Mmh.., der Geruch neuer Bücher. Für mich gibt es selten schönere Nächte wie Liefernächte. Die Stille, das Rascheln von Packpapier, die Geschichten. Sie sind auch alles was ich habe. Seitdem der alte Besitzer der Buchhandlung verstorben ist es mein Zuhause geworden und seit dem kenne ich hier fast jede Seite aus dem ff. Deswegen, aber auch nur deswegen, könnte man meinen man sei geschützt vor Überraschungen. Man irrt sich.
Just als ich zur Tür ging und abschliessen, stand ein Mann vor der Eingangstür. Er wirkte erfreut und – an einem Abend wie diesen würde ich doch gerne meine Freude über Bücher teilen. Es war ein eher älterer Herr. Schwarzes Haar mit gräulichen Spitzen, lange spitze Finger und trotz seiner schlanken Statur durch seinen Mantel eine drückende Erscheinung. Er legte ein Grinsen auf, fing an in den Regalen zu stöbern und fragte mich «Lesen sie gerne?»
Aber ich will doch bitten. «Ist Gras grün?», antwortete ich.
«Nicht in der Sahara.»
ouch! Der hat gesessen«das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. Sehen sie das auch so?»
Man glaubt zu meinen man könne Menschen einschätzen, aber doch wird man tagtäglich neu belehrt. «Goethe», sagte ich. «Nicht schlecht – aber nicht ganz mein Geschmack.»
«Warum denn das?»
«Man kann alles sagen, wenn man es nur richtig sagt.»
Sein Grinsen verschwand und die Luft im Raum wurde schwerer. «Aha, also ein Freund von Fontane. In diesem Fall nehme ich sehen sie Goethe als zu abstrakt»
Dieser Mann erstaunte mich zunehmend mehr. Belesene Menschen sind immer seltener geworden « Genau!»
Die Begeisterung verflog jedoch rasch, als der ältere Mann eine Buch aus einem der älteren Regale zog das ich noch nie gesehen hatte. Der Einband war grün, aus Textil gewoben mit goldener, abblätternder Beschriftung. Wie kann es seine das ich dieses Buch noch nie gesehen hatte. Ohne scheu fragte ich ihn auch was es denn für ein Buch sei.
Doch er antwortete nur kryptisch mit Heine: «Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn auch die Herren Verfasser.»
Ja ja, so sehr wie er mich auch beeindruckte, er ging mir langsam ein wenig auf die Nerven. Als müsste ich mit einem Spiegel diskutieren. Wenigstens haben wir den gleichen Sinn für Sarkasmus.
«Ich nehme es» sagte er entschlossen als ich meinen inneren Monolog beendet hatte.
Als ich das Buch aber in die Hand nahm konnte ich kein Preisettiket finden oder überhaupt den Titel entziffern. Wenn wir nur die erkennbaren Buchstaben betrachten stand auf dem Einband: «N_T_ _EN E_ _ _S _ _ R_ÄU_ _FE_S» Selten hat mich ein Buch so verwirrt. Da es aber sehr mitgenommen aussah bat ich ihm an es einfach mitzunehmen als meine kleine gute Tat für heute. Er sah sehr zufrieden aus und lief durch die Vordertür hinaus.
Darauffolgend holte ich die Pakete vom Hintereingang, staubte die vernachlässigten Regale ab und machte mir mein Abendessen einen Stock über der Buchhandlung. Als ich wieder herunterkam, waren wir am Anfang dieser Geschichte angelangt.
Doch jetzt wo wir gerade darüber reden– auf meinem Tresen liegt ein Buch, genau das, das ich dem älteren Mann geschenkt habe. Zumindest glaube ich das. Denn daneben liegt noch eines. Quasi identisch, nur merklich neuer.
Mein Herz setzt einen Schlag aus.
Links das Buch des Fremden. Rechts – mein Notizbuch.
Wie hatte ich das nicht sofort gesehen? Ich atme schwer und zwinge mich zur Ruhe. Wenigstens ergibt der Einband jetzt Sinn. «NOTIZEN EINES VERKÄUFERS» Meine eigenen kleinen Arbeitsmemoiren – ein einziges Exemplar, eigenhändig gebunden, bis heute erst zu einem Viertel mit Tinte gefüllt.
Wenn ich aber durchs andere Blättere scheint es gefüllt zu sein.
Ich vergleiche die ersten paar Seiten zitternd. Identisch. Meine eigene Handschrift.
Bevor ich weiterblättern kann, fällt mein Blick auf den Vorsatz. Eine Zeile, die dort nie stand:
«Ich bin so alt geworden und habe nichts gelernt als staunen. – Goethe»
Die Luft bleibt mir weg. Mein Mund öffnet sich lautlos.
Kann es sein…
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