Sie war nicht meine Mutter, nicht meine Schwester, nicht meine Coiffeuse des Vertrauens. Ihre Schuhe haben nie vor meiner Tür gestanden. Ihre Nummer war nie in meinen Kontakten gespeichert. Der Klang ihrer Stimme ist nie in meine Ohren gedrungen. Ich kenne ihre Lieblingsfarbe nicht, weiss nicht wo sie gewohnt oder wie sie geheissen hat. Ich weiss nichts über sie. Ich weiss nichtmal, wie sie gelächelt hat, denn auf dem Foto, das über dem Sarg hängt, ist ihre Miene starr, neutral – wie auf einem Passfoto.
Ihre kleinen, eingefallenen Augen scheinen mich fragend anzuschauen.
Was machst du hier?
Ich zucke mit den Schultern, als wäre die Frage laut ausgesprochen worden. Was mache ich hier?
Ich greife nach einem Programm, das neben mir auf der harten Kirchenbank lag. Ihr Name war einer dieser Sorte Namen, die man so oft hört, dass man sich gar keine bestimmte Person mehr darunter vorstellt, weil man alleine im eigenen Umfeld schon zwei Lenas und vier Fabios kennt. Sie war 42. Darüber ist nochmal dasselbe Foto gedruckt, das über dem Sarg hängt. Mehr Informationen gibt es nicht. Braucht es auch nicht, denn Beerdigung werden normalerweise von Leuten besucht, die die verstorbene Person gekannt haben.
«Sie war immer für andere da.»
Der hagere, rothaarige Mann, der sich mit träger Haltung am Rednerpult abstützt, schaut nicht auf. Seine Augen sind zu beschäftigt damit, den Text abzulesen. Es muss der Ehemann sein. «Die 42 Jahren mit ihr waren viel zu kurz, doch in unserem Herzen lebt sie weiter.» Er beendet seine Rede und nickt kurz, fast so, als hätte er gerade einen guten Schulvortrag gehalten.
Ich schaue mich um. In den Gesichtern der Menschen, die unregelmässig in der Kirche verteilt sitzen, lese ich absolute Monotonie. Sie sind nicht glücklich, jedoch kann ich auch keine Spur Traurigkeit finden. Eine ander Frau tritt an das Rednerpult und richtet das Mikrofon so nah an ihre spröden, rosa Lippen, dass es beinahe so aussieht, als ob sie reinbeissen will. «Sie hinterlässt eine sehr grosse Lücke in all unseren Leben», hallt ihre Stimme nun viel zu laut von den hohen, eisigen Wänden des Gotteshauses wider. Theatralisch zückt sie ein Taschentuch, welches schon bereit in ihrer Hand lag, und wischt sich eine einzelne, verlorene Träne von der Wange. «Wir sind dankbar für die gemeinsame Zeit!» Ihr folgt ein älterer Mann mit rahmenloser Brille, eine Frau, mit Kindern an beiden Händen und zuletzt der Pfarrer, welcher das Vaterunser spricht und dann, gemeinsam mit allen Anwesenden, in eine lange, pathetische Stille versinkt. Meine Zehen drücken gegen meine Turnschuhe. Mir ist plötzlich unerträglich heiss.
Die ganzen Trauerbezeugungen, die Komplimente und die Worte des Vermissens sind Floskeln, Worthülsen, rhetorische Muster, die auf jede Person passen. In all diesen leeren Ausdrücke habe ich nichts mehr über sie erfahren als das, was auch schon auf dem Programm stand: ihr Name und ihr Alter. Es gibt keine persönlichen Erinnerungen, es redet niemand über ihren Charakter oder über ihre Leidenschaften. Weil es schlicht niemand weiss.
Ich hätte da vorne stehen und beteuern können, was für ein gutes Herz sie gehabt habe und wie sehr sie mir fehlen würde. Niemand hätte gemerkt, dass ich sie nie gekannt habe.
Vielleicht war sie die Mutter einer dieser Personen hier, die Schwester – oder sogar die Coiffeuse des Vertrauens. Doch niemand scheint ihre Lieblingsfarbe gekannt zu haben, niemand scheint ihre Nummer auch nur ein einziges Mal angerufen zu haben. Und niemand erinnert sich an ihr Lächeln.
Eine wütende, intensive Welle überrollt mich. Ich springe auf und dränge mich durch die eng aneinandergereihten Bänke. Meine Schritte hallen laut in der immer noch herrschenden Stille. Ich erreiche die schwere Tür und meine Lungen füllen sich mit scharfer, kalter Luft. Als ich hinfalle, spüre ich zuerst die eindringliche Kälte des Eises, auf dem ich ausgerutscht bin – dann den stechenden Schmerz in meiner Hüfte.
Könnte ich persönliche Erinnerungen teilen, wenn Menschen in meinem Umfeld sterben? Ich versinke in angestrengte Gedanken. In dem grossen, wirren Knoten in meinem Hirn versuche ich ihnen Farben, Eigenschaften, Erinnerungen zuzuordnen.
Es gelingt mir nicht. Ich ziehe mein Smartphone heraus und suche nach Fotos. Beerdigungstauglichen Fotos. Ich finde abfotografierte Bankauszüge und Fahrpläne.
Resigniert lasse ich mein Smartphone sinken und schliesse meine Augen. Ungewollt drifte ich tiefer in die gähnende Leere meines Gedankentempels, dessen Säulen der Zerfall naht.
Wer würde persönliche Erinnerungen an meiner Beerdigung teilen? Wer würde von meinem Lachen erzählen, von meinen Talenten? Wer könnte meine positiven Eigenschaften aufzählen – und gäbe es überhaupt ein lächelndes Foto von mir über dem Sarg?
Im Schwarz meiner geschlossenen Lider sehe ich die Gesichter meiner Freunde und meiner Familie vor mir. Gesichter, die ich zu kennen glaubte, die mir vetraut waren, doch nun? Nun wirken sie fremd, wie Menschen in einem Wartezimmer oder Stimmen, die man durch eine Wand hört. Es ist, als stünde ich vor einem Wohnblock und läse die Klingelschilder durch. Keiner der Namen ist mir bekannt. Und mir wird bewusst, dass ich für all die Menschen auch nur ein unbekannter Name auf einem von vielen Klingelschilder bin. Ich fühle mich naiv, beinahe absurd, weil ich tatsächlich geglaubt habe, meine Beerdigung würde anders aussehen als die, die gerade hinter mir in der Kirche stattfindet. Eine kalte, bitter riechender Decke legt sich über mich.
Mit zittriger Hand greife ich nach den ersten Schneeglöckchen, die sich neben mir wie kleine Soldaten aus den Ritzen zwischen den Steinplatten kämpfen. Ich rapple mich auf, mache kehrt und stosse die Tür auf. Es ist, als ob die Zeit hier drinnen stehen geblieben ist, die schwere Stille hängt immer noch im Raum. Zügigen Schrittes laufe ich den Gang herab und halte vor dem Sarg inne.
Ich lege die ausgerissenen Blumen auf das helle Holz des Sarges und drehe mich um.
Ein Junge steht vor mir. Seine kleinen, eingefallenen Augen sehen mich an.
«Das waren ihre Lieblingsblumen.»
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