst auf uns aufpassen.» Sie senkte den Kopf. Ich griff wieder nach meinem Handy. «Nein bitte…» Flehte sie. «Sie wird das verstehen, schliesslich ist das nicht eure Schuld. Ein Anwalt kann das schon regeln.», motzte ich. Etwas sanfter fügte ich hinzu; «Vertrau mir alles wird gut.» Ich griff nach ihrer Hand. «Hallo was gibt’s?», ertönte die Stimme meiner Mutter im Telefon. «Hey Mama! Also ich habe da jemanden gefunden…»

Einen Monat später betrat ich stolz das Klassenzimmer, Sarah führte ich an meiner Hand. Alle blickten ungläubig zu Sarah hinüber. Sie trug einen neuen grünen Pullover, weisse schöne Schuhe, eine Jeans und die Mütze die sie damals trug, als ich sie wiedertraf. Entgegen ihrer Erwartung, liefen unsere Klassenkameraden herbei um sie zu begrüssen. Den meisten von uns hatte sie sehr gefehlt. Tom trat auf mich zu. «So ist das also.» Er grinste. Ich lächelte zurück. «Sag jetzt bloss nichts mit Sherlock Steiner.», warnte ich ihn. «Oh keine Sorge ich will nichts riskieren.» Er wandte sich an Sarah; «Schön, dass du wieder da bist!» Sie lächelte. Da betrat Frau Huber das Klassenzimmer. Als sie Sarah erblickte nickte sie ihr zu und lächelte. Ja tatsächlich Frau Huber konnte lächeln! Und wenn sie lächelte sollte das was heissen!

Ende

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