An meinem 18. Geburtstag fing alles an. Endlich durfte ich mit meinen Kollegen mit, ins Casino. Die Kellnerin fragte, ob ich etwas zu trinken möchte. Meine Kollegen sagten „Ja Alkohol, unser Louis ist heute 18 geworden!“, alle jubelten. „Shots! Shots! Shots…“ Als die Tischlerin uns Alkohol brachte hypten mich meine Kollegen auf, drei ganze Shots zu trinken. In diesem Moment dachte ich nicht nach und trank, sowie meine Freunde. Mir wurde schwindlig, Schweiss lief über meiner Stirn. Meine Sicht wurde plötzlich immer nebliger. Auch meine Erinnerungen sind neblig, aber ich versuche jetzt mein Bestes alles genau zu erzählen. An was ich mich noch klar erinnern kann, ist, wie ich am nächsten Morgen auf der Parkbank aufgewacht bin und mit höllischen Kopfschmerzen nach Hause trottete. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett… Doch dann hörte ich meine aggressive Mutter „Wie, Sie wollen mir sagen ich habe gestern Abend 100‘000 Franken ausgegeben!“, in diesem Moment war ich schockiert. Ich wusste, dass ich Geld verspielte, aber so viel? Meine Mutter kam rasch in meinem Zimmer und schrie mich an „Bist du eigentlich noch ganz im Kopf! Zuerst klaust du mir meine Kreditkarte und dann verspielst du noch mein ganzes Geld!“ „Mama, ich…“
„Ach hör auf mit dem Schwachsinn und geh aus meinem Haus! Du bist hier nicht mehr willkommen!“ Und so schmiss mich meine Mutter raus. Ich lief durch die Strasse und suchte auf meinem Handy, ob es ein Hotel in meiner Nähe gab, damit ich dort eine Nacht verbringen kann, mit meinen letzten 50 Franken.
Ich fand tatsächlich ein kleines Hotel gleich um die Ecke. Es sah alt aus und das Licht beim Eingang flackerte. Ich ging rein und fragte den Mann an der Rezeption, ob ich ein Zimmer für eine Nacht haben kann. Er schaute mich kalt von oben bis unten an, als ob er schon wusste, dass mit mir etwas nicht stimmt.
„50 Franken“, sagte er.
Ich gab ihm mein letztes Geld und bekam einen Schlüssel. Das Zimmer war klein und schäbig, das Bett knarrte und es roch nach Rauch, aber mir war alles egal. Mein Kopf tat immer noch weh und ich konnte kaum glauben was gestern passiert war. 100’000 Franken, wie habe ich das geschafft…
In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Immer wieder sah ich die Lichter vom Casino vor mir und hörte die Stimmen von meinen Kollegen, die immer wieder riefen „noch einmal, noch einmal“. Ich sagte mir, dass ich nie wieder dort hingehe. Wirklich nie wieder.
Am nächsten Morgen ging ich nach draussen und wusste nicht einmal wohin. Meine Mutter wollte mich nicht mehr sehen und ich hatte kein Geld mehr. Ich lief einfach durch die Stadt und setzte mich irgendwann auf eine Bank. Neben mir lag eine kleine Visitenkarte vom Casino. Ich weiss bis heute nicht wieso, aber ich hob sie auf und steckte sie in meine Jacke.
Die nächsten Jahre gingen schnell vorbei, oder vielleicht auch nicht, ich weiss es nicht mehr so genau. Ich fand einen Job, verlor ihn wieder, fand einen neuen, verlor wieder alles. Jedes Mal dachte ich, jetzt höre ich auf mit dem Spielen. Aber jedes Mal, wenn ich nur an einem Casino vorbei lief, fing mein Herz schneller an zu schlagen, es raste richtig, und die Erinnerungen kamen wieder hoch.
Mit 23 bekam ich Arbeitslosengeld, mein Leben ging langsam bergauf. Doch mit 26 haben sie es mir wieder abgenommen, da ich, nicht regelmässig Bewerbungen schickte’. Mit 30 wurde ich mal kurz verhaftet, für aggressives Verhalten durch Alkoholkonsum. Die Zelle gefiel mir, da ich endlich wieder ein Dach über dem Kopf hatte. Mit etwa 35 verbrachte ich ein paar Tage im Spital, ein 5 Sterne Hotel. Weiches Bett, nettes Personal, gutes Essen, nach diesem Aufenthalt konnte ich mir kaum vorstellen, dass ich wegen Unterernährung eingeliefert worden bin. Ich sagte mir immer, dass alles wieder gut wird, ich muss nur ein Mal gewinnen. Nur ein einziges Mal.
Aber dieser Gewinn kam nie. Stattdessen verlor ich immer mehr; Geld, Freunde, Familie, Arbeit. Alles ging langsam weg. Am schlimmsten war aber, dass ich trotzdem nie aufhören konnte. Selbst wenn ich wusste, dass es falsch ist, ging ich wieder hin. Es war, wie wenn mein Kopf nicht mehr richtig nachdenken konnte. Manchmal sass ich stundenlang irgendwo und fragte mich, wie es so weit kommen konnte. Und jedes Mal kam ich wieder auf den gleichen Punkt zurück. Mein 18 Geburtstag, an dem alles anfing.
Ich werde kurz still und starre auf den Boden. Meine schweissnassen Hände zittern ein bisschen, ohne dass ich es will. Im Raum ist es ruhig, viel ruhiger als ich gedacht habe. Nach ein paar Sekunden höre ich ein leises Blättern von Papier. „Und dann?“, sagte eine Stimme ruhig. Ich schaue auf und sehe die Frau mir gegenüber. Sie sitzt am Tisch und hat einen Block Papier vor sich. Die ganze Zeit hat sie alles aufgeschrieben, was ich gesagt habe. Ich schlucke kurz und weiss nicht genau, was ich noch sagen soll. „Ich weiss nicht“, sage ich mit zitternder Stimme. „Ich wollte es nie so weit kommen lassen.“ Die emotionslose Frau Sager schaut mich lange an, ohne etwas zu sagen. Dann legt sie den Stift langsam auf den Tisch. „Wir sprechen jetzt seit Jahren darüber“, sagt sie ruhig. „Und trotzdem stehen Sie immer noch am gleichen Punkt.“
Mir wird plötzlich kalt, obwohl es im Zimmer warm ist. „Heisst das… es bringt nichts?“, frage ich hoffnungslos.
Sie überlegt kurz, bevor sie antwortet. „Ich sage nicht, dass es nichts bringt“, sagt sie langsam. „Aber wenn Sie selber nicht aufhören wollen, kann Ihnen niemand helfen.“ Es wird still im Zimmer. Man hört nur die Uhr an der Wand. „Die Stunde ist vorbei“, sagt sie dann. „Wir machen nächste Woche weiter.“ Ich stehe auf, nehme meine zerfetzte Jacke und gehe zur Tür.
Bevor ich rausgehe, schaue ich noch einmal zurück in das kleine weisse Zimmer…
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